Auf dem Jakobsweg: Besuch beim ersten Wiener Jakob-Treffen

Namensvetter Auf dem Jakobsweg: Besuch beim ersten Wiener Jakob-Treffen Im Burggarten versammelten sich vor zwei Wochen zahlreiche Jakobs. Aus namensbedingter Pflicht folgte unser Autor diesem Ruf und ...

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Auf dem Jakobsweg: Besuch beim ersten Wiener Jakob-Treffen

Namensvetter

Auf dem Jakobsweg: Besuch beim ersten Wiener Jakob-Treffen

Im Burggarten versammelten sich vor zwei Wochen zahlreiche Jakobs. Aus namensbedingter Pflicht folgte unser Autor diesem Ruf und fragte sich: Was haben wir gemeinsam?

Reportage

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Jakob Thaller

Eine Gruppe von vier jungen Männern steht im Freien und lacht. Zwei von ihnen tragen Namensschilder mit der Aufschrift „Jakob“. Im Hintergrund sind Bäume und ein Gebäude zu sehen, vermutlich bei Dämmerung. Einer der Männer hält ein kleines Geschenk.
Damit niemand den Überblick verlor, nummerierten die Organisatoren Jakob #2 (links) und Jakob #1 alle anderen Jakobs.

In Wien gibt es noch einen zweiten Jakob Thaller. Wir kennen uns nicht wirklich, aber er hat meine Nummer, weil ich ihn vor Jahren für eine Recherche kontaktiert habe. Schon länger herrschte in unserem Chat Funkstille. Umso überraschter war ich, als vor kurzem sein Name, also unser Name, auf meinem Handy aufleuchtete. Keine Begrüßung, nur ein Bild mit Text: „Jakoparty – Jakob Meet-up, 2. Oktober, 17 Uhr, Burggarten. Alle Schreibweisen willkommen.“

Ein Treffen für alle Jakobs? Organisiert hatte es nicht der andere Jakob Thaller, sondern irgendwelche Jakobs, die das Ganze auch noch auf Reddit bewarben und eine eigene Instagram-Seite für die Party erstellt hatten. Mitnehmen sollte man Getränke. Und andere Jakobs.

Ein Arm hält ein Smartphone, auf dessen Bildschirm eine Einladung zu einer „JAKOPARTY – Jakob Meetup“ am 2. Oktober im Burggarten angezeigt wird. Im Hintergrund sind unscharf stehende Personen und eine Rasenfläche zu sehen.
Die Einladungen gingen auf Reddit und Instagram um.

Große und kleine Jakobs

In den Tagen darauf begannen sich in meinem Kopf ungewöhnliche Fragen zu formen. Hat ein Name überhaupt Einfluss auf das Leben eines Menschen? Allein im Jahr meiner Geburt wurden noch 390 andere Jakobs in Österreich geboren, danach wurden es immer mehr. Es gibt uns in allen Ausführungen: große und kleine Jakobs, stille und laute, wirklich kluge Köpfe und weniger klugen Exemplaren unsere Sorte bin ich schon begegnet.

Was wir alle gemeinsam haben? Womöglich gar nichts. Biologisch betrachtet. Ein Name, da bin ich mir sicher, muss mehr sein als eine bloße Aneinanderreihung von Buchstaben – man denke nur einmal an die vielen Kevins, die bei nicht wenigen Lehrkräften schon als Unruhestifter gelten, bevor sie den Mund aufgemacht haben. Die armen Kevins. Aber Jakobs? Wie sind wir eigentlich?

Eine Gruppe von Menschen steht auf einer Wiese vor einem historischen Gebäude mit Glasfassade und Terrasse. Es ist Abend, und die Szenerie wirkt entspannt und gesellig.
Was überraschend war: Viele Jakobs waren erstaunlich pünktlich.

Als ich an besagtem Freitagabend durch den Burggarten spazierte und die verstreuten Menschengrüppchen nach verdächtig jakobhaften Gesichtern absuchte, drängte sich die nächste Frage auf: Wie erkennt man Jakobs überhaupt? Zuerst entdeckte ich den Fotografen, der mich für diese Geschichte begleiten sollte. Ein Florian, leider war kein Jakob verfügbar. Daneben befand sich eine Menschentraube, die zusehends größer wurde. „Jakob?“, rief fragend in ihre Richtung. „Jakob!“, schallte es neunfach zurück.

Wie sind wir?

Ich bekam ein Stück Klebeband mit meinem Namen ausgehändigt: Jakob. Daneben die Nummer 10. Jakob #1 und Jakob #2, die Veranstalter waren jung, erst 20 und 19 Jahre alt. Der eine trug sein zersaustes Haar kurz, der andere hatte eine ähnliche Frisur, nur etwas länger gewachsen. Die Idee, erzählten sie, sei ihnen an einem Sommerabend auf der Donauinsel gekommen. Mehr war vorerst nicht rauszufinden, die Jakobs hatten mit den Namensschildern genug zu tun.

Ein Picknick-Setup auf einer Wiese. Zu sehen sind eine Palette mit Bierdosen, ein Volleyball, eine Schüssel mit Salat, Plastikbecher, verschiedene Chipspackungen und Taschen auf einer rot-karierten Decke.
Wo viele Jakobs zusammenkommen, wird es schnell lustig.

Ich schaute mich um. Ständig stießen Männer meines Namens mit dem Ausruf „Jakob?“ dazu. Der Rest, zu dem ich inzwischen gehörte, antwortete immer: „Jakob!“. Die Neuankömmlinge bekamen Nummern auf die Brust geklebt, als würden sie einen Marathon laufen. Im Kopf zählte ich noch mit: Jakob #15, Jakob 16, Jakob #17. Im sportlichen Tempo ploppten dazu Dosenbiere auf, Zigaretten wurden angezündet, fremde Jakobs begannen sich zu unterhalten.

Auch ich nahm mir ein Bier, zwei Jakobs verwickelten mich in eine Diskussion. Das Thema: Dürften Jakobs kommen, die nur im zweiten Vornamen so heißen? „Darüber hab ich gestern lange nachgedacht“, sagte ein Jakob und ja, er würde das dulden. Zustimmendes Nicken. Die Vielfalt der mir anvertrauten Lebensläufe nahm zu: Viele studierten, die Boku scheint Jakob-Territorium zu sein. Einer, der sich mit c schrieb, züchtete Schwammerl; die essbaren, nicht die narrischen.

Ein Mann trägt ein dunkelblaues T-Shirt, während Hände ein Namensschild mit handgeschriebenem Text auf seine Brust kleben. Hintergrund zeigt eine grüne Parklandschaft.
Ein Jakob wird beklebt.

Vorbilder aus den USA

Einen Augenblick lang war ich einfach nur ein weiterer Jakob. Dann nahm ich meinen journalistischen Auftrag wieder auf. „Was bedeutet es für euch eigentlich, ein Jakob zu sein?“, fragte ich in die Runde. „Ich hätte nie gedacht, dass ich wegen so einem dämlichen Scheiß einmal im STANDARD lande“, sagte Jakob #9. Ich notierte das in meiner Notizen-App. „Ich würde die These aufstellen, wir Jakobs sind überdurchschnittlich erfolgreich“, unterbrach uns ein anderer Jakob, der offenbar für die ÖVP arbeitete. Die Identitätsforschung machte Fortschritte.

„Die Hälfte der Jakobs, die ich kenne, war sofort dabei“, sagte mir kurz darauf Jakob #2. Ein paar Minuten Zeit hatten die Organisatoren dann doch, um mir zu erklären, wie aus einer Namensgleichheit gleich eine Veranstaltung wurde. Die Anthony-Treffen in New York waren ein Vorbild, erzählten sie. Und die viralen Josh-Kämpfe in Nebraska, bei denen Männer namens Josh Swain mit Schwimmnudeln bewaffnet gegeneinander antraten. Ich stellte ihnen auch die Frage, die mich seit Tagen beschäftigte: Was haben wir alle gemeinsam?

Wirklich beantworten konnten sie das nicht. Als wir zu den anderen zurückgingen, fiel mir aber etwas auf: Dieses leichte Unbehagen, das sich in zufällig zusammengewürfelten Gruppen normalerweise einstellt, scheint hier niemand zu haben. Noch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, warum das so war, wurden wir in Gruppen eingeteilt. Die beiden jungen Jakobs hatten sich ein Programm überlegt und plötzlich wurde es ernst. Wir sollten uns aufstellen, der Größe nach? Nein, dem Alter nach. Vom jüngsten Jakob (19) bis zum Ältesten (41).

Eine große Gruppe von Menschen posiert auf einer Wiese in einem Park. Im Hintergrund sind Bäume und ein Abendhimmel zu sehen. Die Personen sind von links nach rechts nach Alter aufgestellt.
Die Jakobs stellten sich von links nach rechts nach Alter auf, vom Jüngsten (19) bis zum Ältesten (41).

Danach: ein Jakob-Quiz. „In welchem Jahr war Jakob der häufigste Name für Neugeborene“, fragte Jakob #1. Wir diskutierten. Ich hatte das schon einmal gelesen und trug die Antwort entsprechend selbstsicher vor. Trotzdem Falsch. Egal, nächste Frage: „Bei welcher Partei ist Jakob Schwarz Nationalratsabgeordneter?“ Bei den Grünen. Hahaha. Und Jakob Grüner? Bei der ÖVP natürlich, den Schwarzen. Noch mehr Gelächter. Manche Pointen schreiben sich wirklich von selbst.

Irgendwann standen wir alle da. Es war inzwischen stockdunkel, und wir sangen gemeinsam Bruder Jakob. Es wäre der perfekte Schluss für diese Reportage, wäre ich nicht der Jakob, der oft länger bleibt als geplant. Der Jakob, der manchmal ein mehr Bier trinkt, als er sich vornimmt. Ich weiß noch, wie mir ein Jakob, der eigentlich nicht raucht, eine Zigarette hingehalten hatte, obwohl ich eigentlich auch nicht rauche.

Ein junger Mann in einem dunkelgrauen Pullover mit einem Namensschild
Wusste man eine Antwort, bekam man von Jakob #1 einen Schokobon.

Per Anhalter durch Wien

Meine Erinnerung wird an dieser Stelle etwas unscharf. Zumindest der Jakob, der am längsten bleibt, wollte ich dieses Mal aber nicht sein. Ich war also gerade dabei, mich an einem sogenannten polnischen Abgang zu versuchen – das heißt Abhauen, ohne sich von irgendwem zu verabschieden. Und genau in diesem Moment tauchte Jakob #42 auf. Offenbar der letzte Neuzugang.

42, die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Das erklärte ich ihm einigermaßen aufgeregt, schließlich stammt die Zahl aus Per Anhalter durch die Galaxis, meinem Lieblingsbuch. Kannte er nicht. Bevor ich zum Jakob wurde, der alle volllabert, machte ich mich wirklich auf den Weg. Ich: „Tschüss Jakobs“. Die wenigen verbliebenen anderen: „Tschüss Jakob.“

Eine Gruppe von Menschen steht nachts im Freien auf einer Wiese. Einige halten Zettel in den Händen, während andere ihre Smartphones als Lichtquelle nutzen. Im Hintergrund sind beleuchtete historische Gebäude zu sehen.
Am Ende sangen die Jakobs gemeinsam „Bruder Jakob“ – ein Lied, das viele von ihnen seit ihrer Kindheit begleitet.

Richtung heimwärts torkelnd musste ich an den Autoren Douglas Adams denken. Die Idee zu seinem Roman kam ihm ja auf einer Rucksackreise durch Österreich, in Innsbruck. 1971 soll er sich dort – nicht unbedingt sturzbetrunken, aber doch in einem Zustand, in dem man sich nach längerer Nahrungsabstinenz und einigen starken Gösser-Bieren eben befindet – auf ein Feld gelegt und in den Himmel geschaut haben. Ich stand an einer Straßenbahnhaltestelle und schaute ebenfalls nach oben. 2026. Keine Sterne. Nur Wien.

Irgendwann kam die Straßenbahn. Wo war eigentlich der andere Jakob Thaller geblieben? Ich zückte mein Handy und schrieb ihm noch eine Nachricht. Am nächsten Morgen wachte ich auf, und plötzlich wurde mir klar, was zumindest einige von uns Jakobs verband: Kopfweh. (Jakob Thaller, 16.10.2026)

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