"Der letzte Deutsche"
Axel Springer ehrt Tech-Milliardär Peter Thiel. Der Paypal- und Palantir-Mitgründer gilt als Vordenker der amerikanischen Rechten. Die Ehrung des gebürtigen Deutschen ist entsprechend umstritten.
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Axel-Springer-Award für Peter Thiel
“Der letzte Deutsche”
Mathias Döpfner hat seine Begrüßungsrede kaum begonnen, da zählt er auf, was man seinem Haus so alles nachsagt: Axel Springer sei "das Epizentrum des Bösen, die rechte Verschwörung, der Magnet der finsteren Mächte". Die Ironie ist nicht zu überhören. Sie gilt den rund 200 Demonstranten, die sich nach Polizeiangaben vor dem Springer-Hochhaus versammelt haben. Aber nicht nur ihnen.
Axel Springer verlieh am Donnerstagabend seinen Preis, den Axel-Springer-Award, an den in Frankfurt am Main geborenen US-Investor Peter Thiel. Gewürdigt wurde auch dessen Firma Palantir, laut Begründung entscheidend für die Widerstandskraft von Demokratien. Wie deutsch der Preisträger ist, wird an diesem Abend noch ausführlich verhandelt.
"Das ist Berlin"
Seit der Bekanntgabe, sagt Döpfner, habe es Petitionen, Proteste und Plakate gegeben, gegen die Auszeichnung "des Antidemokraten, des Antichristen", wie er Thiels Kritiker zitiert. Für die Proteste hat er eine eigene Erklärung: "Vielleicht hätten wir Antisemiten, Islamisten, Clanchefs der organisierten Kriminalität einladen sollen. Dann wäre die Veranstaltung ohne Protest abgelaufen. Das ist Berlin, meine Damen und Herren, das ist Berlin."
Die Spitze zielt offenbar auf die Berliner Linke. Wenige Tage nach ihrem Wahlsieg ist die Partei wegen Clan-Kontakten und Antisemitismus-Vorwürfen in Bedrängnis geraten. Die Linke wertet die Kritik als Manöver, um sie von der Regierungsbildung abzuhalten.
Der Antichrist
Den "Antichristen", den Döpfner so spöttisch zitiert, hat Thiel allerdings selbst ins Spiel gebracht [deutschlandfunk.de]. Kaum jemand bemüht die Figur so ausdauernd wie er. Im vergangenen Herbst hielt er in San Francisco eine Reihe von vier Vorträgen darüber, wer der Antichrist sein könnte, und warnte vor dem bevorstehenden Weltuntergang. Im März folgten private Vorträge in Rom. Zugelassen waren nur geladene Gäste, Telefone, Aufzeichnungen und Notizen waren untersagt. Das Thema war, wenig überraschend, erneut der Antichrist.
Der erscheint bei Thiel nicht als finstere Gestalt, sondern als falscher Messias, der Frieden und Sicherheit verspricht und damit in einen globalen Einheitsstaat führen könnte, der die individuelle Freiheit beschneidet. Als Beispiele nannte Thiel technologische Regulierung, internationale Organisationen und den Kampf gegen den Klimawandel, und erwähnte die Klimaaktivistin Greta Thunberg als Symbol dieser Bewegung.
Auf der Bühne kommt Thiel dann auch selbst auf sein Lieblingsmotiv zurück. Als er vor drei Jahren begonnen habe, über den Antichristen zu sprechen, sei ihm das Thema so unverfänglich vorgekommen wie der Goldstandard. Inzwischen glaube er, dass viele Menschen die Gefahr eines entstehenden totalitären Systems spürten. Seine Überzeugung sei daher, dass das Thema gar nicht so konträr sei: "Fast alle stimmen mir zu."
"Haben wir einen Antidemokraten ausgezeichnet?"
Eine Projektion? Im Bühnengespräch fragt Döpfner jedenfalls lieber nach dem anderen Vorwurf: "Peter, um direkt den Elefanten im Raum anzusprechen: Haben wir einen Antidemokraten ausgezeichnet?" Thiels Antwort beginnt mit einem knappen "Nein", gefolgt von einem Seufzer: Was solle er dazu schon sagen? Seit 17 Jahren hänge ihm das an. Schreiben sei eine gefährlichere Tätigkeit als Kinder zu bekommen: "Ein Kind, das missrät, kann man verstoßen. Was man schreibt, kann man nie zurücknehmen."
Gemeint ist ein Essay von 2009, in dem Thiel schrieb, er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar seien [cato-unbound.org]. Heute nennt er den Text schnell dahingetippt und eigentlich nicht besonders kontrovers. Zwei Wochen später habe er klargestellt, dass niemand gegen Demokratie oder Wahlen argumentiere.
DIW-Präsident Marcel Fratzscher nimmt Thiel die Relativierung nicht ab [DIW.de]. Springer ehre Palantir als Bollwerk der Demokratie, "und da frage ich mich, ob wir in unterschiedlichen Universen leben", sagt er. "Er ist nicht so, dass er nur Unternehmer ist und ab und zu mal solche Sätze raushaut, sondern er hat eine Agenda. Und er redet nicht nur so, sondern er handelt so."
Dass Thiel so handelt, hat er mehrfach bewiesen. Er gilt als wichtigster Förderer von US-Vizepräsident J.D. Vance und unterstützte schon 2016 Donald Trump [dw.com].
Auch in Deutschland sucht die Politik die Nähe zum Tech-Milliardär. Im Saal sitzt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Bayern sei einer der letzten Orte in Deutschland, an denen Kapitalismus und Technologie keine Schimpfwörter seien, begrüßt ihn Döpfner. Bei der bayerischen Polizei ist Palantir schon seit 2024 im Einsatz [br.de]. Der Freistaat will den im April 2027 auslaufenden Vertrag um ein Jahr verlängern.
Ein Medienpreis für einen Medienkritiker
Was Thiels Nähe zu Trump bedeutet, bekommen gerade auch Springer-Journalisten zu spüren. Die Trump-Regierung sperrte am vergangenen Wochenende Reporter der Springer-Tochter "Politico" aus dem Weißen Haus aus. Am Tag der Preisverleihung ordnete ein Bundesrichter ihre vorläufige Rückkehr an [zdfheute.de]. Laut US-Medien protestierten 120 Beschäftigte von "Politico" und "Business Insider" in einem Brief gegen die Ehrung [status.news].
Für einen Medienpreis ist Thiel ohnehin ein bemerkenswerter Preisträger. 2016 soll er übereinstimmenden Medienberichten zufolge verdeckt eine Klage finanziert haben, die das US-Portal "Gawker" in die Insolvenz trieb [spiegel.de]. [ardsounds.de] An diesem Abend lobt er Springer als mutige Gegenstimme in einer sehr einseitigen Medienlandschaft, die nicht annähernd so frei sei, wie man es sich wünsche. Beim Rest der Branche fragt er sich, "warum ein Großteil davon zu einer Art linker Hassfabrik verkommen ist".
Für Fragen des rbb standen weder Thiel noch Döpfner zur Verfügung: Interviews seien leider nicht möglich, teilte ein Springer-Sprecher auf Anfrage mit.
Das Stichwort für den Abend gibt Palantir-Chef Alex Karp, Thiels Mitgründer. Thiel sei "der letzte Deutsche", eine Verbindung aus deutscher Tiefe und amerikanischer Prägung. Karp beteuert, dass Thiels Herz noch immer auf Deutsch schlage. Springers eigener Einspielfilm hatte es kurz zuvor ähnlich erzählt: Thiel sei vielleicht der einflussreichste lebende Deutsche, "einer, den sein eigenes Land nie für sich beansprucht hat".
Döpfner greift den Ball dankbar auf. Es sei für ihn beinahe schmerzhaft, Thiel und Karp so leidenschaftlich über Deutschland reden zu hören, während das Land ihre Erfolge nicht nutze, um seine eigenen Probleme zu lösen. Ob "der letzte Deutsche" Deutschland helfen würde, wenn man ihn fragte? Ja zu sagen sei leicht, antwortet Thiel, vermutlich werde es ohnehin eine Weile dauern. Döpfner legt nach: "Der Ministerpräsident ist hier, du könntest also gleich Angebote machen." Thiel antwortet knapp: "Man muss nur fragen."
Der Preis als Türöffner
Für Marcel Fratzscher liegt genau darin das Problem. Wenn Springer Palantir als Bollwerk der Demokratie würdigt, zeichnet der Verlag Thiel als deren Verteidiger, und dieses Bild bleibt hängen. "Mit der Preisverleihung des Axel-Springer-Verlags legitimiert man Peter Thiel", sagt Fratzscher. "Das heißt natürlich auch, dass mehr Menschen auf Peter Thiel aufmerksam werden." Ein Preis, der eigentlich einem Lebenswerk gilt, wird so zum Türöffner.
Manche Türen stehen Thiel in Deutschland allerdings längst offen. Sein Geld steckt unter anderem im Berliner Drohnen-Startup Stark, wie das Unternehmen dem rbb bestätigte. Stark hatte zuletzt einen Rahmenvertrag über mehr als 2,9 Milliarden Euro zur Belieferung der Bundeswehr gesichert. Für den "letzten Deutschen" ist Deutschland offenbar auch ein Markt.
Schon in seiner Begrüßung hatte Döpfner Thiel zitiert: Jahrzehntelang habe er versucht, Deutschland aus dem Kopf zu bekommen. Intellektuell sei das mehr oder weniger gelungen, aus dem Herzen nie. Dieser Abend solle Deutschland zurück in Thiels Kopf bringen, so Döpfner. Mindestens ebenso sehr sollte er wohl Thiel in die Köpfe der Deutschen bringen.
Sendung: rbb24 Inforadio, 25.09.2026, 10:34 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 25.09.2026, Efthymios Angeloudis
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