Alarmierung dauerte zu lange: Debatte über missglückte Katatrophenübung im Ilm-Kreis

Eine Katastrophenübung im Sandbergtunnel an der ICE-Strecke im Ilm-Kreis lief am Wochenende nicht so wie geplant. Die Alarmierung dauerte zu lange. Zudem gab es Probleme beim Öffnen von Zugtüren. Nun wird diskutiert.

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Alarmierung dauerte zu lange: Debatte über missglückte Katatrophenübung im Ilm-Kreis
Feuerwehrleute an einem ICE im Sandbergtunnel

AUDIO: Debatte über missglückte Tunnelübung (1 Min)

Katastrophenschutz

Nach problematischer Tunnelübung im Ilm-Kreis: Innenministerium kündigt Auswertung an

Stand: 10.08.2026 19:24 Uhr

Eine Katastrophenübung im Sandbergtunnel an der ICE-Strecke im Ilm-Kreis lief am Wochenende nicht so wie geplant. Die Alarmierung dauerte zu lange. Zudem gab es Probleme beim Öffnen von Zugtüren. Nun wird diskutiert.

von Michael Hesse, MDR THÜRINGEN

Nach einer missglückten Katastrophenübung im Ilm-Kreis fordert Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) leistungsstärkere Rettungsleitstellen. Maier kritisierte die kleinteilige Struktur. Bei der Übung am Samstag waren Feuerwehren und Sanitäter nur mit großer Verzögerung alarmiert worden.

Nach Angaben von Maier dauerte es allein rund 15 Minuten, bis die Notrufleitstelle der Deutschen Bahn die zuständige Rettungsleitstelle im Ilm-Kreis informiert hatte. Anschließend wurden von dort aus mit Verzögerung die Feuerwehren alarmiert. Wie die Landrätin im Ilm-Kreis, Petra Enders, bestätigte, passiert das noch immer per Fax.

Enders sagte, aus ihrer Sicht dauere das viel zu lang und sei nicht mehr zeitgemäß. "Hier ist dringender Handlungsbedarf erforderlich. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung."

Hier ist dringender Handlungsbedarf erforderlich. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Petra Enders, Landrätin Ilm-Kreis

Zwölf Leitstellen-Standorte in Thüringen

Schon seit Jahren gibt es Kritik an der Struktur der Rettungsleitstellen in Thüringen. Aktuell gibt es im Freistaat noch zwölf Leitstellen-Standorte. Im vergangenen Jahr war die Fusion der Leitstellen für den Wartburgkreis, den Landkreis Gotha und den Ilm-Kreis an Differenzen über den geplanten neuen Standort gescheitert.

Die gemeinsame Leitstelle sollte von dort rund 680.000 Einwohner versorgen. Nun gibt es lediglich eine Kooperation zwischen dem Ilm- und dem Wartburgkreis, der Landkreis Gotha setzt weiter auf einen Alleingang.

Größere Kooperationen gibt es bisher nur drei. Eine davon exisitiert im Osten Thüringens. Dort betreiben die Landkreise Altenburger Land, Greiz, der Saale-Orla-Kreis und die Stadt Gera eine gemeinsame Zentrale Rettungsleitstelle in Gera.

Diese wiederum steht in Kontakt mit der Leitstelle Jena, die für Jena, den Saale-Holzlandkreis und Landkreis Saalfeld-Rudolstadt zuständig ist. In Katastrophenlagen können sich die beiden Leitstellen auch gegenseitig vertreten. Das Land fördert entsprechende Zusammenschlüsse seit Jahren mit Fördermitteln in Millionenhöhe.

Innenminister Georg Maier im Interview mit dem MDR

Plädiert für mehr gemeinsame Leitstellen der Landkreise: Innenminister Georg Maier (SPD).

Innenmister Maier: "Ich appelliere an die Landrätinnen und Landräte nochmal, sich zusammenzutun. Das Land steht an eurer Seite. Was ich momentan nicht möchte, ist Zwang auszuüben. Natürlich könnte das Land auch ein Gesetz erlassen, was das quasi vorgibt. So weit sind wir noch nicht. Kommunale Selbstverwaltung. Freiwilligkeit ist mein Prinzip. Aber dieses Beispiel zeigt, dass man sich zusammentun sollte."

Keine Kommunikation mit anderen Leitstellen möglich

Bei der Übung am Samstag hatte es zudem einen technischen Ausfall in der Leitstelle gegeben - die Kommunikation mit den benachbarten Leitstellen war zu dieser Zeit nicht möglich. Laut Landratsamt war das zunächst nicht aufgefallen, weil es zeitgleich zwei schwere Verkehrsunfälle im Ilm-Kreis gab, bei denen zunächst die Priorität lag. Weil sich durch die Unfälle beispielsweise auf der Autobahn 71 Staus bildeten, wurden einige Rettungskräfte aufgehalten und trafen verspätet bei der Übung ein.

Im Ernstfall hätte das Menschenleben kosten können. Minister Maier ist davon überzeugt, viele Menschen hätten den Zug auch eigenständig verlassen. Dennoch sei davon auszugehen, dass die Zahl der Opfer deutlich höher ausgefallen wäre, wenn nicht alles wie vorgesehen funktioniert hätte.

Zugleich betont der Innenminister, dass die eigentliche Rettungsaktion erfolgreich verlaufen sei: "Als die Einsatzkräfte vor Ort waren, hat die Übung hervorragend funktioniert. Die Rettung selbst hat gut geklappt."

Als die Einsatzkräfte vor Ort waren, hat die Übung hervorragend funktioniert. Die Rettung selbst hat gut geklappt. Innenminister Georg Maier (SPD)

Landrätin: Deutsche Bahn sollte interne Abläufe prüfen

Das sieht Ilm-Kreis Landrätin Petra Enders anders. Sie kristisiert, dass sich die Türen des Zugs von außen nicht öffnen ließen. Normalerweise geschieht das mit einem Vierkantschlüssel der Bahn, wenn der Zug komplett heruntergefahren wurde. Auch das habe zu einer Zeitverzögerung geführt.

"Eine Erkenntnis dieser Übung ist für mich, dass die DB AG intern noch einmal ihre Abläufe prüft, ihre Mitarbeitenden schult und ermittelt, ob es zu technischen Problemen beim Herunterfahren des Zugs gekommen ist."

Maier fordert als Konsequenz, die Alarmierungswege nicht nur technisch und organisatorisch zu überprüfen, sondern künftig auch regelmäßig praktisch zu testen. Weitere Großübungen schloss er aus. Der Minister setzt dagegen auf viele kleine Übungen, um das Alarmierungssytem zu verbessern.

Menschen an einem ICE in einem verrauchten Tunnel

Zugtüren ließen sich nicht von außen öffnen: Der "verunglückte" ICE im Sandbergtunnel

Deutlichen Handlungsbedarf sieht Stephan Steinbrück, Sprecher für Brand- und Katastrophenschutz der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag. Er fordert eine umfassende Analyse der festgestellten Schwachstellen sowie die konsequente Beseitigung organisatorischer Defizite. Die AfD-Fraktion kündigte an, im nächsten Innenausschuss eine politische Aufarbeitung der Übungsergebnisse zu verlangen.

Übungsszenario: brennender ICE im Tunnel

Die Übung im Sandbergtunnel hatte am Samstag den Brand eines ICE mit rund 100 Fahrgästen und etwa 250 Übenden simuliert. Ein solches Szenario hat es auf der ICE-Strecke durch Thüringen laut Innenministerium bislang nicht gegeben.

Dass ein brennender Zug überhaupt in einem Tunnel zum Stehen kommt, gilt als sehr unwahrscheinlich, heißt es. Triebfahrzeugführer sind angehalten, bei Problemen nicht im Tunnel anzuhalten. Notbremsungen können überbrückt werden, um einen Zug aus einem Tunnel herauszufahren.

MDR (dr)