Nobelpreis für Anne Carson und Buchpreis für Shida Bazyar: Eine gute Woche für die Literatur

Der Nobelpreises für Literatur geht an Anne Carson, der Deutsche Buchpreis an Shida Bazyar. Beides ist großartig. Die Literatur lebt. Nobelpreisträgerin Anne Carson beim beim Poesiefestival 2026 in ...

  • 3 min read
Nobelpreis für Anne Carson und Buchpreis für Shida Bazyar: Eine gute Woche für die Literatur
Dirk Knipphals

Der Nobelpreises für Literatur geht an Anne Carson, der Deutsche Buchpreis an Shida Bazyar. Beides ist großartig. Die Literatur lebt.

Nobelpreisträgerin Anne Carson beim Poesiefestival auf der Bühne
Nobelpreisträgerin Anne Carson beim beim Poesiefestival 2026 in Berlin

Foto: Natalia Reich/Haus für Poesie/dpa

D ie großen Literaturpreise haben gewiss etwas Fragwürdiges. Es gibt so viele Autor*innen, die Anerkennung (und das Preisgeld) verdienen – aber dann konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit doch auf einzelne Namen. Und trotzdem, es ist schlicht ein schönes Gefühl, wenn sich der Eindruck einstellt, dass es die richtigen Au­to­r*in­nen getroffen hat. So wie gleich zweimal in dieser Woche. Am Montag erhielt Shida Bazyar den Deutschen Buchpreis, nun wurde also die Kanadierin Anne Carson als Nobelpreisträgerin für Literatur verkündet. Beides ist großartig.

Es handelt sich hier um zwei ganz unterschiedliche Schreibansätze, realistisch bei Bazyar, kaum auf einen Begriff zu bringen bei Carson, bei der sich nicht umsonst die Bezeichnung „hybrides Schreiben“ eingespielt hat. Während sich Bazyar mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzt, tritt man bei Carson lesend gleich in einen Dialog mit der gesamten Menschheitsgeschichte, soweit sie Schrift geworden ist. In ihren Texten stößt man auf aktuelle Literaturtheorien wie auf antike Dichterinnen, auf jahrtausendealte Liebeskonzepte wie auf Klassiker wie Proust. Die überkommene Formenaufteilung in Prosa, Lyrik und Essay hat diese Autorin hinter sich gelassen.

Anne Carson als Geheimtipp zu bezeichnen trifft es dabei überhaupt nicht. Längst ist sie eine Klassikerin aus eigenem Recht. In der englischsprachigen Welt findet sie sich auch auf populären Empfehlungslisten, mag sein, dass dort weniger Berührungsängste mit avancierten Schreibweisen existieren als leider immer noch hierzulande. Aber auch wenn sie in Deutschland auftritt, mehrmals etwa in Berlin, sind die Zuschauerräume voll, und im Publikum ist der Eindruck mit Händen zu greifen, einem Ereignis beizuwohnen, das nur die Literatur herstellen kann.

Es gab zuletzt Sorgen um die Lesefähigkeit in Deutschland, die aktuelle Pisa-Studie fiel ungünstig aus. Feststellen kann man aber auch, dass es lesend viel zu entdecken gäbe – die Literatur lebt, in ihren unterschiedlichen Formen. Auch dank des Nobelpreises war es eine gute Woche für die Literatur.

Dirk Knipphals

Dirk Knipphals

Ressortleiter Kultur

Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, von 1994 bis 1996 bei der taz.hamburg, seit 1999 in Berlin.

Mehr zum Thema

Anne Carson

Literaturnobelpreis 2026

Die Lyrikerin Anne Carson wird für ihr kühnes Werk geehrt

Die Kanadierin Anne Carson bekommt den Literaturnobelpreis. Sie galt zuvor als Mitfavoritin. Von der Auszeichnung erfuhr sie in Island, wo sie gerade dem Wind lauscht.

Von Gereon Asmuth und Clara Dünkler

Radka Denemarková, tschechische Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin, spricht auf dem Festakt zur offiziellen Eröffnung der Buchmesse.

Eröffnung der Frankfurter Buchmesse

Der Irrsinn der Nation

Die Frankfurter Buchmesse wurde eröffnet. Diesjähriges Gastland ist das rechtsregierte Tschechien, dessen Kulturminister bei der Eröffnung Buhrufe erhielt.

Von Julia Hubernagel

Shida Bazyar hat lange schwarze Haare, lächelt und hält ihr Buch

Deutscher Buchpreis für Shida Bazyar

Geschichte eines Heimatortes

Shida Bazyar erhält für ihren Roman „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis. In ihrer Dankesrede machte sie auf die düstere politische Situation aufmerksam.

Von Julia Hubernagel und Dirk Knipphals

Werbegrafik für ein Probeabo der wochentaz: Oben steht groß in roten Blockbuchstaben „TAZ THE RICH“. Darunter liegt schräg eine Ausgabe der wochentaz, auf deren Umschlag eine gezeichnete Person zu sehen ist, die einen Globus mit Zeitungsausschnitten betrachtet. Links davor prangt ein schwarzer Sternaufkleber mit dem Angebot „10× für 10 €“.

10 Ausgaben für 10 Euro

Die Wochenzeitung mit taz-Blick

Wir schauen den Superreichen auf die Finger. Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden.

  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion

Jetzt kennenlernen

0 Kommentare