Wirbel um Alphaville bei Poldis "Glücksgefühle": Wie unpolitisch müssen Festivals sein?
Alphaville habe in diesem Jahr bei einem früheren Auftritt, den der Veranstalter organisierte, "zahlreiche politische Äußerungen auf der Bühne getätigt". Das habe bei einigen Besuchern für Unmut gesorgt und die...
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Alphaville habe in diesem Jahr bei einem früheren Auftritt, den der Veranstalter organisierte, "zahlreiche politische Äußerungen auf der Bühne getätigt". Das habe bei einigen Besuchern für Unmut gesorgt und die "ausgelassene Stimmung getrübt". Beim Glücksgefühle-Festival gehe es aber um "Good Vibes Only" - also um eine gute Stimmung und darum, den Alltag hinter sich zu lassen.
Kehrtwende bei Glücksgefühle-Festival: Alphaville wieder erwünscht
Mittlerweile gibt es allerdings eine Kehrtwende. Festival-Veranstalter Markus Krampe räumte am Donnerstag gegenüber der "Bild"-Zeitung ein, einen Fehler gemacht zu haben. "Das tut mir leid. Meinungsfreiheit ist das höchste Gut, das wir in Deutschland haben, sie ist zu schützen."
Man lade Alphaville ein, "wie geplant Teil des Festivals zu sein", sagte Krampe. "Nicht als Zeichen eines Nachgebens, sondern als bewusste Entscheidung für das, was uns verbindet." Er hoffe, die Aufmerksamkeit wieder auf die Musik und die Menschen vor und hinter der Bühne lenken zu können.
Band lehnt einen Auftritt trotz Einladung ab
Die Band nahm die Entschuldigung "zur Kenntnis", will aber dennoch nicht mehr auf dem Festival auftreten. Er hoffe, dass Krampe "von nun an die Bedeutung von Rede- und Kunstfreiheit" respektiere, sagte Sänger Gold am Donnerstagabend. "Ungeachtet dessen haben die vorangegangenen Äußerungen eine Atmosphäre geschaffen, in der wir von einem Auftritt absehen. Die Gage für den nicht stattfindenden Auftritt wird Alphaville an eine gemeinnützige Organisation spenden."
Podolski: War ein Fehler
Auch Lukas Podolski äußerte sich zuvor am Donnerstagnachmittag bei Instagram. Er tritt seit Jahren für das Festival in Erscheinung und bewirbt es zusammen mit Veranstalter Markus Krampe. Podolski finde es "gut, dass Markus die Entscheidung nochmal überdacht und klar gesagt hat, dass es ein Fehler war. Fehler passieren, wichtig ist doch, wie man damit umgeht", schrieb der Kölner.
Absprachen über politische Statements bei Musik-Festivals nicht üblich
Dass vorab Absprachen über politische Meinungsäußerungen auf der Bühne getroffen werden, sei "definitiv nicht üblich", sagt Holger Jan Schmidt. Er ist Generalsekretär von Yourope, dem europäischen Festivalverband. Mitglied in der Organisation sind auch NRW-Festivals wie Parookaville auf dem Flugplatz Weeze oder Haldern Pop am Niederrhein.
"Tatsächlich bucht man Acts in Kenntnis ihrer Performance und weiß, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie sich politisch äußern", betont auch Holger Jan Schmidt auf WDR-Anfrage. "Alle mir bekannten Gastspielverträge beinhalten zudem eine Klausel, die den Acts komplette künstlerische Freiheit garantiert und besagt, dass Veranstaltende kein Mitspracherecht haben."
Sind unpolitische Festivals überhaupt möglich?
Und geht das überhaupt, ein komplett unpolitisches Festival zu veranstalten?
"Unpolitisch im Sinne von 'Politikfreiheit' wird in diesem Fall nahezu unmöglich umzusetzen sein", findet Schmidt. Grundsätzlich bewegten sich Konzert- oder Festivalveranstalter immer im Rahmen gesellschaftlicher Relevanz.
Sie sind in seinen Augen dann auch politisch, "denn Kultur eine Bühne zu geben, hat immer eine Wirkung". Das bringe auch eine Verantwortung mit sich, "die wiederum alle Veranstaltenden für sich selbst erkennen und umsetzen müssen".
Politik auf dem Glücksgefühle-Festival - auch wegen Marteria und Gabalier
Und egal, ob Alphaville nun am Hockenheimring auftreten wird oder nicht: Verschwunden ist das Thema Politik beim Glücksgefühle-Festival nicht. Zum einen wird natürlich nun intensiv über die Aus- und Einladung diskutiert. Und außerdem stehen am Hockenheimring Künstler mit ganz unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Ansichten auf der Bühne.
Zum einen tritt beim Glücksgefühle-Festival der selbsternannte "Volks-Rock'n'Roller" Andreas Gabalier auf. Er ist einer der erfolgreichsten österreichischen Schlagersänger. Kritiker werfen ihm allerdings immer wieder Rechtspopulismus und Sexismus vor.
Auf der Bühne steht außerdem Marteria, Rapper aus Rostock in Mecklenburg-Vorpommern, wo in weniger als drei Wochen ebenfalls eine Landtagswahl ansteht. In dem Bundesland liegt weiter die AfD in Umfragen vorne, auch wenn die regierende SPD zuletzt aufholen konnte. Rapper Marteria betonte zuletzt noch einmal, er habe "tatsächlich keinen Bock", dass die AfD die Landesregierung stelle.
Nicht alle Festivals distanzieren sich von politischen Inhalten
Anders als das Glücksgefühle-Festival versteht sich das Ruhrpott Rodeo als "sehr politisches Festival", wie Veranstalter Alex Schwers erzählt. Allerdings zeige man das nicht durch Statements des Festivals nach außen, sondern eher "durch das Booking an sich" - also die Künstler, die man einlade und für die Veranstaltung buche.
Punkrock stehe im Allgemeinen eher links der Mitte, betont Festival-Veranstalter Schwers. Er wähle die Bands aber nicht danach aus, dass sie sich links positionierten. Das Ruhrpott Rodeo sei ein Festival, bei dem "man kontroverse Haltungen vertreten und sich reiben darf".
"Das ganze Festival steht für Toleranz und Offenheit und das kann frei artikuliert werden." Alex Schwers, Veranstalter des Festivals "Ruhrpott Rodeo"
Schwers sagt dem WDR: Es sei von Alphaville ein "guter, sympathischer Move, sich zu positionieren". Er könne sich gut vorstellen, dass die Band auch ein geeigneter Act für sein Festival im nächsten Jahr sein könnte - auch wenn sie musikalisch eher etwas aus dem Rahmen fallen würde.
Mehr Druck auf Künstler, sich politisch zu positionieren
Holger Jan Schmidt vom Festivalverband Yourope sieht bei den Musikfestivals grundsätzlich keine Tendenz hin zum Unpolitischen. "Eher umgekehrt erlebe ich mehr Veranstaltende, die sich gesellschaftlich in verschiedenen Bereichen engagieren". Es gebe außerdem gerade auf populäre Künstlerinnen und Künstler mehr Druck, sich zu positionieren bzw. ihrer Reichweite und Verantwortung gerecht zu werden.
Yourope habe bereits 2015 ein Leitbild formuliert, aus dem kurze Zeit später die Initiative "Take A Stand" (auf Deutsch so viel wie "Position ergreifen" oder "Zeichen setzen") erwachsen ist. Dabei gehe es um Werte und Verantwortung.
Schmidt betont: Festivals seien Räume, "in denen über kurze Zeit Utopien gelebt werden, die von Toleranz, Diversität, Respekt, kulturellem Austausch und friedlichem Dialog geprägt sind". Eine freie und offene Gesellschaft sei dafür die Grundlage. Der Verband zeigt sich daher fest überzeugt, dass sich Festivals für den Erhalt dieser Werte in der Gesellschaft einsetzen müssten.