Vergewaltigung in Neuköllner Jugendclub: Jugendamt-Mitarbeiter waren laut Untersuchungsbericht „fachlich überfordert“

Nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung in einem Jugendclub in Berlin-Neukölln hat eine vom Bezirksamt eingesetzte Untersuchungskommission am Freitag ihren Abschlussbericht vorgelegt. Ergebnis: Anhaltspunkte für...

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Vergewaltigung in Neuköllner Jugendclub: Jugendamt-Mitarbeiter waren laut Untersuchungsbericht „fachlich überfordert“

Nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung in einem Jugendclub in Berlin-Neukölln hat eine vom Bezirksamt eingesetzte Untersuchungskommission am Freitag ihren Abschlussbericht vorgelegt. Ergebnis: Anhaltspunkte für eine bewusste Vertuschung der Vorfälle und der mutmaßlichen Vergewaltigung durch die Fachkräfte der bezirklichen Einrichtung konnte die Kommission nicht feststellen.

Nach Bekanntwerden des Falls war zunächst der Vorwurf erhoben worden, das Jugendamt und der Club hätten den Fall vertuschen wollen aus Sorge vor antimuslimischer Diskriminierung der tatverdächtigen Jugendlichen.

Dem Bericht zufolge waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes „im Prozess der Bearbeitung des Kinderschutzfalls (…) an verschiedenen Stellen in unterschiedlichem Umfang fachlich überfordert“. Für den Jugendclub Wutzkyallee habe kein pädagogisches und kein einrichtungsbezogenes Schutzkonzept vorgelegen.

Die Bearbeitung des Kinderschutzfalls sei „von unklarer Kommunikation, unterschiedlicher Interpretation des Gesagten oder Berichteten, Missverständnissen und fehlendem stringenten Führungsverhalten durch das Jugendamt“ geprägt gewesen.

Der Bericht beschreibt, wie sich die Mängel im Jugendamt auf die Bearbeitung des Falls auswirkten. Der Fall der mutmaßlichen Vergewaltigung sei über mehrere Leitungsebenen im Jugendamt sehr viel besprochen worden, es seien aber keine kinderschutzrelevanten Entscheidungen getroffen worden. „Jede Leitungsebene hat sich auf die jeweils andere Leitungskraft verlassen und das Jugendamt insgesamt auf den freien Träger“, heißt es im Bericht.

Keine Polizei trotz der Vorwürfe

Eine 16-Jährige soll im Jugendclub Wutzkyallee im November 2025 von einem 17-Jährigen vergewaltigt und Mitte Januar von einer Gruppe um den mutmaßlichen Haupttäter belästigt worden sein. Das Mädchen vertraute sich den Mitarbeiterinnen des benachbarten Mädchenzentrums an. Das Jugendamt und die Mitarbeiterinnen des Jugendclubs erfuhren Ende Januar durch das Mädchenzentrum von den Vorwürfen, blieben jedoch weitgehend untätig.

Ende Februar offenbarte sich das Mädchen mithilfe des Mädchenzentrums der Polizei. Nachdem die Vorwürfe durch die Medien bekannt wurden, wurde der Jugendclub geschlossen. Er soll laut Bezirksamt so schnell wie möglich wieder geöffnet werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter gegen mehrere Jugendliche wegen mutmaßlicher Sexualdelikte.

Die Mitarbeiterinnen des Mädchenclubs hätten bei der Bearbeitung des Falls eine größere Unterstützung des Jugendamtes erwartet, heißt es nun im Kommissionsbericht. Die Akteure von Jugendclub und Mädchenzentrum hätten die Geschehnisse „mit sich deutlich widersprechenden Aussagen wiedergegeben“.

Das Jugendamt sei im Rahmen des Leistungsvertrags seiner gesetzlichen Pflicht nachgekommen, mit dem freien Träger des Mädchenzentrums, dem Verein MaDonna Mädchenkult.Ur, Vereinbarungen über die Aufgaben im Kinderschutz zu schließen. Der Träger sei diesem Schutzauftrag dann auch nachgekommen und habe dem betroffenen Mädchen Hilfe und Unterstützung angeboten. Zudem habe der Träger umgehend das Jugendamt über den Kinderschutzfall informiert und ein Schutzkonzept vorgelegt.

Im Jugendamt habe es jedoch an einer strukturierten Fallbearbeitung und ausreichender Dokumentation gefehlt. Die Verzögerungen hätten zudem zu unterschiedlichen Einschätzungen darüber geführt, ob eine Strafanzeige gestellt werden müsse.

Der Kinderschutz erfasste den Fall nicht

Das Jugendamt habe sich beim Kinderschutz zu sehr darauf fixiert, ob Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung in Familien vorliegen. Daher sei Gewalt unter Jugendlichen „nicht als relevanter Kinderschutzfall“ erkannt worden. Den Mitarbeitern im Jugendamt seien die gesetzlichen Aufträge freier und öffentlicher Träger im Kinderschutz nicht bekannt gewesen.

Neben diesen Aspekten hätten auch häufigere Personalwechsel im Jugendclub und der Konflikt mit dem Mädchenzentrum dazu geführt, dass Hinweise „auf sexuell übergriffiges Verhalten“ schon seit Anfang 2025 nicht „ausreichend und rechtzeitig wahr- und ernstgenommen“ und angemessen bearbeitet wurden.

Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) bezeichnete das Geschehen als schrecklich. „So etwas hätte nicht passieren dürfen“, sagte sie. Ob das Ergebnis der Untersuchung zu personellen Konsequenzen führe, werde noch geprüft.

Die Kommission empfahl klare Meldeketten für Kinderschutzfälle im Jugendamt. Auch Gewalt unter Jugendlichen müsse als institutionelle Kindeswohlgefährdung betrachtet werden. Nötig seien auch Supervisionsmöglichkeiten für Fachkräfte und Fortbildungen. Auch für ganz Berlin sieht die Kommission Handlungsbedarf.

Nötig sei ein gesamtstädtischer Kommunikationsprozess zu Schutzkonzepten in der Jugendarbeit. Der vorhandene „einheitliche Mitteilungsbogen bei Anhaltspunkten auf eine Kindeswohlgefährdung“ müsse überarbeitet werden.

Die Kommission konnte nach eigenen Angaben nur mit etwa fünf Jugendlichen aus dem Club sprechen. Viele hätten sich davor gescheut, mit ihr zu reden. Auch mit dem Opfer habe die Kommission sprechen können.