7000 Reetbündel für Irmintrauts Dach
StartseiteLokalesLandkreis VerdenOttersbergStand: 07.08.2026, 19:00 UhrKommentareUns auf Google folgenDas Reetdach des Heimathauses Irmintraut in Fischerhude wird zurzeit neu eingedeckt. Planer und Geldgeber st...
- 4 min read
Stand: 07.08.2026, 19:00 Uhr
Kommentare

In Fischerhude investiert die Stiftung Heimathaus mithilfe von Fördergeldern 200.000 Euro in ein Sanierungsprojekt im historischen Dorfkern.
Fischerhude – Ein Viertel ist geschafft: Goldgelb leuchtet in der Sonne die Dachfläche, die Reetdachdeckermeister Wolfgang Thiel und seine Crew nach uralter Bauhandwerkskunst neu mit Schilfrohr eingedeckt haben. Daneben wirkt der noch nicht sanierte Dachteil des Fischerhuder Heimathauses Irmintraut etwas schäbig. „Es wurde jetzt auch wirklich Zeit“, nickt Bürgermeister Tim Willy Weber. Er ist kraft Amtes Vorsitzender der Stiftung Heimathaus, die die seit zwei Wochen laufende Dacherneuerung an dem historischen Haus Irmintraut in Auftrag gegeben hat. Zeit wurde es vor allem wegen der mit dem Alter nachlassenden Funktionstüchtigkeit des regionaltypischen Reetdachs, das das denkmalgeschützte Gebäude und das museale Inventar schützt.
40 Jahre hat das alte Dach dichtgehalten und der Witterung, vor allem aber Insekten, Vögeln und dem einen oder anderen Marder getrotzt. „So ein Reetdach ist das größte Insektenhotel, das man sich vorstellen kann“, sagt Handwerksmeister Thiel, der sich selbst Reithdachdecker nennt und dessen Betrieb in Lübberstedt im Landkreis Osterholz auf Reet- und Strohdächer spezialisiert ist. Auf 760 Quadratmetern Dachfläche wird nun am Fischerhuder Heimathaus in traditioneller Handarbeit das Reet ausgetauscht, zum Schluss wird der rund 30 Meter lange First neu mit Heidekraut eingedeckt. Alles abgestimmt und nach den Vorgaben der Denkmalschutzbehörde, berichtet Architekt und Bauleiter Lothar Masuch. Auch die hallenhaustypischen hölzernen Pferdeköpfe an den Giebeln werden erneuert. Thiel rechnet mit insgesamt acht Wochen Bauzeit – wenn den Handwerkern auf dem Dach nicht zu oft starker Regen oder starke Hitze dazwischenfunkt.
Die Kosten der Dacherneuerung beziffert Weber auf rund 200.000 Euro. 80.000 Euro davon kommen nach seinen Worten aus dem EU-Fördertopf der Leader-Region Wümme-Wieste-Niederung, 20.000 Euro steuert die Stiftung der Kreissparkasse Verden bei und 10.000 Euro die niedersächsische Bingo-Umweltstiftung. Die Fischerhuder Stiftung Heimathaus ist dankbar für die große Unterstützung, ohne die es gar nicht ginge. Den verbleibenden Eigenanteil von 90.000 Euro zu stemmen, ist für die Stiftung eine Kraftanstrengung, die alle Reserven aufzehrt. „Das kriegen wir hin. Das ist wichtig fürs Dorfbild“, betont Weber. Dafür müssten aber andere Investitionen am Heimathaus Irmintraut verschoben werden, etwa der Austausch von Fenstern.
Christiane Unruh, die beim Amt für regionale Landesentwicklung (ArL) in der Geschäftsstelle Verden das Teildezernat Strukturförderung ländlicher Raum leitet und für die Vergabe der Leader-Gelder zuständig ist, zeigt sich beim Ortstermin begeistert – von dem ortsbildprägenden Heimathaus-Ensemble im historischen Dorfkern Fischerhudes, wie es in Schuss gehalten wird und insbesondere von dem neuen Reetdach: „Ich bin wirklich stolz, dass wir so ein tolles Projekt fördern können“, sagt Unruh.
Rund 7000 Reetbündel benötigen Thiel und Team für die Neueindeckung des Heimathausdachs. Die Herkunft der Halme ist weniger heimatlich: Das Reet stammt Thiel zufolge aus zertifiziertem Pflanzenanbau in – China. Die Anbauer aus Rumänien und Ungarn, mit denen er sonst zusammenarbeitet, hätten nicht liefern können. Entscheidend sei die Qualität, betont der Lübberstedter Reithdachdecker. Die Halmstärke werde behördlich überprüft, und das Maß, in dem das Reet Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben können müsse, sei genau festgelegt.
Die Dachdecker verarbeiten etwa zehn Reetbündel pro Quadratmeter. Sie arbeiten Hand in Hand. Bund um Bund wird aufs Dach geschafft und weiter hochgereicht. Nebeneinander ausgelegt, werden die Bündel gelöst und ausgebreitet, durch eine spezielle Drahtbindetechnik mit den Dachbalken verbunden und mit dem sogenannten Klopper bearbeitet, bis sich eine dichte, glatte Lage schützendes Reet bildet.
Das Haus Irmintraut bildet mit Spieker, Backhaus und Schafstall das denkmalgeschützte Heimathaus-Ensemble in der Dorfmitte und gehört zu den ältesten Hofstellen in Fischerhude. Der Torbalken trägt eine Inschrift aus dem Jahr 1768, die Stiftung Heimathaus geht aufgrund der Balkenkonstruktion jedoch davon aus, dass der Kern des Hauses noch älter ist. 1933 hatte das Fischerhuder Lehrerehepaar Schloen das Haus erworben und es als Heimatmuseum für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Benannt haben es Schloens nach ihrer im Kindesalter gestorbenen Tochter Irmintraut.
1984 wurde die Stiftung Heimathaus Irmintraut gegründet, die das Ensemble in ihren Besitz übernahm und grundlegend sanierte. Der Museumsteil in dem Baudenkmal beherbergt eine ortsgeschichtliche Sammlung, die das bäuerliche Leben im 18., 19. und 20. Jahrhundert anschaulich macht. Neben Landkreis und Gemeinde trägt der Heimatbund Fischerhude-Quelkhorn die Stiftung; er kümmert sich mit seinen Mitgliedern ehrenamtlich um die Pflege und Instandhaltung des Heimathaus-Ensembles.