Arbeitstrend: Immer mehr Menschen haben „Zwei-in-eins-Jobs“

tzWeltStand: 13.10.2026, 19:39 UhrKommentareUns auf Google folgenImmer mehr Beschäftigte übernehmen zusätzliche Arbeit – zwei Fachleute bewerten die Entwicklung für Deutschland.Hamburg – Viele Menschen haben de...

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Arbeitstrend: Immer mehr Menschen haben „Zwei-in-eins-Jobs“

Stand: 13.10.2026, 19:39 Uhr

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Immer mehr Beschäftigte übernehmen zusätzliche Arbeit – zwei Fachleute bewerten die Entwicklung für Deutschland.

Hamburg – Viele Menschen haben derzeit Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Besonders der Anfang ihrer Karriere ist herausfordernd. Das zeigen aktuelle Zahlen: 2026 gab es in Deutschland zwei Drittel weniger Stellenanzeigen für Berufseinsteiger als noch 2022. Einige vermuten, dass dafür die zunehmende Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) verantwortlich ist und dass Unternehmen einzelne Aufgaben bis hin zu ganzen Stellen automatisieren. Ein neuer Bericht liefert dazu nun Zahlen: Stellen sind weniger geworden, die zu erledigende Arbeit aber nicht.

zwei Angestellte im Büro

Produktivitätssteigerung entsteht nicht dadurch, dass weniger Menschen mehr Arbeit erledigen, sagen Arbeitsexperten. (Symbolbild) © IMAGO / Westend61

Laut dem Korn-Ferry-Workforce-2026-Report sagen 61 Prozent der Beschäftigten, dass sie die Aufgaben von mehr als einer Stelle übernehmen. Sie üben sogenannte „Two-Job-Jobs“ (dt. Zwei-in-eins-Jobs) aus. Für den Report wurden mehr als 16.000 Angestellte in elf Ländern befragt. 62 Prozent geben an, dass sich ihre Arbeitslast in den vergangenen zwei Jahren deutlich erhöht habe, und 45 Prozent sagen, dass sie zu beschäftigt waren, um bedeutsame Ergebnisse zu erarbeiten, die zum Wachstum beitragen würden.

Arbeitsexpertin: Seit jeher wird Arbeit neu aufgeteilt und verhandelt

Wie sieht die Lage momentan in Deutschland aus? Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. (ifaa), ordnet die Zahlen ein: „Der Korn-Ferry-Report ist ein internationales Stimmungsbild, aber kein Nachweis für einen deutschen Trend“, sagt er der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Daten der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung von 2024 zeigten, dass Beschäftigte – heute mehr als früher – berichten, verschiedene Aufgaben gleichzeitig erledigen zu müssen. Starker Termin- und Leistungsdruck sowie sehr schnelles Arbeiten seien im langfristigen Vergleich zurückgegangen.

„Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie viele Stellen gestrichen werden, sondern ob gleichzeitig Arbeit entfällt oder neu organisiert wird.“ Der Experte erklärt, dass es in einzelnen Unternehmen Situationen geben könne, in denen Stellen entfallen und Aufgaben auf verbleibende Beschäftigte übergehen.

Dahinter steckt aus Sicht einer weiteren Expertin ein viel älteres Prinzip. „Es gibt die Entwicklung, dass immer weniger Menschen die Arbeit von immer mehr Personen übernehmen müssen – das ist die Natur von Rationalisierung“, sagt Britta Matthes vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der FR. Sie leitet die Forschungsgruppe Berufe in der Transformation. Seit jeher würden Menschen versuchen, Maschinen zu erfinden, um weniger arbeiten zu müssen. „Die Arbeit, die den Menschen bleibt, wird immer wieder neu aufgeteilt, verhandelt und auf Jobs zugeschnitten. Das ist nicht neu.“

Wirtschaftsexperte: Produktivitätssteigerung geschieht nicht durch weniger Personal

Der Grund, wieso die Wahrnehmung vieler Menschen derzeit so intensiv ist, habe damit zu tun, dass gegenwärtig „das Gespenst der generativen KI am Horizont erscheint“, sagt Matthes. Viele Unternehmen würden dem „Kurzschluss unterliegen“, alles technisch Mögliche sofort von den Beschäftigten umsetzen zu lassen. „Dadurch werden die Anforderungen extrem überzogen.“ Auf der anderen Seite gebe es Beschäftigte, die ihre Arbeit weiterhin wie gewohnt abarbeiten wollten. Wenn also viele Menschen sagten, sie übernehmen die Aufgaben von mehr als einer Stelle, „ist das eigentlich ein Indikator für Überforderung“, sagt die Expertin.

Fachkräfteengpässe, Restrukturierungen, Kostendruck, Digitalisierung und zunehmend auch KI seien laut Stowasser Gründe für eine gefühlte Arbeitsintensivierung. „Nachhaltige Produktivitätssteigerung entsteht nicht dadurch, dass weniger Menschen dauerhaft einfach mehr arbeiten“. Sie entstehe durch bessere Prozesse, geeignete Technik und eine gute Arbeitsorganisation. Es sei problematisch, wenn lediglich Personal reduziert werde, während Aufgaben weitgehend unverändert blieben.

Deutscher Arbeitsmarkt nicht so stark von KI beeinflusst wie USA

Matthes betont, dass es Unterschiede zwischen dem US‑amerikanischen und dem deutschen Arbeitsmarkt gebe – zum Beispiel gebe es hier keine „Hire and Fire“-Kultur. Für die USA belegten Studien, dass durch den Einsatz von KI die Beschäftigung zurückgeht, aber die Löhne nicht steigen. „Für Deutschland hingegen gibt es Hinweise darauf, dass die Beschäftigungseffekte von künstlicher Intelligenz nicht so deutlich ausfallen.“ Hier gehe es um die Frage: Wie kann man Beschäftigte mit Bildungsmaßnahmen ausstatten, damit sie in der Lage sind, ihre Arbeit mit Hilfe der Maschinen zu bewältigen?

Dass der zunehmende Einsatz von KI nicht uneingeschränkt positiv für Beschäftigte ist, betont auch Stowasser: „Kritisch wird es dann, wenn hohe Anforderungen dauerhaft zum Organisationsprinzip werden und Ressourcen, Handlungsspielräume und Erholungsmöglichkeiten nicht mitwachsen.“ Für Unternehmen gebe es klare Warnsignale, dass Beschäftigte überfordert sind: Fehler, Nacharbeit, wachsende Rückstände oder fehlende Zeit für Verbesserungen. (Quellen: Korn-Ferry-Workforce-2026-Report, BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung, eigene Recherche)