Ausstellung zu DDR-Architekt Josef Kaiser: Warum die Ostmoderne ein Revival hat
Josef Kaiser zählt zu den prägenden Architekten der DDR und entwarf u. a. das Kino International an der Karl-Marx-Allee. Die Berlinische Galerie zeigt nun eine Ausstellung über seine Architektur und Stadtplanung
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Im Januar 1965 war in Berlin eine Postkarte mit einem bereits bedruckten Textfeld im Umlauf. Die „Mitarbeiter des VEB Berliner Filmtheater“ prosten auf das neue Jahr und wünschen den Besuchern der vorderseitig abgebildeten fünf nagelneuen Kinos viel Freude an den Filmen und „ein erfolgreiches Jahr für den Aufbau unserer DDR“.
Diese fünf Filmtheater, darunter das Kino International in Berlin-Mitte, sind damals allesamt kaum älter als 3, 4 Jahre und gelten als frühe Beispiele der sogenannten Ostmoderne in der DDR. Das „Lunik“ in Wilhelmsruh (1994 abgerissen), das „Kosmos“ und das „International“ auf der Karl-Marx-Allee sind mit dem Architekten Josef Kaiser verbunden, der sie erschaffen hat.
Weimar, Eisenhüttenstadt und die „nationale Bautradition“
Die Berlinische Galerie, das Kunstmuseum in der Alten Jakobstraße in Berlin-Kreuzberg, zeigt nun eine Ausstellung über die Architektur von Josef Kaiser. Das Museum widmet sich seit Jahren der Geschichte der Architektur in Berlin, West wie Ost. Einige der Berliner Bauten Josef Kaisers hatte das Museum bereits in der Ausstellung Radikal modern (2015) über die Architekturmoderne der 1960er Jahre in beiden Teilen Berlins thematisiert.
Vor einem Jahr aber war ein großer Teil des umfangreichen Nachlasses des Architekten in den Bestand der Berlinischen Galerie übergegangen. Damit liegen nun auch sehr viele Dokumente über die frühe Arbeitsbiografie Kaisers aus den 1930er und 40er Jahren vor.
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Die relativ kleine Ausstellung (200 Quadratmeter) zeigt uns die Schaffensbiografie eines Architekten des 20. Jahrhunderts, der trotz seiner Bedeutung für die Gestaltung der Stadträume Berlins, Eisenhüttenstadts und anderer Orte in der DDR vergleichsweise unbekannt geblieben ist. Kaisers Berufsweg als Architekt beginnt unter den baupolitischen Bedingungen der NS-Zeit, denen er sich offensichtlich bereitwillig anpasste. Ein Beispiel ist die Arbeit am Kreishaus der NSDAP in Weimar.
Unterschiede zwischen Stadtplanung in West und Ost
Man könnte den 1910 geborenen Kaiser als für die klassische Moderne zu spät gekommenen jungen Architekten bezeichnen, denn mit den Rechtsentwicklungen der 1930er Jahre werden anti-moderne, neo-klassizistische und „Heimatstil“-Ästhetiken durchgesetzt. Diese stilistischen Erfahrungen nützen ihm in der DDR nach seiner Rückkehr in den Beruf ab 1950. Die nach dem Vorbild der stalinistischen Sowjetunion angesagte „nationale Bautradition“ ist in Kaisers realisiertem Entwurf des Kulturhauses für die Arbeiter:innen der Maxhütte Unterwellenborn in Thüringen, einem Stahlwerk, beispielhaft vergegenständlicht.
Der Anspruch dieser Ausstellung, die Besonderheit von Architektur und Stadtplanung in sozialistischen Ländern wie der DDR gegenüber dem Bauen im Westen herauszuarbeiten, ist erkennbar. Wenn die Berlinische Galerie die Programmatik ihrer Ausstellungen zur Architekturgeschichte in Ost und West im direkten Vergleich fortsetzt, könnte hier noch mehr gezeigt werden.
In gängigen Architekturausstellungen ist bisher immer noch zu viel Fassade zu sehen und von Baukörperanmutungen, zu wenig von Raumkonzeptionen und Gebrauchsweisen von Architektur die Rede. Das wären Aspekte, die den Unterschied von NS-Ästhetik und der für die frühen 1950er Jahre typischen traditionellen Bauweisen in der DDR besser verdeutlichen könnten.
Belmondo und Niemeyer im Kino International
Das wohl bekannteste und geschätzteste von Josef Kaiser entworfene Gebäude ist das kürzlich nach gründlicher Restauration wiedereröffnete Kino International an der Berliner Karl-Marx-Allee. Sein Modell nimmt in der Ausstellung einen besonderen Platz ein. Es gibt unzählige Postkarten der 1960er und 70er Jahre, die es abbilden. Was diese auch zeigen, sind die Filme, die dort jeweils gerade laufen, zum Beispiel 1965 Abenteuer in Rio, in dem ein Jean-Paul Belmondo auf den Bauplätzen der maßgeblich von Oscar Niemeyer entworfenen, auf der „grünen Wiese“ gebauten brasilianischen Hauptstadt Brasilia waghalsig herumturnt.
Das Kino International und das verschwundene Außenministerium der DDR sind zwei Bauten Kaisers, die als Indiz für seine Rezeption der internationalen Moderne gedeutet werden können.
Josef Kaisers publizistische und Lehrtätigkeit wird auf Texttafeln der Ausstellung angedeutet, im Katalog ausführlicher besprochen. Kaisers Kritik an der Baupraxis seiner Zeit in der DDR läuft darauf hinaus, ihr die Dominanz industrieller Konstruktions- und Bauweisen vorzuwerfen. Die ästhetische Bewältigung der Modernität sei mangelhaft. Auch für Kaiser ist gute Architektur „Baukunst“. Neubauten in Plattenbauweise sind es demzufolge nicht.
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Terrassenförmiges Wohnbaukonzept, das nie realisiert wurde
Mit dem in der Ausstellung ausführlich dargestellten Wohnbaukonzept „Großhügelhaus“ ging Kaiser allerdings über diese Auffassung von Architektur als plastischer Kunst und gestalteter Hülle hinaus. Hier wird ein architektonischer Raumzusammenhang aus den Beziehungen und Bewegungen realer Lebensvollzüge seiner Bewohner entwickelt. Das Projekt wurde nie realisiert. Kaiser erntet dafür viel Kritik von Kollegen. Die „radikale Moderne“ der 1960er Jahre hatte traditionelle Stadtstrukturen in offene, weiträumige aufgelöst, die auch die Automobilität nicht nur einkalkulierten, sondern förderten. Kaisers kompaktes, terrassenförmig angelegtes Großhügelhaus-Konzept widersetzte sich diesem Trend.
Die Kuratorin Ursula Müller erzählt davon, wie Josef Kaisers Ansichten seinen späten Schaffensjahren von jüngeren Architektenkolleg:innen zunehmend als nicht mehr zeitgemäß angesehen wurden. In den 1980er Jahren gab es auch in der DDR eine Art konservative Wende in der Stadtplanung, eine Rückkehr zu Blockrandbebauung und neo-historistischer Fassadengestaltung. Beispiele sind der Gendarmenmarkt und das Nikolai-Viertel in Berlin.
Aufwertung der „Ostmoderne“
Die Kuratorinnengruppe der Berlinischen Galerie um Ursula Müller hatten nur etwa ein Jahr Zeit, um die Dokumente, Fotos, Zeichnungen und Modelle auszuwerten und die nun eröffnete Ausstellung zu konzipieren. Sie bestätigt die in jüngster Zeit immer wieder zu hörende Einschätzung, dass sich nach Jahren der Ignoranz oder Geringschätzung der „Ostmoderne“ in der DDR nun ein positives Interesse an ihr durchgesetzt hätte. Diese Entwicklung zu befördern, sei ein wichtiges Anliegen ihrer Arbeit.
Josef Kaiser ist 1991 bei einem Unfall ums Leben gekommen. Seine Ansichten zum Wesen der Architektur und ganz praktisch etwa zu Fragen modernen Wohnungsbaus konnte er in die Diskussionen nach 1990 nicht mehr einbringen.