Archäologie unter Wasser: Lag im Arendsee einst eine Steinzeit-Siedlung?
Archäologen haben im Arendsee unter Wasser bis zu 10.500 Jahre alte Hölzer entdeckt. Die Fundstücke könnten Überreste früher Holzbauten sein und bisherige Vorstellungen von der Mittelsteinzeit verändern. Mit moderner Technik und weiteren Untersuchungen wollen Wissenschaftler das Rätsel lösen.
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AUDIO: Archäologen untersuchen steinzeitliche Funde aus dem Arendsee (2 Min)
Sensationsfund
Archäologen vermuten Steinzeit-Siedlung im Arendsee
Stand: 15.10.2026 13:54 Uhr
Archäologen haben im Arendsee unter Wasser bis zu 10.500 Jahre alte Hölzer entdeckt. Die Fundstücke könnten Überreste früher Holzbauten sein und bisherige Vorstellungen von der Mittelsteinzeit verändern. Mit moderner Technik und weiteren Untersuchungen wollen Wissenschaftler das Rätsel lösen.
von Carina Emig, MDR SACHSEN-ANHALT
Rund 20 Meter unter der Wasseroberfläche des Arendsees beginnt für Dr. Marcel Weiß eine Reise in die Vergangenheit. Ausgerüstet mit Tauchflasche und Spezialtechnik sucht der Archäologe nach Spuren von Menschen, die hier vor Jahrtausenden gelebt haben. Was sein Team auf dem Grund des Sees entdeckt hat, könnte die Geschichte der Mittelsteinzeit in Mitteldeutschland ein Stück weit neu schreiben. Denn dort liegen Hölzer, die Menschen schon vor rund 10.500 Jahren bearbeitet haben.
Fund im Arendsee deutet auf 10.500 Jahre alte Siedlung hin
Weiß leitet die Untersuchungen für das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Seit mehreren Jahren erforschen Taucher die Vergangenheit des Arendsees im Altmarkkreis Salzwedel. Im Frühjahr 2026 stießen sie auf eine außergewöhnliche Fundstelle. "Also im Arendsee haben wir Reste von mittelsteinzeitlicher Besiedlung gefunden. Das ist ungefähr 10.500 Jahre alt", berichtet Weiß. Neben großen und kleineren bearbeiteten Hölzern entdeckten die Forscher auch Werkzeuge aus Stein und Tierknochen, die von der Jagd stammen.
Besonders bemerkenswert ist ein etwa 1,60 Meter langer Holzpfahl, der deutliche Fäll- und Bearbeitungsspuren zeigt. Dazu kommen bis zu 1,30 Meter lange gespaltene Bretter. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Hölzer einst zu einer Konstruktion gehört haben könnten. Möglicherweise handelte es sich sogar um eine Hütte. Sicher ist das allerdings noch nicht.
Der im Arendsee entdeckte Holzpfahl könnte Teil einer steinzeitlichen Konstruktion gewesen sein.
Neue Erkenntnisse über Jäger und Sammler?
Gerade diese Frage macht den Fund so außergewöhnlich. Vor 10.500 Jahren lebten die Menschen in Mitteleuropa noch als Jäger und Sammler. Sie ernährten sich von Wildtieren, Pflanzen und Fisch und waren noch nicht dauerhaft sesshaft. Größere, feste Holzbauten aus dieser Zeit waren in Mitteldeutschland bisher nicht nachgewiesen. Spuren möglicher Behausungen kannte man vor allem durch Verfärbungen im Erdreich.
Sollte sich bestätigen, dass die bearbeiteten Hölzer zu einer dauerhaften Konstruktion gehörten, könnte das bisherige Vorstellungen verändern. Denn dann hätten Menschen ihre Lebensräume möglicherweise bereits wesentlich früher aufwendiger gestaltet als bislang angenommen. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass sie schon dauerhaft an einem Ort wohnten. Auch umherziehende Jäger und Sammler konnten feste Lagerplätze wiederholt nutzen.
Archiv unter Wasser: Arendsee ist besondere Fundstelle für Forscher
Dass die Hölzer überhaupt so lange überdauert haben, verdanken die Archäologen einer geologischen Besonderheit des Arendsees. Unter dem Gewässer liegt ein Salzstock. Durch natürliche Prozesse sinkt der Seegrund langsam ab. Während viele andere Seen mit der Zeit verlanden, sind hier ehemalige Uferbereiche tief unter die Wasseroberfläche geraten. Eine dünne Sedimentschicht hat die Überreste der früheren Besiedlung über Jahrtausende geschützt.
Für die Wissenschaftler ist der See deshalb ein außergewöhnliches Archiv der Vergangenheit. Schon früher wurden dort unter anderem jungsteinzeitliche Fischzäune und mittelalterliche Wasserfahrzeuge entdeckt. "Ja, man sieht, dass die Geschichte am Arendsee eben noch nicht zu Ende geschrieben ist", sagt Marcel Weiß. Er hält es für möglich, dass die Forscher künftig auf noch ältere Spuren stoßen.
Archäologie mit Unterwasserroboter
Bei den Untersuchungen spielt inzwischen auch moderne Technik eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit Forschern des Fraunhofer-Instituts aus Ilmenau kam ein ferngesteuerter Unterwasserroboter zum Einsatz. Mit hochauflösenden Sonaraufnahmen wurde die Landschaft am früheren Seeufer vermessen. Dadurch lassen sich weitere interessante Stellen erkennen und künftige Tauchgänge gezielter planen.
Ein Roboter liefert den Archäologen Bilder der Funde unter Wasser.
Auch die geborgenen Hölzer sollen genauer untersucht werden. Nach Angaben von Taucheinsatzleiter Dr. Sven Thomas sind unter anderem dendrochronologische Untersuchungen geplant. Dabei versuchen Wissenschaftler, Holz anhand seiner Jahresringe zeitlich einzuordnen. Bei derart alten Fundstücken ist das besonders anspruchsvoll, denn vergleichbares Material ist nur selten erhalten geblieben. Außerdem ist eine Untersuchung der Funde mittels Magnetresonanztomographie in Halle vorgesehen. Sie könnte helfen, weitere Einzelheiten über die Beschaffenheit der Hölzer sichtbar zu machen.
Natürlich behalten wir unsere Ergebnisse nicht für uns und werden das natürlich auch lokal den Menschen und den Leuten dann eben zugänglich machen. Marcel Weiß, Archäologe
Neue Erkenntnisse sollen in der Altmark präsentiert werden
Für Marcel Weiß und sein Team stehen die Untersuchungen erst am Anfang. Weitere Tauchgänge sollen zeigen, wie groß die Fundstelle ist und ob sich ein Zusammenhang zwischen den verschiedenen Hölzern nachweisen lässt. Zugleich möchte das Landesamt seine Erkenntnisse nicht nur innerhalb der Wissenschaft diskutieren, sondern auch den Menschen in der Altmark vorstellen. Die Forscher stehen dazu nach eigenen Angaben bereits in engem Austausch mit der Stadt Arendsee. "Natürlich behalten wir unsere Ergebnisse nicht für uns und werden das natürlich auch lokal den Menschen und den Leuten dann eben zugänglich machen", versichert Weiß.
Die Wissenschaftler wollen die Funde nicht nur unter sich besprechen, sondern ihre Erkenntnisse auch mit den Menschen in der Region teilen.
Bis das Rätsel gelöst ist, bleibt offen, was die Menschen vor 10.500 Jahren am Arendsee tatsächlich gebaut haben. Vielleicht waren es Hütten, vielleicht eine ganz andere Konstruktion. Sicher ist bislang nur: Tief unter der Wasseroberfläche liegt ein außergewöhnliches Stück Menschheitsgeschichte, das noch längst nicht vollständig erforscht ist.
MDR (Carina Emig, Maren Wilczek)