Attackiert Rachel Cusk in ihrem neuen Roman Natalie Portman als hohl?
Wirbel um Buch Attackiert Rachel Cusk in ihrem neuen Roman Natalie Portman als hohl? "Das Leben der M" regt Feuilletons und Film-Branchenblätter auf, seit die Druckfahnen vor zwei Monaten publik wurden...
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Wirbel um Buch
Attackiert Rachel Cusk in ihrem neuen Roman Natalie Portman als hohl?
"Das Leben der M" regt Feuilletons und Film-Branchenblätter auf, seit die Druckfahnen vor zwei Monaten publik wurden. Die Autorin ist Aufregung gewöhnt
Michael Wurmitzer
Rachel Cusk ist Aufregung um ihre Bücher gewohnt. Manche medialen Reaktionen kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Als sie 2001 in A Life’s Work darüber schrieb, wie es für sie war, Mutter zu werden, wurde sie zur Kinderhasserin und zum Krisensymptom des Feminismus gestempelt. Als Cusk 2012 in Aftermath über das Ende ihrer damaligen Ehe schrieb, wurde ihr vorgeworfen, die Persönlichkeitsrechte ihres Ex und ihrer Kinder zu verletzen. Die negativen Reaktionen waren so stark, dass sie überhaupt zwischenzeitlich aufhörte, zu schreiben. Wie weitermachen, ohne missverstanden zu werden? Es folgten auf die genannten Memoirs zwar weiterhin autofiktionale, aber nicht mehr erkennbar auf andere reale Personen referierende Romane. Für Outline, Transit und Kudos sammelte sie viel Beifall. Nun ab 2016 auch im deutschsprachigen Raum, wo sie zuvor nicht so richtig Tritt fassen konnte.
Jetzt sorgt aber Das Leben der M seit Wochen für Wirbel, nämlich seit im Juli die Druckfahnen in Umlauf kamen und sich der Verdacht aufdrängte, es könnte sich bei der titelgebenden "M" um die Schauspielerin Natalie Portman handeln. Der Schluss fällt nicht schwer: M wird als ehemaliger Kinderstar beschrieben, in einem ihrer späteren Filme wird sie für die Hauptrolle einer Ballettinszenierung ausgewählt. Black Swan liegt auf der Hand.
"Mischmasch"
Englischsprachige Medien sprangen zuerst auf, sprachen von einem "literarischen Attentat" und dem "literarischen Skandal des Jahres". Brancheninsider wollten von "verrückten rechtlichen Situationen" rund um dieses Buch gehört haben. Eine Vertraute Portmans soll angegeben haben, der Star sei angepisst, sie sei zudem weit entfernt von einer Diva.
Selbst direkt geäußert hat sich die Schauspielerin aber nicht. Dafür Cusk, die der New York Times zum Erscheinen des Buches auf Englisch Mitte August ihr Leid klagte, es sei gerade sehr "stressig". Ob das im Buch tatsächlich Natalie Portman sei, sei doch egal. Wiewohl: "Berühmte Menschen betreten die öffentliche Bühne, und obwohl ich diese Formulierung nicht mag, ist das Teil des Geschäfts und Teil der Tragödie". Das Leben der M sei "ein Werk der Fiktion" und wie alle diese ein "Mischmasch" aus realen Versatzstücken, Erfindungen und persönlichem Material.
Wie Portman, aktuell mit ihrem dritten Kind schwanger, lebt auch die in Kanada geborene und mit neun nach Großbritannien übersiedelte Cusk seit einiger Zeit in Paris, das als Handlungsort auszumachen ist. Noch kurz zum Blätterrauschen in der Causa: Die beiden sollen einander kennen und wenige Male getroffen haben, Portman hat bereits Werke von Cusk in ihrem Buchklub besprochen. Freundinnen sollen die beiden aber nicht sein, und wenn Cusk mit ihrem Buch den Eindruck einer intensiven Beobachtung aus nächster Nähe erwecken wolle, sei der falsch.
Karikatur statt Entdeckung
Worum geht es auf den seit Mittwoch auf Deutsch vorliegenden, inkriminierten 170 Seiten überhaupt? Sie handeln von einer Autorin, die einer Schauspielerin vorschlägt, deren Biografie zu schreiben. Die Schauspielerin stimmt zu, und die Autorin schreibt dann. Allerdings nicht sehr schmeichelhaft. Nun darf man sich von Cusk, bekannt dafür, hart mit sich und anderen ins Gericht zu gehen, wenig anderes erwarten. In der Regel enthüllen ihre nüchternen, sachlichen, von manchen kalt genannten Betrachtungen aber etwas, was man bis dahin vielleicht noch nicht bemerkt, nicht auf diese ihre Art betrachtet hatte. Das macht ihren anregenden Reiz aus. Sie wirken, als würde die Autorin ihre Sujets sezieren. Dazu trägt auch die Benennung nur mittels Initial ("M") bei, als handelte es sich bei der Protagonistin um ein Beweisstück, ein Studienobjekt. Cusks Literatur hat immer auch etwas von einer Untersuchung der Möglichkeiten von Zusammenleben für jemanden, der nicht dafür gemacht ist.
Vor dieser Lektüreerwartung wirkt Das Leben der M allerdings über weite Strecken wie Gossip. Anstatt etwas zu entdecken, das eine unbequeme Wahrheit sein könnte, hat man eher das Gefühl, hier entsteht eine Karikatur. Das Leben der M versammelt viel, was auch die Klatschpresse aus der Ferne an (bösen) Klischees über Hollywood-VIPs auffahren könnte. M ist vielfach hohl, emotionslos, abgehoben. Statt authentisch zu reagieren, überlegt M etwa stets, was sie tun muss, um diesen oder jenen Eindruck zu erwecken. Es interessiert sie nicht, wie Menschen zu denen geworden sind, die sie sind, zu wissen, dass sie sie sehr gut spielen könnte, reicht ihr.
Alltag im Luxusformat
Andererseits kann man nicht sagen, dass die Autorin ihre Porträtierte nur attackiert. Manches erscheint für einen Star durchaus legitim. Wie sollte Alltag im Luxusformat sonst aussehen, als dass für VIPs wie sie Luxushotels eigentlich gesperrte Terrassen öffnen, ohne dass sie etwas dafür kann? "So verhielten die Menschen und die Dinge sich in Ms Nähe. Die Wirklichkeit wurde formbar, gab jederzeit nach und änderte ihre Regeln", fasst Cusk das in eine zweifellos brillante Formulierung. Dann gibt es im Selbstoptimierungszeitalter wenig überraschende Charakterisierungen wie: "M betrachtet sich als Job, und wenn ihre Freundin sich ebenfalls als Job betrachten würde, wäre sie bestimmt glücklicher." M wird auch in Abhängigkeiten sichtbar, in Selbstzweifeln. Verdankt sie ihre Karriere nur ihren dünnen Beinen? Und sie wird in einem Restaurant zum Opfer von Fans, die ein Selfie mit ihr wollen, und sie, als sie dieser Aufforderung nicht nachkommt, "Bitch" nennen.
Portman verächtlich machen? Das wäre nicht nur gar platt für eine Autorin wie Cusk, sondern das stellt Cusk auch in Abrede. In einem Gespräch mit der Zeit brachte die 59-Jährige nun auch die Kategorie der "öffentlichen Vorstellung" ins Spiel. Figuren wie M dienen demnach "als Flucht aus dem Selbst, als Menschen, die zugleich real existieren und Gegenstand der Imagination sein können." Führt Cusk also eigentlich die Gesellschaft vor, die Stars begeifert und belauert? "Meine Erzählerin entscheidet sich tatsächlich dafür, in der Form der Schauspielerin etwas zu sehen, das von ihr mit Persönlichkeit erfüllt werden kann, und nutzt sie beinahe therapeutisch." Das Buch sei, führen Verteidiger ins Feld, demnach kein Gewaltakt gegen Portman, sondern vielmehr die Untersuchung eines Gewaltakts.
Das lässt sich nachvollziehen. Nicht zuletzt hat ja auch die Autorin Cusk Erfahrung mit gesellschaftlichen Projektionen auf sich. Musste Cusk aber Natalie Portman mit in dieses Projekt der Zuschreibungen hineinziehen? Hätte sie all das nicht an einer nicht identifizierbaren Figur festmachen können? Böse Zungen könnten, wohl gerade in dem Jahr, in dem Der Teufel trägt Prada 2 herausgekommen ist, sagen, anders hätte Cusk nicht so viel Aufmerksamkeit dafür generiert. Oder wäre die Filmreihe einst so erfolgreich geworden, würde nicht Anna Wintour deutlich hinter Miranda Priestley hindurchschimmern? Cusk aber sagt in der Zeit anderes: "Für mich ist die Rezeption eine Auswirkung oder Erweiterung des Inhalts des Buchs" und "Das war für mich Teil des Buchs: dieser Wunsch, dem Sondergebiet der Literatur zu entfliehen".
Alles nur "Rauch"
So ist dieses schmale Buch reich an theoretischen Herausforderungen. Ein bisschen viel writer's writing? So richtig knallt für den gemeinen Leser auch Cusks Überlegung das Ende betreffend in der New York Times nicht. Da ergibt sich zwischen M und der Autorin nämlich ein Dialog: "Mir gefällt nicht, wie du mich porträtiert hast, sagte sie. Ehrlich gesagt finde ich es verletzend." – "Aber das bist nicht du, sagte ich. Es ist niemand Bestimmtes." – "Natürlich kannst du tun, was du willst, sagte sie. Aber ich möchte nicht, dass du meinen Namen verwendest." Mit Blick auf diese Stelle erklärt Cusk, es sei "fast, als ob das Buch, das man gerade gelesen hat, explodiert und sich selbst zerstört", als würde es in einer "Wolke aus Rauch" aufgehen.
Trägt das entscheidend zum Lektüreerlebnis bei? Lässt man die Lektüre noch einmal gedanklich Revue passieren, schon. Immerhin hat man es jetzt im Kern mit einer Autorin mit Projektionsproblemen zu tun. Man könnte nun allerdings etwas von der Ärgerlichkeit spüren, die man auch empfindet, wenn man eine Lieblingsserie schaut, und am Ende der Folge entpuppt sich alles nur als Traumsequenz. Das Leben der M verfügt dennoch über manches, was Cusks Reiz ausmacht: Beobachtungen, philosophische Anflüge, die anecken oder zumindest anregen. Es geht dann um das Verhältnis zu den Eltern oder "weiche" Männer im Kontrast zu den gestählten Schauspieler-Schönlingen, das Älterwerden als Frau, das Künstlerinnendasein. Insgesamt schiebt sich der Roman aber in etwa so ziellos voran wie die Raumbeschreibungen ausfallen, mit denen jedes Kapitel startet. Cusk hatte schon mehr Witz, lesen Sie nach im Essayband Coventry.
Immerhin ein Problem dürfte dem Leben der M erspart bleiben: Cusks The Last Supper von 2009 wurde in England infolge einer Verleumdungsklage zurückgezogen. Allerdings waren das Privatpersonen, die sich darin erkannt hatten, und keine Figuren öffentlichen Interesses. Für ein eventuelles rechtliches Vorgehen Portmans sehen Beobachter wenig Chancen. (Michael Wurmitzer, 2.9.2026)
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