Als Washington und Moskau noch zusammenarbeiteten

Politikwissenschaftsblog Als Washington und Moskau noch zusammenarbeiteten Rose Gottemoeller zeigt in ihrem Buch, wie die US-russische Kooperation nach dem Kalten Krieg entstand, zerbrach und was davon...

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Als Washington und Moskau noch zusammenarbeiteten

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Als Washington und Moskau noch zusammenarbeiteten

Rose Gottemoeller zeigt in ihrem Buch, wie die US-russische Kooperation nach dem Kalten Krieg entstand, zerbrach und was davon zu retten ist

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Robert Schütt

Es gibt Bücher über die amerikanisch-russischen Beziehungen, die man liest, weil ihre Autorinnen und Autoren die Archive durchforstet haben oder anderweitigen Zugang zu neuem Datenmaterial erlangten. Und es gibt Bücher, die man liest, weil sie von Personen geschrieben wurden, die selbst Teil des Geschehens waren.

Rose Gottemoellers neues Buch mit dem Titel Security Through Cooperation: Space, Nuclear Weapons, and US-Russia Relations After The Cold War ist kürzlich bei Stanford University Press erschienen. Es gehört zur zweiten, selteneren Kategorie und ist gerade deshalb eine echte Entdeckung sowie ein wichtiger und wertvoller Beitrag zur außen- und sicherheitspolitischen Debatte über die transatlantischen Beziehungen zu Russland.

Buchcover mit Boris Jelzin und Bill Clinton in einem Büro.
Rose Gottemoeller: Security Through Cooperation: Space, Nuclear Weapons, and US-Russia Relations After The Cold War, erschienen bei Stanford University Press.

Gottemoeller war nicht nur selbst Akteurin der beschriebenen Ereignisse. Auf Grundlage des Archivbestands des US-Außenamts sowie zahlreicher Interviews mit Expertinnen und Experten und früheren Kolleginnen und Kollegen aus der Regierung Bill Clintons kann sie eine präzise recherchierte Geschichte und zugleich eine packende Innenansicht der damaligen Geschehnisse vorlegen.

Die fließend Russisch sprechende Top-Diplomatin wechselte nach ihrem Ausscheiden aus der Nato an die Universität Stanford, wo sie über Strategie und Nuklearfragen unterrichtete. Bei der Nato war sie die erste Frau in der Funktion der stellvertretenden Generalsekretärin. Drei Jahrzehnte lang verbrachte sie in den USA, Europa und Russland Zeit in genau jenen Räumen, in denen die amerikanisch-russische Zusammenarbeit nach dem Ende des Kalten Krieges aufgebaut und später Stück für Stück demontiert wurde.

Das goldene Dreieck

Gottemoellers Ausgangsthese widerspricht einer Theorie, zumeist nur Erzählung, die in weiten Teilen Russlands, aber vor allem im Kreml, längst zur Staatsdoktrin geworden ist und auch im Westen, sowie im Globalen Süden, in den vergangenen Jahren zunehmend Anklang gefunden hat: dass Washington seit 1991 ununterbrochen und geplant auf die Schwächung und Einkreisung Russlands hingearbeitet habe.

Die Autorin, die nicht nur Russisch studiert hat, sondern in den Jahren 2006 bis 2009 das mittlerweile geschlossene Carnegie Moscow Center geleitet hat, bestreitet gar nicht, dass die Nato-Osterweiterung über die Zeit schwere Folgen hatte. Aber Gottemoeller ruft sehr wohl in Erinnerung und zeigt bestens belegt auf, dass aufeinanderfolgende US-Präsidenten – beginnend mit George H. W. Bush, dann Bill Clinton – eine engstmögliche Kooperation mit der Russischen Föderation als Grundpfeiler internationaler Stabilität und Ordnung begriffen. Und eben nicht, wie oft unterstellt, als Tarnung und Täuschung für eine gezielte Strategie der Eindämmung.

Im Gegenteil: Im Zentrum dieser beiderseits kooperativen Bemühungen für neue, andere, zukunftsweisende US-Russland-Beziehungen stand dabei die bilaterale sogenannte Gore-Tschernomyrdin-Kommission (offiziell: U.S.-Russian Joint Commission on Economic and Technological Cooperation), jenes 1993 von Bill Clinton und Boris Jelzin auf höchster Ebene geschaffene Gremium, das die Zusammenarbeit im Raumfahrt- und Nuklearbereich institutionalisierte. Von Gottemoeller wird das in Kapitel 4 des Buches treffend als "the golden triangle" beschrieben, ein feiner Mix aus institutioneller Verankerung diverser politischer Programme, getragen von politischen Persönlichkeiten. Was auf dem ersten Gipfeltreffen im April 1993 in Vancouver, wo Clinton und Jelzin erstmals offiziell zusammentrafen, aus der Taufe gehoben wurde, war bemerkenswert: Zwei Staatspräsidenten ehemals erbitterter Blöcke anerkennen die neue Notwendigkeit und den Willen zur Zusammenarbeit auf Augenhöhe und betrauen auf beiden Seiten die zweithöchste politische Ebene mit der Umsetzung: Vizepräsident Gore bzw. Ministerpräsident Tschernomyrdin.

Gemeinsame Raumfahrt und Bekämpfung des Nuklearterrorismus

Gottemoeller ruft zwei strategisch wichtige Kooperationsfelder in Erinnerung. In Kapitel 6 zeichnet sie nach, wie die Wurzeln der Kooperation in der Raumfahrt weit vor Clinton und Jelzin liegen. Sie reichen weit in die amerikanisch-sowjetische Geschichte zurück, insbesondere zum Apollo-Sojus-Test-Projekt von 1975. Eben jenes Projekt, welches die technischen und organisatorischen Arbeitsstrukturen begründete, auf denen später das Shuttle-Mir-Programm (1994–1998) und die Internationale Raumstation ISS (seit 1998) aufbauten.

Eindrücklich schildert Gottemoeller, wie rein pragmatisch und technisch motiviert über viele Jahre persönliches Vertrauen aufgebaut werden konnte: Die Amerikaner brauchten russisches Fachwissen über Langzeit-Raumflüge, die Russen brauchten amerikanische Technologie für ihr Mir-Programm. Amerikaner in Moskau wurden nach Hause eingeladen, Russen ließen ihre Kollegen bei Vorbereitungen zu Verhandlungen mit Washington zusehen. Wichtig ist Gottemoellers Befund, dass diese Kooperation die zwei russischen Invasionen der Ukraine in den Jahren 2014 und 2022 überstand, weil die Weltraumzusammenarbeit – anders als jene auf dem Gebiet der nuklearen Sicherheit, die der Kreml scharf beendete – von der strategischen und politischen Großwetterlage abgeschirmt blieb. "Space people are the same all over", zitiert sie einen Gesprächspartner.

Anschließend widmet sich Kapitel 7 der heute fast vergessenen Zusammenarbeit zur Sicherung russischer Atomwaffen und des hochangereicherten Urans, die im "Megatons to Megawatts"-Programm gipfelte, bei dem demontierte sowjetische Sprengköpfe zu Brennstoff für amerikanische Kraftwerke wurden. Das Problem war dramatisch: Tausende Sprengköpfe und Tonnen spaltbaren Materials waren nicht nur in Russland, sondern auch in der Ukraine, Kasachstan und Belarus.

Hier zeigt sich Gottemoellers langjährige Erfahrung sehr deutlich. Sie beschreibt anschaulich, wie internationale Zusammenarbeit, zumal unter Großmächten, in der Praxis wirklich funktioniert (oder funktionieren kann), und zwar nicht nur bei Gipfeltreffen, sondern auch auf der Ebene von erfahrenen Ingenieuren und Wissenschaftlern, die viele Jahre zwischen Amerika und Russland pendelten und so ein persönliches Vertrauen aufbauen konnten, das kein Vertragstext ersetzen kann.

Freilich lässt sie es sich auch nicht nehmen, das Bröckeln dieser Zusammenarbeit zu dokumentieren, insbesondere das in den frühen 1990er Jahren entstandene "Cooperative-Threat-Reduction"-Rahmenabkommen und Moskaus Aufkündigung der nuklearen Sicherheitszusammenarbeit kurz nach der Krim-Annexion. Sie stellt betont nüchtern fest, dass Putin selbst die Kooperation über zwei Jahrzehnte lang unterstützt hat, bevor er begann, sie im Inneren und Äußeren als einseitige, den Russen aufgezwungene Abrüstung umzudeuten.

Was tun?

Ebenso wertvoll ist die Offenheit, mit der das Buch beschreibt, was schiefging. Gottemoeller zeichnet die Risse im "golden triangle" – beginnend mit zahlreichen personellen Veränderungen auf der russischen Seite, allen voran die Vielzahl an Ministerpräsidenten nach dem Ausscheiden Tschernomyrdins im März 1998, was es Gore erschwerte, die gemeinsame Kommission von der US-Seite her am Laufen zu halten; schließlich die schrittweise Verhärtung unter Putin.

Gottemoellers erfrischendes, weniger als 200-seitiges Buch, Security Through Cooperation, ist weder eine (selbstlobende) Autobiografie noch eine sozusagen plumpe Schönschreibung amerikanischer Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik gegenüber Russland in den zwei Amtszeiten Bill Clintons. Besonders für ein politikwissenschaftlich interessiertes Publikum sind die beiden Abschlusskapitel empfehlenswert, die immer wieder (und ganz richtig) um das Wesen und den Wert des goldenen Dreiecks – politische Institutionen, politische Persönlichkeiten, politische Programme – kreisen.

Gottemoellers umfangreiche Berufserfahrung in der US-Regierung (Weißes Haus, Außenamt, Energieministerium), Denkfabriken (RAND, IISS London, Carnegie Moskau), bei der Nato als stellvertretende Generalsekretärin in Brüssel (2016–2019) und jetzt an der Universität Stanford, spiegelt sich im Buch, in jeder Zeile, deutlich wider: keine Allgemeinplätze, keine unbeholfenen Schuldzuweisungen, keine Besserwisserei von der Tribüne.

Ganz im Gegenteil: Security Through Cooperation verdient eine so breit wie mögliche Leserschaft in Wissenschaft, Politik, Diplomatie, Sicherheitskreisen und Gesellschaft. Denn Gottemoeller zeigt immer wieder, wie wichtig bei strategischen Fragen der internationalen Politik dreierlei ist: ein anhaltend hohes politisches Engagement auf höchster Ebene, eine bestmögliche Abschirmung der technischen Zusammenarbeit vom innenpolitischen Tagesgeschäft sowie ein Höchstmaß an Expertise, Professionalität und personeller Kontinuität im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik.

Angesichts der transatlantischen, europäischen und innereuropäischen Debatte in den EU-Mitgliedsländern über den "richtigen" Kurs gegenüber Russland, die der brutale, völkerrechtswidrige Krieg Moskaus in der Ukraine jeden Tag aufs Neue befeuert, ist Gottemoellers nüchterner Blick zurück in die 1990er Clinton-Jahre genau jene realistische, weil erfahrungsgesättigte, Analyse, die politischen Entscheidungsträgern im Hier und heute hilft, ernsthaft darüber nachzudenken, was von der Zusammenarbeit mit Russland noch zu retten ist.

Ein ausgezeichnetes Buch – gründlich recherchiert, menschlich geschrieben – über Erfolg und Zerbrechlichkeit der Kooperation zwischen Großmächten. (Robert Schütt, 3.9.2026)

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