Abwechslungsreiches Leben ist Training: „Ein waches Gehirn hat auch eine höhere Gedächtnisleistung“
StartseiteLebenFitnessStand: 13.10.2026, 07:11 UhrKommentareUns auf Google folgenPsychologe erklärt: Zeitunglesen eignet sich sehr gut als Gehirntraining. (Symbolbild) © Christin KlosePsychologe Peter Sturm (82...
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Stand: 13.10.2026, 07:11 Uhr
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Psychologe Peter Sturm (82) erklärt, warum Vergessen eine aktive Gehirnleistung ist. Was das Gehirn stattdessen wirklich fit hält, überrascht.
Ebersberg – Warum vergessen wir Namen, erinnern uns aber an peinliche Momente oft ein Leben lang? Und braucht unser Gehirn tatsächlich Training – oder reicht ein interessantes Leben? Zum heutigen internationalen Tag des Gedächtnistrainings haben wir mit dem Ebersberger Psychologen Peter Sturm (82), Mitgründer der Gesellschaft für Gehirntraining, gesprochen. Er erklärt, warum Vergessen wichtig ist, wie falsche Erinnerungen entstehen und weshalb manchmal schon Zeitunglesen genügt, um das Gehirn auf Trab zu bringen.
Gesellschaft für Gehirntraining
Die Gesellschaft für Gehirntraining mit Sitz in Ebersberg wurde 1989 von Peter Sturm und weiteren gegründet. Sie ist heute laut Eigenaussage das größte Forum Deutschlands zur Förderung geistiger Fitness. Der Verein bietet deutschlandweit Kurse an und ist Herausgeber der Zeitschrift „Geistig Fit“. Info: www.gfg-online.de.
Herr Sturm, ich habe ein schlechtes Gedächtnis für Namen von Schauspielern oder Berggipfeln. Was vergessen Sie besonders schnell?
Es gibt gar nicht so etwas wie ein schlechtes Namensgedächtnis. Was mir wichtig ist, merke ich mir, anderes nicht. Das gilt für Namen gleichermaßen wie für alles andere.
Also muss ich mir eine andere Ausrede einfallen lassen. Hätten Sie eine parat?
Schieben Sie es auf ihr Gehirn. Das Gehirn entscheidet nämlich, was man sich merkt, und nicht der Gehirnbesitzer. Der Mensch kann sich vornehmen, was er will, das nützt gar nichts. Entweder muss das, was man sich merken will, wichtig für einen sein, oder man verbindet es mit möglichst vielen anderen Sachen. Und dadurch wird’s fürs Gehirn wichtig. Es glaubt dann, das ist etwas Entscheidendes, das kommt mit Dingen in Verbindung, die ich schon kenne. Das ist eigentlich der ganze Trick bei Gedächtniskünstlern: die Assoziation.

Aber mein Gehirn speichert manches ab, das ich vollkommen unnütz finde. Und schöne Erinnerungen fliegen leider manchmal raus...
Das Gehirn kann sich ja nicht alles merken, das wäre nicht ökonomisch. Unser Gehirn ist ein vergleichsweise unreifes Organ, es wurde viel später entwickelt als das Herz oder die Lunge. Das heißt, das Gehirn treibt einen großen Aufwand, um das zu machen, was es macht, und verbraucht unglaublich viel Energie. Wenn es sich jetzt auch noch unwichtige Dinge merken sollte, dann ist das reine Energieverschwendung. Das Gedächtnis hat die Funktion, wichtige Dinge von unwichtigen zu unterscheiden. Es hat im Prinzip zwei Aufgaben: Merken und Vergessen. Beides ist gleichermaßen wichtig. Es gibt Menschen, die nicht vergessen können, denen geht‘s viel schlechter als Menschen, die viel vergessen.
Dann ist Vergessen in gewisser Weise auch eine geistige Leistung?
Auf jeden Fall! Vergessen ist eine aktive Entscheidung des Gehirns. Und das ist auch sinnvoll. Sie möchten ja nicht wirklich allen Müll, den Sie sehen, hören, riechen oder fühlen, im Gedächtnis behalten. Wenn Sie heute durch Ebersberg gehen und fremde Leute sehen, dann prägen Sie sich nicht ein: Was haben die angehabt? Wie haben die ausgesehen? Wo sind sie gelaufen? Wenn aber einer dieser Menschen einem anderen eine Ohrfeige gibt, dann wird das Gehirn sagen: Den merke ich mir. Weil da was passiert ist.
Sind deswegen Menschen oft schlechte Zeugen? Wenn sie später erfahren, dass ein Passant ein Täter war, den sie beschreiben sollen?
Das Gehirn erfindet dann natürlich etwas. Der Zeuge wird gefragt und bevor man sagt: „Ich kann mich nicht erinnern“, sagt man irgendwas. Und da ist man auch unheimlich beeinflussbar. Das heißt, ein geschickter Fragesteller kann alles rausholen, mit dem Effekt, dass der Befragte hinterher glaubt, das hätte er wirklich so gesehen. Das ist gar nicht geschwindelt, sondern fühlt sich echt an. Erinnerungen kann man erzeugen für Dinge, die nie stattgefunden haben.
Ich kann mir also Erinnerungen einbilden?
Ja, die Erinnerung ist definitiv im Gehirn entstanden, aber nicht anhand eines realen Geschehens, sondern aufgrund von Fantasien oder dem Erzählen anderer Leute. Also, wenn Ihnen im Bekanntenkreis oft genug Dinge erzählt werden, die viele miterlebt haben, dann wird Ihr Gehirn glauben: Das habe ich auch gesehen. Oder Dinge aus der frühen Kindheit, die einem erzählt werden, und plötzlich hat man das Gefühl, das hat man erlebt. Erfundene Erinnerungen sind aber genauso lebhaft und subjektiv wahr wie andere.
Und was macht das Gehirn mit Dingen, die wir längst vergessen haben? Einfach rauswerfen oder in einer Ecke vergraben?
Alles, was sofort im Moment verworfen wird, das ist wahrscheinlich weg. Aber was ich mal wusste, das bleibt vermutlich. Das ist, Sie sagen’s richtig, vergraben. Dinge, die wir ständig verwenden, sind uns momentan bewusst. Je länger Erinnerungen zurückliegen und je weniger sie genutzt werden, umso blasser werden sie. Dann wird’s immer schwieriger, sie wieder aufzuhellen. Aber es gelingt. Das Gedächtnis ist wie eine Tonne mit verschiedenen Dingen. Die Großen schwimmen oben und die Kleinen sind abgesackt. Und bei Wiederholung werden sie größer.
Also regelmäßiges Gedächtnistraining, passend zum heutigen Aktionstag. Welche Tipps haben Sie da?
Da muss ich Sie enttäuschen. Das Langzeitgedächtnis ist nicht trainierbar. Aber das Gehirn ist trainierbar. Mit Dingen, die man bisher noch nie gemacht hat. Zeitunglesen zum Beispiel eignet sich sehr gut. Neuigkeiten, die mich interessieren. Und wenn ich müde werde, dann drehe ich die Zeitung einfach auf den Kopf. Alles, was wir nicht routinemäßig machen, was wir nicht eintönig immer wieder mit der gleichen Form machen, das macht das Gehirn wach. Und ein waches Gehirn hat auch eine höhere Gedächtnisleistung. Das betrifft beide Äste des Gedächtnisses, sowohl das Abspeichern als auch das Abrufen.
Aber braucht ein Gehirn wirklich Training, oder reicht vielleicht auch ein interessantes Leben?
Ein interessantes und vor allem abwechslungsreiches Leben, ein Beruf, der das Gehirn fordert – das ist Training! Aber wenn ich ein Berufsleben voller Routinen habe und auch im Privaten wenig Neues erlebe oder mit wenigen unterschiedlichen Menschen in Kontakt bin, dann brauche ich noch zusätzliches Training, sonst lässt die Hirnleistung nach.
Kann man das Oberstübchen auch übertrainieren?
Unser Gehirn ist nicht auf Dauerbetrieb ausgelegt. Und wenn man sich zu lange mit einer Sache beschäftigt, dann ermüdet das Gehirn. Nach 90 Minuten ist das Gehirn in der Regel bei normaler Belastung reif für eine kurze Pause. Die muss nicht lang sein.
Was machen Sie am liebsten in so einer Pause?
Och, ich schaue gern in einen Roman rein, den ich schon mal gelesen habe. Da ist die Gefahr nicht so hoch, dass er mich packt und ich nicht mehr wegkomme. Routine ist eine optimale Pause. Wenn Sie jetzt den ganzen Tag Interviews durchführen und kommen heim und müssen Ihre Wäsche bügeln, dann ist Bügeln für Ihr Gehirn Pause. Da muss es nichts tun, da müssen nur Sie was tun.