Naher Osten: Dieser Krieg kennt nur Verlierer
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,wer in den Nahen Osten blickt, sieht keine Landkarte mehr, sondern eine Wunde. Gaza ist ein Schuttmeer, in dem Menschen zwischen Zeltplanen und Betonstaub hausen, einge...
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
wer in den Nahen Osten blickt, sieht keine Landkarte mehr, sondern eine Wunde. Gaza ist ein Schuttmeer, in dem Menschen zwischen Zeltplanen und Betonstaub hausen, eingepfercht hinter einer "gelben Linie", dank der Israels Armee zwei Drittel des Gebiets kontrolliert. Im Südlibanon stehen ausgebrannte Ruinen, die mal Dörfer waren. Auch im Süden Syriens ragen Trümmer in den Himmel. Seit einem Jahr gilt eine von Washington diktierte "Waffenruhe", die ihrem Namen nicht gerecht wird. Allein im Gazastreifen sind seither tausend Menschen gewaltsam zu Tode gekommen. Frieden herrscht dort nicht, allenfalls Grabesruhe.
Die Wurzeln des Konfliktes reichen Jahrzehnte zurück. Gaza ist schon lange kein Ort mehr, an dem Hoffnung gedeiht. 1967 besetzt, 2005 von israelischen Siedlern und Soldaten verlassen, nach der Machtübernahme der Hamas ab 2007 von Israel abgeriegelt – zu Land, zu Wasser und in der Luft. Zwei Millionen Menschen, mehr als die Hälfte von ihnen Kinder, drängen sich auf 365 Quadratkilometern, die meisten ohne Erlaubnis, jemals hinauszugehen. Freiluftgefängnis haben das nicht nur Aktivisten genannt, sondern auch westliche Regierungschefs. Wer Menschen jede Tür versperrt, muss sich nicht wundern, wenn sie den Rattenfängern folgen, die durchs Fenster steigen.
Die Hamas hat die Verzweiflung der Palästinenser im Gazastreifen nicht gelindert, sondern geerntet. Sie baute nicht Schulen, sondern Tunnel, kilometerlang, unter Wohnblocks, Kliniken und Kindergärten. Sie nahm Geld, Raketenteile und Know-how aus Teheran – und sie nahm die eigene Bevölkerung in Geiselhaft, um sie als lebenden Schutzschild im Kampf gegen Israel zu missbrauchen.
Das blieb nicht unbeobachtet, tatsächlich hatte es Warnungen gegeben: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu soll seit 2018 wiederholt über drohende Angriffspläne der Hamas informiert worden sein. Doch er hielt die Islamisten für beherrschbar und schickte seine Soldaten lieber ins Westjordanland, um dort noch mehr Hügel zu besetzen.
Das ist die Vorgeschichte des 7. Oktober 2023, der sich trotzdem jeder menschlichen Logik entzieht. Im Morgengrauen flogen Hamas-Terroristen mit Gleitschirmen über den Grenzzaun, rasten in Pick-ups zu 20 Kibbuzim und einem Technofestival in der Wüste – und ermordeten dann in stundenlangen Kämpfen mehr als 1.200 Menschen. Die meisten von ihnen waren Zivilisten, erschossen in Schutzräumen, verbrannt in ihren Häusern, vergewaltigt, verstümmelt, zu Tode gequält. Das schlimmste Pogrom an Juden seit dem Holocaust. 251 Menschen wurden in den Gazastreifen verschleppt, vom Baby bis zur Großmutter.


Israels Regierung reagierte schnell – aber nicht mit einem Polizeieinsatz, sondern mit einem Rachefeldzug. Netanjahu versprach den "totalen Sieg" und machte Chan Junis, Rafah und Gaza dem Erdboden gleich. Unter dem Banner der Terroristenjagd verschwanden ganze Ortschaften von der Karte und ganze Familien aus den Registern. Ende Januar hat Israels Armee die Zahlen bestätigt, die sie zwei Jahre lang als Hamas-Propaganda abgetan hatte: mindestens 70.000 Getötete. Gazas Gesundheitsbehörde zählt mehr als 73.000 – darunter über 19.000 Kinder – und mehr als 170.000 Verletzte. Vor einem Jahr beobachteten Hilfsorganisationen eine Hungersnot in Gaza-Stadt.
Im Kampfrausch kannten Netanjahu und seine Militärs kein Halten. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah starb unter ihren Bomben in Beirut, auch dort kamen Zivilisten zu Tode. Israel und die USA begannen einen Krieg gegen den Iran, den sie bis heute nicht gewonnen haben.
Der Preis für zigtausende zivile Opfer ist die Isolation Israels. Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Netanjahu und seinen Verteidigungsminister erlassen, Südafrika zitierte die Jerusalemer Regierung vor den Internationalen Gerichtshof, eine UN-Untersuchungskommission kam zum Befund des Völkermords. Die politische Führung des Staates, der nach dem Holocaust als sichere Heimstatt für Juden aus aller Welt dienen sollte, steht seither als brutaler Aggressor am Pranger.
Die Monstrosität der Gewalt erschüttert verständlicherweise bis heute auch die Menschen in Europa. Weniger verständlich ist, dass sie vielen auch die Hirne vernebelt. Die berechtigte Kritik am maßlosen Feldzug der israelischen Regierung haben sie in einen blinden Antisemitismus umgemünzt, der Juden pauschal mit Hass überzieht, jüdische Künstler von Bühnen drängt, jüdische Studenten bedroht und das Massaker des 7. Oktober als "Widerstand" verherrlicht. In manchen linken Milieus und in Teilen der arabischen Diaspora ist diese menschenverachtende Haltung Konsens, in Berlin grassiert sie in der Linkspartei, die bald die neue Regierungschefin stellen könnte. So macht sich der Judenhass in der Gesellschaft breit und vergiftet Herzen und Hirne. Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland hat sich seit 2022 mehr als verdreifacht, im vergangenen Jahr lag sie bei 8.725 – fast 24 pro Tag. Und das sind nur die dokumentierten Fälle. In manchen Stadtteilen Berlins kann man nicht mit einer Kippa herumlaufen, ohne Angriffe fürchten zu müssen.
Von der "Spirale der Gewalt" schreiben Leitartikler, wenn sie ein Bild für die ausweglose Lage im Nahen Osten suchen. Doch dieses Bild ist schief, denn es suggeriert einen Automatismus, den es in Wahrheit nicht gibt. Gewalt geschieht nie zwangsläufig. Es ist immer ein Mensch, der den Abzug drückt, das Messer schwingt oder den Zünder einer Bombe betätigt. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Leben zerstört, Kindern die Väter und Müttern die Söhne und einer ganzen Weltregion die Zukunft raubt. Gewalt stiftet fast nie Frieden, meistens provoziert sie Gegengewalt. So geht es Auge um Auge und Zahn um Zahn, bis niemand mehr da ist, der sehen oder zuschlagen kann. Dann herrscht Grabesruhe, aber irgendwo wird es auch dann Angehörige geben, die den Tod ihrer Liebsten nicht ungesühnt lassen wollen.