«Anton und Alma»: Dana Vowinckel erzählt von grosser Liebe in Zeiten von Krieg und Hass

Anton liebt Alma. Und Alma liebt Anton. Aber dann gerät die Welt aus den Fugen: Dana Vowinckel erzählt eine erschütternde Liebesgeschichte inmitten von Krieg und TerrorDana Vowinckels Roman «Anton und Alma» ist...

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«Anton und Alma»: Dana Vowinckel erzählt von grosser Liebe in Zeiten von Krieg und Hass

Anton liebt Alma. Und Alma liebt Anton. Aber dann gerät die Welt aus den Fugen: Dana Vowinckel erzählt eine erschütternde Liebesgeschichte inmitten von Krieg und Terror

Dana Vowinckels Roman «Anton und Alma» ist die Geschichte der ersten grossen Liebe – und erzählt zugleich von Krieg, Schmerz und ideologischer Verhärtung seit dem 7. Oktober. Es ist ein fesselnder Roman, mit guten Chancen auf den Deutschen Buchpreis.

03.10.2026, 05.30 Uhr

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«Ich weiss nichts mehr über den Nahostkonflikt. Ich bin alle»: die Berliner Autorin Dana Vowinckel.

«Ich weiss nichts mehr über den Nahostkonflikt. Ich bin alle»: die Berliner Autorin Dana Vowinckel.

Max Zerrahn / Suhrkamp-Verlag

Dieser Roman fängt einfach an, beinahe schüchtern. Da ist kein Pomp, kein Satz, der gross und gewichtig klingen soll. Es wird einfach erzählt. Und diese geradeheraus geschriebenen Sätze wachsen wie beiläufig zu einem wuchtigen Liebes- und Gegenwartsroman heran.

Anton und Alma lernen sich in der Bretagne während eines Schüleraustauschs kennen. Alma findet Anton «hot», Anton findet Alma «whack». Noch. Alles klar, denkt die voreilige Leserin, keine Sätze, die man sich anstreichen müsste, eine Pageturner-Teenie-Romanze. Ein bisschen Kopfkino, ein bisschen Kitsch. Erst Seiten später beginnt man zu ahnen, dass Dana Vowinckel ihre Leser mitten in eine dicht gestrickte Geschichte über die Liebe zwischen zwei jungen Erwachsenen, Jüdischsein in Deutschland, den 7. Oktober und den Krieg in Gaza entführt hat. Und das anscheinend völlig mühelos.

«Anton und Alma» ist über fünfhundert Seiten dick, liest sich aber leicht und locker. Eine Leichtigkeit, die auch deswegen erstaunt, weil «Anton und Alma» der zweite, oft mit Ansprüchen überladene Roman nach Vowinckels gefeiertem Debüt «Gewässer im Ziplock» (2023) ist. Aber Dana Vowinckel hat sich ihre erzählerische Gelassenheit bewahrt und es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Am Montag wird der Preis verliehen, Vowinckel zählt zu den Favoriten.

Fünfhundert Seiten dichter Plot

Alma Bormann kommt aus Biesdorf, im Osten Berlins. Ihre Familie ist entfernt mit Martin Bormann verwandt, einem hohen NSDAP-Funktionär. Aber darüber wird zu Hause geschwiegen. Alma wächst in einer kleinbürgerlichen Familie auf, mit der sie nichts anfangen kann. Ihren Stiefvater Dirk hasst sie. Und auch sich selbst verabscheut Alma die meiste Zeit. Ab und zu schläft sie mit Marlon, einem alten Schwarm, aber eigentlich hält er sie nur hin, und eigentlich weiss sie das.

Und dann ist da Anton Béla Weiss, Sohn einer jüdischen Intellektuellenfamilie aus Schöneberg. Er ist schlaksig, klug und studiert Geschichte. Am Esstisch der Eltern wird an Schabbat laut gestritten, aber nur, weil man sich liebt und sich vertraut. Anton ist nicht gläubig, aber sein Jüdischsein beschäftigt ihn immer mehr. Weil der Antisemitismus ihn immer wieder dazu zwingt. Und weil er immer wieder mit seinem profanen Verhältnis zum Judentum hadert.

Diese zwei Welten kollidieren nach einigen Jahren und Umwegen in einem Kuss. Später dann die erste Liebesbekundung. Noch später Diskussionen über Mental Load (Alma kocht viel, räumt viel auf, Anton ist eher schluffig). Noch später die Kinderfrage (sie will unbedingt, am liebsten sofort, er ist sich nicht sicher, ob überhaupt). Und dazwischen ganz, ganz viel Begehren.

Eine NS-Nachkommin will Jüdin werden

Am Anfang dieser ersten grossen Liebe steht die Pandemie. Anton und Alma suchen das Glück einzig in der Zweisamkeit. Freundschaften versiegen, aber sie merken es kaum. Nur manchmal eine kleine Ahnung, dass sich dieses Leben zu privat anfühlen könnte, zu gemütlich, zu unversehrt. Vowinckel schreibt: «Für Anton waren diese Wochen ein Schauspiel, ein glückliches Schauspiel, aber erfunden.»

Irgendwann lässt sich die Welt nicht mehr aussperren. Anton und Alma fahren das erste Mal nach Biesdorf zu Almas Familie. Ihr Stiefvater Dirk macht das Treffen zum Desaster. «Es war so», schreibt Vowinckel, «dass Dirk sagte, man werde den Ungeimpften bald den Judenstern aufkleben.» Anton flieht, Alma hinterher, entschuldigt sich für ihre Familie, schämt sich.

Eines Tages beschliesst Anton, für ein Semester an die Columbia-Universität nach New York zu gehen. Aus der Zweisamkeit wird eine Fernbeziehung, aus der Fernbeziehung eine Pause. Die Gewissheit gerät ins Wanken, die Romanze wird zur Tragödie, vielleicht auch zur Komödie, da ist man sich bis zur letzten Seite nicht ganz sicher.

Denn während Anton in New York andere Frauen trifft, beginnt Alma, Nachfahrin eines deutschen NS-Verbrechers, zum Judentum zu konvertieren. Und dann auch noch der 7. Oktober.

«Instagram-Feed voller Hass und Tod»

Vieles aus diesem Roman, in dem sich verschiedene Städte, Identitäten und Erwartungen gegenüberstehen, findet sich auch im Leben der Schriftstellerin. Dana Vowinckel, 30, ist Tochter eines jüdischen Vaters und einer protestantischen Mutter, er kommt aus Chicago, sie aus Bielefeld. Dana Vowinckel wuchs in Berlin auf und konvertierte mit elf Jahren zum Judentum.

Wie Alma, die sich manchmal fragt, «ob sie dazu berufen war, jüdisch zu werden, sie fühlte sich allem so nah, so zu Hause im Gebet». Alma, die hofft, dass sie anders ist als die anderen deutschen Philosemiten, die aus Schuld und Reue konvertieren und die Anton für die grössten Deppen hält. Was will Alma sein? «Ein Pick-me-Goi.»

Währenddessen der Schrecken des 7. Oktober. Anton sucht in New York die Einsamkeit, zu schnell ist der Freundeskreis zersprengt. Die einen sagen: «Du siehst das Töten in Gaza nicht.» Die anderen sagen: «Du siehst den Schmerz der Juden nicht.» Vowinckel schreibt: «So vergingen zwei Wochen, die Sonne schien, der Park voll bunter Blätter wie auf einem New-Yorker-Cover, voll friedlicher Kinder in Samtkleidern und Riemchenschuhen, sein Instagram-Feed voller Hass und Tod.»

Auch die tiefe Erschöpfung über die Lagerbildung kommt aus dem Leben der Autorin. Einerseits sieht sie sich in der Pflicht, in der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen. In einem Gespräch mit dem «Freitag» sagte sie kürzlich: «Ich bin froh, dass ich die Gelegenheit habe, öffentlich zu sagen, dass ich den wichtigen internationalen Institutionen traue, die ziemlich geschlossen sagen: Israel hat in Gaza einen Genozid begangen.»

Anderseits will sie eigentlich gar nichts mehr sagen. In einem weiteren Interview sagte Vowinckel: «Ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass ich den Leuten etwas über den Nahostkonflikt sagen wollte. Eigentlich wollte ich sagen: Ich weiss nichts mehr über den Nahostkonflikt. Ich bin alle.» Und auch deswegen ist der Roman wohl in erster Linie eine grosse, wenn auch schmerzhafte, Liebesgeschichte. Aber eben eine Liebesgeschichte.

Dana Vowinckel: Anton und Alma. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 542 S., Fr. 38.90.

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