868.000 Grippe-Impfdosen fehlen: „Die Situation ist ernst“ – Österreich priorisiert zwei Personengruppen
StartseiteWeltStand: 03.10.2026, 21:04 UhrKommentareUns auf Google folgenKurz vor Beginn der Grippewelle gerät Österreichs Impfprogramm ins Wanken. Wer jetzt bevorzugt geimpft wird – und wer warten muss.Wien – ...
- 4 min read
Stand: 03.10.2026, 21:04 Uhr
Kommentare
Kurz vor Beginn der Grippewelle gerät Österreichs Impfprogramm ins Wanken. Wer jetzt bevorzugt geimpft wird – und wer warten muss.
Wien – Das österreichweite Öffentliche Impfprogramm Influenza (ÖIP-Influenza) sollte Kinder, Senioren und Risikogruppen wieder kostenfrei durch den Herbst bringen. Doch ausgerechnet vor einer Grippewelle, die laut dem nationalen Referenzlabor der Medizinischen Universität Wien ungewöhnlich früh beginnen könnte – erste Fälle werden bereits registriert –, gibt es massive Lieferprobleme.

Rund 868.000 Dosen des Impfstoffs Influvac, ein zentraler Baustein der Gratis-Aktion 2026/27, kommen nicht wie vereinbart. Statt im Oktober könnten große Mengen davon erst Ende November in den Arztpraxen eintreffen.
Grippeimpfstoff-Lieferengpass: Das sind die Gründe für die Verzögerung
Das Problem soll beim Produzenten liegen: Dieser kann weder den ursprünglich für Oktober vereinbarten Termin noch die bestellte Gesamtmenge verbindlich garantieren, wie krone.at berichtet. Als Gründe werden zwei Faktoren genannt. Zum einen habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dieses Jahr ungewöhnlich viele Bestandteile der Impfstoffzusammensetzung neu festgelegt, was die Produktion verzögert habe. Zum anderen seien die internationalen Lieferketten störanfällig – etwa rund um die Straße von Hormus, eine zentrale Route für den globalen Warenverkehr.
Die Folge: Bereits vereinbarte Impftermine müssen verschoben werden. Das Gesundheitsministerium hat die Impfstellen angewiesen, keine Dosen für Termine einzuplanen, deren Lieferung noch nicht bestätigt ist.
Ministerium: „Die Situation ist ernst“
Zu den Hintergründen äußerte sich SPÖ-Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig gegenüber der Kronen Zeitung. Ihr Befund fällt unmissverständlich aus: „Wir reden die Situation nicht schön: Sie ist ernst.“ Zugleich betonte sie, man habe „die Hausaufgaben gemacht“ – die eigentlichen Probleme lägen außerhalb des Einflussbereichs des Ressorts.
Mit Blick auf die globalen Abhängigkeiten der Pharmaproduktion sagte sie: „Wir sehen gerade live, wie abhängig Europa bei Arzneimitteln von internationalen Produktions- und Lieferketten ist.“ Zur Reaktion des Ministeriums erklärte sie: „Wir haben vorgesorgt.“
Weil bei der Beschaffung nicht nur auf ein einziges Präparat gesetzt wurde, gibt das Ressort zumindest für die vulnerabelsten Gruppen vorerst Entwarnung. Nach aktuellem Stand stehen zur Verfügung beziehungsweise sind unterwegs:
- Kinder (2 bis 18 Jahre): rund 259.000 Dosen verfügbar
- Ältere (ab 50 Jahren): rund 538.000 Dosen verfügbar
- Säuglinge, Schwangere, Risikopatienten: rund 100.000 Dosen unterwegs
Kinder- und Seniorenimpfstoffe sollen laut Ministerium „rasch verteilt“ werden. Für alle anderen Impfwilligen heißt es vorerst: abwarten. Sobald weitere Lieferungen bestätigt sind, sollen die Impfstellen informiert werden.
Mögliche rechtliche Konsequenzen für den Lieferanten
Für den Hersteller könnte die Verzögerung teuer werden: Dem Vernehmen nach prüft das Ministerium Vertragsstrafen sowie Schadenersatzforderungen. Auch auf EU-Ebene wird bereits beraten, ob bei möglichen Impflücken zusätzliche antivirale Medikamente bereitgestellt werden müssen, um die Zeit bis zur vollständigen Belieferung zu überbrücken.
Je später der Impfschutz einsetzt, desto kleiner wird das Zeitfenster, in dem er vor einer möglicherweise früh beginnenden Grippewelle schützen kann. Die echte Grippe fordert in Österreich nach Angaben der Gesundheitsbehörden jährlich rund 1.000 Todesopfer, weshalb die Impfung insbesondere für Schwangere, chronisch Kranke, ältere Menschen und Kinder empfohlen wird.
Der aktuelle Lieferengpass ist nicht das erste Problem rund um die österreichische Impfstoff-Logistik der vergangenen Jahre. Unabhängig vom jetzigen Fall zeigen die Daten auf impfdaten.at seit Längerem Diskrepanzen zwischen gelieferten und tatsächlich im e-Impfpass dokumentierten Influenza-Impfungen: In der Saison 2024/25 etwa wurden rund 1,22 Millionen Dosen an Arztpraxen ausgegeben, aber nur knapp 938.000 Impfungen eingetragen – macht eine Lücke von über 280.000 Dosen.
830.000 Impfdosen verschollen: Ministerium und Ärztekammer widersprechen sich
Hochgerechnet auf die vergangenen drei Jahre sollen laut Berechnungen der Kleinen Zeitung rund 830.000 Impfdosen auf diese Weise „verschollen“ sein. Das Team von Gesundheitsstaatssekretärin Königsberger-Ludwig führt die Differenz unter anderem auf sogenannten „Verwurf“ zurück: Werden nicht alle Dosen einer bereits geöffneten Mehrfach-Ampulle verabreicht und ist die Kühlkette unterbrochen, muss der Rest entsorgt werden – was in der Vergangenheit oft nicht dokumentiert wurde. Zudem hätten etwa pensionierte Ärzte oder Mediziner beim Bundesheer teils keinen Zugang zum Eintragungssystem gehabt; mittlerweile gelte eine an die Honorierung gekoppelte Eintragungspflicht.
Diese Erklärung wird allerdings nicht von allen geteilt: Die Vizepräsidentin der niederösterreichischen Ärztekammer, Dagmar Fedra-Machacek, widersprach der Darstellung des Ministeriums in zentralen Punkten – Influenza-Ampullen enthielten entgegen der Ministeriumsangabe gar nicht sechs, sondern weniger Dosen; das treffe nur auf Covid-Impfstoffe zu. Die seit Langem geforderte verpflichtende Eintragung sei zudem technisch „sehr leicht“ umsetzbar gewesen, aber bislang nicht realisiert worden. Quellen: krone.at, kleinezeitung.at, impfdaten.at (bk)