Seit 1978 kämpft China gegen die Ausbreitung der Wüste: Eine 4500 Kilometer lange „grüne Mauer“ soll den Sand stoppen – doch Forscher haben den Fehler gefunden

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Seit 1978 kämpft China gegen die Ausbreitung der Wüste: Eine 4500 Kilometer lange „grüne Mauer“ soll den Sand stoppen – doch Forscher haben den Fehler gefunden

4500 Kilometer lange „grüne Mauer“ soll Ausbreitung der Wüste stoppen: Forscher zeigt Schwächen bisheriger Strategie

Stand: 16.10.2026, 14:01 Uhr

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Wüste in China breitet sich aus

Die Forschungsergebnisse könnten den Kampf gegen die Ausbreitung der Wüste in China revolutionieren. Doch dafür braucht es wohl die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Behörden. © KI-generiert / Gemini

Mehr als ein Viertel Chinas ist Wüste. Seit 1978 kämpft das Land mit einem beispiellosen Baumpflanzprojekt dagegen an. Neue Forschung zeigt: Bäume allein scheitern. Die Lösung liegt in einem anderen Material.

Staubstürme fegen durch Städte, Felder verschwinden unter Sand, und fruchtbares Land stirbt ab: Rund 27 Prozent Chinas sind heute von Wüste bedeckt. Das Land kämpft seit Jahrzehnten gegen diese Ausbreitung – mit einem der größten Naturwiederherstellungsprojekte der Menschheitsgeschichte. Doch neue Forschung zeigt: Die bisherige Strategie hatte erhebliche Schwächen. Und eine überraschend schlichte Technik könnte das Projekt retten.

Zunächst ein kurzer Rückblick: Bereits in den 1960er-Jahren begann in China die Idee zu reifen, grüne Barrieren gegen die vordringende Wüste zu errichten. Nach ersten kleineren Versuchen startete die Volksrepublik im Jahr 1978 offiziell das sogenannte „Three-North Protective Forest Program“, heute weit bekannter unter dem Namen „Große grüne Mauer“. Das Ziel: ein 4500 Kilometer langer Schutzwall aus Bäumen, Büschen und Gräsern quer durch den Norden des Landes. Auf einer Fläche von 471.116 Quadratkilometern hat China seither Vegetation gepflanzt. Doch ein erheblicher Teil davon hat nie dauerhaft Wurzeln geschlagen.

Millionen Bäume scheitern an Chinas Wüste – neue Studie belegt das Ausmaß

Wie verheerend die Rückschläge wirklich waren, belegt nun die Forschung des chinesischen Ökologieprofessors Xiao Zheng und seines Teams. Ihre Studie zeigt: Schon kurz nach der Pflanzung beginnt das Sterben. Nach drei bis fünf Jahren lebten noch 65,4 Prozent der bepflanzten Flächen. Wer glaubt, die übrigen Bäume und Büsche hätten sich anschließend gefestigt, irrt. Nach sechs bis zehn Jahren waren lediglich 40,1 Prozent der bepflanzten Gebiete als stabiles Wald- oder Buschland zu bezeichnen. Der Rest hat nie dauerhaft angewurzelt.

Besonders bitter: In den ersten Jahrzehnten hatten die Behörden fast ausschließlich schnell wachsende Baumarten eingesetzt, um möglichst rasch möglichst viel Grün zu schaffen. Diese Monokultur-Strategie erwies sich als anfällig. Desertifikation, die schleichende Zerstörung von Böden in trockenen Regionen, die vorwiegend durch menschliche Eingriffe entsteht und durch den Klimawandel verstärkt wird, lässt sich eben nicht mit einer einzigen Pflanzenart besiegen.

Strohquadrate als unterschätztes Fundament

Das zentrale Problem vor jeder Bepflanzung ist der Flugsand. Sobald der Wind über die trockene Wüstenoberfläche streicht, setzt er einen sich selbst verstärkenden Prozess in Gang: Sandkörner prallen gegen andere, die dann ebenfalls ins Rollen kommen. Direkt in diesen „nackten“ Sand Bäume zu pflanzen, ist zum Scheitern verurteilt.

China hat deshalb eine verblüffend einfache Methode entwickelt: Stroh wird in gleichmäßigen Quadraten mit typischerweise einem Meter Seitenlänge in den Wüstenboden gedrückt, wobei die Halme zehn bis 20 Zentimeter herausragen. Diese kleinen Wände bremsen den Wind bodennah ab.

Desertifikation – wenn die Wüste zur Falle wird

Verliert der Boden seine schützende Vegetationsdecke, setzt eine Abwärtsspirale ein: Wind weht fruchtbaren Oberboden fort, Regen spült Nährstoffe weg und übermäßige Bewässerung kann zur Versalzung führen.

Ein weiteres sichtbares Symptom ist die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Sandstürmen, die sich in den vergangenen Jahren vervielfacht hat. Besonders hart trifft die Desertifikation ärmere Länder, weil diese stärker von natürlichen Ressourcen abhängig sind und kaum Ausweichmöglichkeiten besitzen.

Im Jahr 2023 wies Ingenieur Haojie Huang von der University of Shanghai for Science and Technology in einem Forschungsprojekt nach, wie genau diese Strohquadrate die Luftströmung verändern: Kurz hinter den Barrieren verliert der Wind in Bodennähe deutlich an Tempo, Sandkörner können weniger leicht weitergeworfen werden. Gleichzeitig sammeln sich in den ruhigen Taschen zwischen den Halmen feiner Staub, organisches Material und Feuchtigkeit, ideale Bedingungen für Samen und junge Pflanzen. Je mehr Reihen Stroh eingesetzt werden, desto stärker ist der Effekt.

Büsche statt Bäume: die entscheidende Erkenntnis?

Wenn der Sand gebändigt ist, stellt sich die nächste Frage: Was pflanzen? Die Forschung von Professor Xiao Zheng gibt darauf eine klare Antwort. Zwischen den Jahren 1978 und 2022 wuchs die Waldfläche innerhalb der „Großen grünen Mauer“ um 42,5 Prozent. Klingt zunächst beachtlich, doch die Buschfläche legte im selben Zeitraum um ganze 184,4 Prozent zu. Büsche überstehen Wind und Sanddruck schlicht wesentlich besser als Bäume.

Grüne Technologien

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Forscher fordern daher, künftig stark darauf zu achten, standortangepasste Arten einzusetzen, statt überall denselben dichten Wald anzustreben. Damit die Pflanzen überleben, investiert China zusätzlich in moderne Hilfsmittel: Solarbetriebene Tröpfchenbewässerungsanlagen versorgen frisch eingepflanzte Büsche und Bäume mit Wasser. Zäune schützen sie vor weidenden Tieren, Schattennetze vor der sengenden Sonne, bis die Wurzeln tief genug reichen. In manchen Regionen übernehmen sogar Drohnen die Aussaat, um große Flächen effizienter zu bedecken. Schließlich, wenn der Bestand dichter wird, muss ausgedünnt werden, damit nicht schnell wachsende Arten die robusteren, langsameren verdrängen.

Was die „grüne Mauer“ – trotz allem – schon geleistet hat

Trotz aller Rückschläge ist die Bilanz der „Großen grünen Mauer“ nicht negativ. Die durchschnittliche Waldbedeckung Chinas stieg von etwas über fünf Prozent auf fast zehn Prozent. Sandstürme treten seltener auf, und viele gefährdete Landwirtschaftsgebiete wurden stabilisiert. Die angepflanzten Wälder binden zudem Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr und wachsen in bestimmten Regionen schneller als natürliche Wälder. Ab 2031 bis 2050 verschiebt sich der Projektschwerpunkt schrittweise von der Neubepflanzung hin zur langfristigen Sicherung und Sanierung bereits bepflanzter Flächen.

Weltweit werden jährlich 120.000 Quadratkilometer fruchtbares Land in Wüste umgewandelt, mehr als eine Milliarde Menschen sind von Bodendegradation bedroht. Chinas Erfahrungen sind deshalb von globalem Interesse. Das zeigt sich beispielsweise auch bei einem anderen Projekt: China verwandelte Teile der Wüste in riesige Solarparks, um Strom zu gewinnen. China erhielt dafür im Jahr 2017 eine Umweltauszeichnung der Vereinten Nationen.

Zurück zur „grünen Mauer“: Andere Länder folgen Chinas Beispiel bereits. Indien startete 2023 die „Aravalli Green Wall“, die 15.000 Quadratkilometer zerstörtes Land im Nordwesten wiederherstellen soll und eine Länge von 1400 Kilometern erreichen wird. Saudi-Arabien begann 2021 mit der „Saudi Green Initiative“, die auf einer Fläche von 740.000 Quadratkilometern zehn Milliarden Bäume vorsieht. Die bereits seit 2007 laufende „Afrikanische Grüne Mauer“ soll 8000 Kilometer quer durch den Sahel verlaufen und eine Million Quadratkilometer Land wiederherstellen. Algeriens „Barrage Vert“, ein 1500 Kilometer langer Waldgürtel zwischen Sahara und Nordsteppe, wurde schon im Jahr 1971 begonnen, kämpft aber bis heute mit Dürre und Überweidung.

Chinas „grüne Mauer“ als Blaupause für die Welt

Die größte Herausforderung für die „Große Grüne Mauer“ China steht womöglich noch bevor: nicht nur Bäume, Büsche und Gräser zu pflanzen, sondern sie in einer sich weiter aufheizenden Welt dauerhaft am Leben zu erhalten. Die Kombination aus Strohquadrat-Technik, standortangepassten Pflanzenarten und moderner Bewässerung zeigt aber, dass auch gewaltige Umweltprobleme lösbar sind, wenn der Einsatz langfristig, zielgerichtet und lernbereit bleibt. Für Länder weltweit, die mit Wüstenausbreitung ringen, liefert China damit eine wertvolle Blaupause. (Quellen: Studie von Haojie Huang, Studie von Xiao Zheng, AFP, AP, GEO, Archiv) (tu)