36 Grad in Berlin: Pflegeheimen fehlen die Klimaanlagen – und noch viel mehr

Der Sommer gibt noch einmal alles in Berlin. Die Wetterprognosen gehen von Temperaturen um die 36 Grad am Samstag aus. Besonders hart trifft die Hitze alte Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, ob in den ei...

  • 4 min read
36 Grad in Berlin: Pflegeheimen fehlen die Klimaanlagen – und noch viel mehr

Der Sommer gibt noch einmal alles in Berlin. Die Wetterprognosen gehen von Temperaturen um die 36 Grad am Samstag aus. Besonders hart trifft die Hitze alte Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, ob in den eigenen vier Wänden oder im Heim. In der Hauptstadt sind das mehr als 210.000 Personen.

Die klimatischen Bedingungen in den Pflegeeinrichtungen sind immer wieder Gegenstand der politischen Debatte, auch in diesem Sommer. So beklagte unlängst Katharina Dröge (Grüne), dass Pflegekräfte und alte Menschen in Senioreneinrichtungen massiv unter fehlenden Klimaanlagen leiden würden. Sie forderte ein Sofortprogramm.

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) will Hitzeschutz sogar als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz aufgenommen wissen, sieht aber die Länder und Kommunen bei der Umsetzung in der Pflicht. Der Bund habe aus dem Sondervermögen für Infrastruktur ausreichende finanzielle Mittel für die nächsten Jahre bereitgestellt.

Wachsender Bedarf, stagnierendes Angebot

Die Diskussion um fehlenden Hitzeschutz und die damit verbundenen Forderungen stehen beispielhaft für tiefgreifende Probleme der Altenpflege in Deutschland insgesamt. Prognosen zeichnen ein dramatisches Bild: Immer mehr Menschen werden auf Pflege angewiesen sein, immer weniger werden sich um sie kümmern können. Das System steuert auf einen Kollaps zu.

„Die Pflegewelle kommt erst noch“, so formuliert es Isabell Halletz, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Pflege (AGVP). Laut statistischem Bundesamt wurden 2024 mehr als sechs Millionen Hochbetagte im Alter jenseits der 80 in Deutschland registriert. 2045 werden es Berechnungen zufolge 8,6 Millionen sein, was einem Anstieg von 41 Prozent entspräche. „Wir steuern auf einen sehr großen Eisberg zu, dessen Spitze das eigentliche Ausmaß der Auswirkungen nur erahnen lässt“, sagt Halletz.

„Pflegekrise darf keine Gesellschaftskrise werden“

Schon jetzt übersteigt die Nachfrage das Angebot: Nach Angaben des AGVP fehlten im vergangenen Jahr bundesweit knapp 60.000 Heimplätze.

Zugleich ziehen die Kosten in der Pflege an. Während die Verbraucherpreise von 2018 bis heute durchschnittlich um etwas mehr als 27 Prozent anwuchsen, stiegen die Eigenanteile für Heimbewohner um gut 76 Prozent. Gestaffelt nach der Aufenthaltsdauer in einer Einrichtung betrugen sie zuletzt zwischen 2111 und 3677 Euro im Monat. In 35 Prozent der Fälle musste das Sozialamt einspringen.

„Aus der Pflegekrise darf keine Gesellschaftskrise werden“, sagt deshalb Thomas Greiner, Präsident des AGVP. Die Politik habe die drängenden Probleme der Altenpflege seit Jahren ignoriert, egal unter welchem Gesundheitsminister der zurückliegenden 15 Jahre.

Vom neuen Ressortchef Carsten Linnemann (CDU) und dessen Kabinettskollegen erwartet der Lobbyist ein grundlegend neues politisches Verständnis. „Pflege ist längst nicht mehr ein reines Gesundheitsthema“, sagt Greiner. „Pflege ist Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Gesellschaftspolitik.“ Die Zeit dränge, erforderliche Kapazitäten müssten rasch aufgebaut werden angesichts des erwarteten Zuwachses an Pflegebedürftigen innerhalb des kommenden Jahrzehnts. „Wenn wir nicht heute entscheiden, dann wird morgen nicht gebaut.“

Experte zur Pflege in Deutschland: „Unser System führt zu absurder Ungerechtigkeit“

Pflege in Deutschland

Experte zur Pflege in Deutschland: „Unser System führt zu absurder Ungerechtigkeit“

Zwar werden mehr als 80 Prozent der Pflegebedürftigen hierzulande in den eigenen vier Wänden versorgt, von Angehörigen, teils unterstützt von ambulanten Pflegediensten. Doch insbesondere von den pflegebedürftigen Frauen zieht rund die Hälfte irgendwann in eine stationäre Einrichtung. Das ergab eine Analyse des Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang aus Bremen.

Nach seiner Einschätzung seien Pflegeheime am wirtschaftlichsten: Dort befinde sich alles Benötigte an einem Ort konzentriert, der Einsatz von Personal sei besser zu optimieren.

Als Akuttherapie für das schwer erkrankte System hatte Carsten Linnemanns Vorgängerin Nina Warken (CDU) kurz vor ihrem Wechsel als Ministerin ins Kanzleramt einen Referentenentwurf für ein Pflegeneuordnungsgesetz vorgelegt. Thomas Greiner gehen die darin fixierten Eckpunkte nicht weit genug.

Statt in einem ineffizienten System zu sparen und den Mangel mit überbordender Bürokratie zu verwalten, sagt Greiner, müssten  innovative Wohn- und Versorgungsformen gefördert werden, die den demografischen Anforderungen gerecht würden. „Insbesondere Wohnformen, die aus dem Markt heraus selbst entwickelt werden.“ Wohngemeinschaften etwa oder ganzheitliche Quartierskonzepte.

Dazu sollten den Unternehmen der Branche Investitionen erleichtert werden, fordert der AGVP-Präsident weiter. Sie bräuchten mehr Handlungsspielraum.

Unternehmen müssen selbst in Hitzeschutz investieren

Dass die Altenpflege in Zukunft vor allem auch Geld braucht, zeigt das gegenwärtige Problem mit dem Hitzeschutz. Wie Umweltminister Schneider bekräftigt, sind dafür Länder und Kommunen zuständig. An sie gerichtet sagt Isabell Halletz: „In Zukunft wird mehr investiert werden müssen.“

Am Ende profitierten die Länder von starken Strukturen, wenn es den Pflegebedürftigen und den Pflegekräften gutgehe. Allerdings: „Die Frage wird sein, welche Unternehmen genügend finanzielle Eigenmittel haben, um in Hitzeschutz zu investieren“, sagt Halletz.

Die Politik verschließe die Augen, blende das Unabwendbare aus, sagt die Geschäftsführerin, sagt auch ihr Präsident. Sie finden, das staatliche System reagiere zu langsam auf die klimatischen Herausforderungen – die aktuellen wie die zu erwartenden. Eben wie ein Schiff mit Kurs auf einen Eisberg.

Lesen Sie mehr zum Thema