Wahlkampf im Osten: Die CDU versteckt Merz vor den Menschen
Friedrich Merz ist der unbeliebteste Kanzler aller Zeiten, die Union liegt bei nur noch 20 Prozent. Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt reist Merz dorthin. Doch seine Partei schottet ihn vor den Menschen ab.
- 5 min read
Montagabend, Quedlinburg, Garten des Schlossbergs. Keine zehn Minuten lang stehen Kanzler Friedrich Merz und Ministerpräsident Sven Schulze Seite an Seite vor den Kameras. Mit ihren eigenen Landtagskandidaten und Lokalpolitikern trafen sich die CDU-Politiker zuvor – hinter verschlossenen Türen.
In seiner Limousine, ohne auszusteigen, hatte sich Merz nur eine gute Stunde zuvor auf dem Schlossberg fahren lassen.
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.
Externen Inhalt anzeigen
Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.
Händeschütteln sechs Tage vor der Wahl? Nicht vorgesehen. Die wenigen Merz-Kritiker waren fast umsonst gekommen. CDU-Anhänger? CDU-Plakate? Nicht zu sehen. Die Junge Union gut 100 Stunden vor Öffnung der Wahllokale in Sachsen-Anhalt? Nicht präsent.
„Es war Wunsch der CDU vor Ort, diesen Termin so stattfinden zu lassen“, sagt Schulze. Merz lächelt gequält. Schulze redet länglich, über Ausbildung, Schulen, Bürgerarbeit, Jobs, Polizei. Er beschwört eine „Rekord-Briefwahlbeteiligung“. Dann ist der Kanzler an der Reihe, beschwört die Vielfalt Sachsen-Anhalts, „deutsche Geschichte“ und ein „modernes Land“.
„Sachsen-Anhalt darf kein Experimentierfeld für Wutbürger werden“, sagt Merz, auf die hohen AfD-Umfragewerte anspielend. Zu den Wählern freilich gebe es „keine Brandmauer“. Nicht zum ersten Mal warnt Merz: Bei einer „Mehrheit für eine rechtspopulistische Partei werden sich internationale Investitionen dreimal überlegen, ob sie in Sachsen-Anhalt investieren“. Am Sonntag werde es ein „gutes Ergebnis“ für die CDU geben.
Es ist einer von zwei Auftritten des CDU-Chefs im vielleicht für seine Partei schwierigsten Landtagswahlkampf aller Zeiten. Wenn Merz in Quedlinburg von der „Vielzahl meiner Besuche in Sachsen-Anhalt“ spricht, kann er den Wahlkampf kaum gemeint haben.
Die Lage der CDU ist prekär. In Umfragen liegt sie bei 23 Prozent, die extrem rechte AfD ist fast doppelt so stark – womöglich kann ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in die Staatskanzlei ziehen und Ministerpräsident Schulze ablösen.
Merz meidet Menschenmengen
Am Donnerstag will Merz noch einmal nach Sachsen-Anhalt reisen, diesmal an den Chemiestandort Leuna. Zweierlei ist bemerkenswert bei diesen Terminen. Erstens: Merz meidet die beiden Großstädte des Landes, Magdeburg und Halle, selbst die größeren Städte Dessau und Wittenberg – also just jene Orte, wo nun einmal die meisten Menschen zur Wahl aufgerufen sind. Stattdessen hält sich Merz in zwei Provinznestern auf, in der malerischen Fachwerk- und Touristenstadt Quedlinburg am Rande des Harzes, und eben in Leuna mit seinen vielen Chemieunternehmen, aber gerade einmal 14.000 Einwohnern.
Zweitens: Merz steigt nicht etwa auf große Wahlkampfbühnen, weder auf Marktplätzen noch in Stadthallen. Im Unesco-Weltkulturerbe Quedlinburg also die Gesprächsrunde mit CDU-Landtagskandidaten, dazu ein Gang durch die Stiftskirche und die Eintragung ins goldene Buch. So könnte auch der Besuch des Bundespräsidenten oder eines gekrönten Hauptes Hoheit in Quedlinburg ablaufen. Nur, dass diese nicht sechs Tage vor einer Wahl und womöglich extrem kniffligen Mehrheitsverhältnissen ab Sonntagabend stehen.
In Sälen tritt Schulze mit Hallervorden auf, nicht mit Merz
Mit seinem Parteifreund Schulze, der in den vergangenen Wochen mit Komiker Dieter Hallervorden durch mehrere Säle des Landes tourte, absolvierte Merz nur das Statement im Schlossgarten. Niemand kann also sagen, Merz habe Sachsen-Anhalt vor der Wahl nicht besucht. Doch die CDU hat sich gegen einen traditionellen Wahlkampfeinsatz des Kanzlers entschieden. Zugespitzt: Die CDU hat Merz zwar eingeladen, ihn aber vor den Menschen versteckt.
Nach diesem Drehbuch ist ebenfalls sein Besuch in Leuna am geplant: Rundgang durch das Unternehmen UPM Biochemicals, danach Diskussion mit Vertretern der Chemiefirma, von InfraLeuna und Vertretern der CDU – abermals müssen Medienvertreter draußen bleiben. Dann Statement mit Schulze.
Merz hätte wohl Buh- und Pfeifkonzerte zu erwarten
Gewiss, eine Merz-Rede in den Innenstädten von Halle oder Magdeburg dürfte zahlreiche Gegen-Demonstranten anziehen, vermutlich vom extrem rechten und dem radikal linken Rand. Es wären wohl Buh- und Pfeifkonzerte der Sonderklasse geworden, stets verbunden mit der Sorge vor Gewalt. Sachsen-Anhalts Polizei hatte schon in den vergangenen Wochen gut zu tun, um diverse Wahlkampfauftritte abzusichern, Anhänger der AfD und Protest-Teilnehmer auseinanderzuhalten.
So aber wird in Erinnerung bleiben, dass Merz das Bad in der Menge, die Auseinandersetzung meidet. Ganz anders übrigens als sein politisches Vorbild Helmut Kohl, der 1991 auf dem Marktplatz von Halle ausgebuht, ausgepfiffen und mit Eiern beworfen worden war.
Heute ist die Lage polarisierter, und der Kanzler wesentlich dünnhäutiger als Kohl. Merz steht extrem unter Druck, wird in den eigenen Reihen kritischer denn je betrachtet. „Er kann es nicht“, ist selbst unter Unions-Bundestagsabgeordneten zu hören. Was aber passiert, sollte die CDU am Sonntag extrem abgestraft werden, und zwei Wochen später, bei den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern abermals?
Sollten die bundesweiten Umfragewerte der Union weiter sinken, gilt die nahe Zukunft von Merz als unkalkulierbar. Rücktritt vom CDU-Vorsitz und Kanzlerwechsel noch 2026 nicht ausgeschlossen.
In Quedlinburg, auf dem Schlossberg, weist Sven Schulze darauf hin, Merz sei das erste Mal überhaupt in der Stadt. „Du hast gesagt“, sagt Schulze, an Merz gerichtet, „dass Du gern mal auch privat wiederkommen möchtest, wo dann mehr Zeit besteht.“ Ein solcher Satz klingt just in der Krise, in der sich gerade Merz befindet, fast ein wenig spitz.