So tief gespalten ist Berlin vor der Wahl – ein Aspekt überrascht
Exklusive Umfrage Bei einer Gruppe kippt das Sicherheitsgefühl in BerlinAktualisiert am 23.08.2026 - 12:29 UhrLesedauer: 5 Min.Die Wähler bewerten zentrale Fragen der Hauptstadt höchst unterschiedlich. Bei Sich...
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Exklusive Umfrage
Bei einer Gruppe kippt das Sicherheitsgefühl in Berlin
Aktualisiert am 23.08.2026 - 12:29 UhrLesedauer: 5 Min.
Die Wähler bewerten zentrale Fragen der Hauptstadt höchst unterschiedlich. Bei Sicherheit und der Olympia-Teilnahme verlaufen die Trennlinien ganz anders als bei Enteignungen.
Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus steht an: Am 20. September entscheiden die Wahlberechtigten über die politische Zukunft ihrer Stadt. Wie sie auf die wichtigsten Streitfragen in Berlin blicken, hängt stark davon ab, welcher Partei sie nahestehen. In der Wohnungsfrage stehen sich die Lager fast unversöhnlich gegenüber. Bei der Olympiafrage reichen die Fronten dagegen quer durch das Parteienspektrum. Und beim Sicherheitsgefühl fällt eine Anhängerschaft besonders auf.
Das zeigt eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag von t-online. Für die Erhebung befragte das Meinungsforschungsinstitut insgesamt 1.535 nach einem Zufallsverfahren ausgewählte Wahlberechtigte ab 16 Jahren. Sie wurden zwischen dem 4. und dem 18. August 2026 befragt. Die statistische Fehlertoleranz liegt bei ungefähr drei Prozentpunkten. Knappe Abstände sind deshalb mit Vorsicht zu lesen.
Enteignungsfrage spaltet die politischen Lager
Kaum ein politisches Thema ist in Berlin auf Landesebene so viel diskutiert wie die Enteignung großer Wohnungsbestände. Das zeigt sich auch in der Umfrage: Demnach halten es 43 Prozent der befragten Wahlberechtigten für richtig, große Wohnungsbau- und Immobiliengesellschaften zu enteignen, 44 Prozent für falsch. 13 Prozent möchten sich nicht festlegen. Damit liegen Befürworter und Gegner nahezu gleichauf.
Hinter diesem nahezu ausgeglichenen Gesamtergebnis stehen allerdings denkbar gegensätzliche politische Lager. Unter den befragten Anhängern der Linken sprechen sich 82 Prozent für Enteignungen aus, lediglich 5 Prozent lehnen sie ab. Bei den Grünen beträgt das Verhältnis 68 zu 21 Prozent. Auf der anderen Seite halten nur 8 Prozent der CDU-Anhänger Enteignungen für richtig, 88 Prozent sind dagegen. Im AfD-Lager stimmen 15 Prozent zu, 76 Prozent lehnen den Vorschlag ab. Nahezu ausgeglichen ist die Anhängerschaft der SPD: Dort stehen 41 Prozent Befürwortern 45 Prozent Gegnern gegenüber.
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Damit ist die Enteignung unter den abgefragten landespolitischen Sachfragen der deutlichste Lagerkonflikt. In der politischen Debatte ist meist von Enteignung die Rede; rechtlich geht es bei dem Berliner Volksentscheid jedoch um eine Vergesellschaftung nach Artikel 15 des Grundgesetzes. Eine Vergesellschaftung hat bis heute nicht stattgefunden. Das Abgeordnetenhaus beschloss im März 2026 ein Vergesellschaftungsrahmengesetz. Aber: Es schafft lediglich den rechtlichen Rahmen für mögliche spätere Vergesellschaftungen und überführt selbst keine Wohnungen in Gemeineigentum.
Die Forderung geht auf die Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" zurück; Linke und Grüne planen laut ihren Wahlprogrammen ausdrücklich, den Volksentscheid umzusetzen. Ob eine Vergesellschaftung die Mieten senken würde, ist jedoch unklar. Dies hängt vor allem von der Höhe der Entschädigung ab. Der aktuelle Gesetzentwurf der Initiative geht von 8 bis 18 Milliarden Euro aus, nach ihrer eigenen Schätzung etwa 40 bis 60 Prozent des Verkehrswerts. Der Berliner Rechnungshof hat diesen Entwurf nicht geprüft. In seinen Modellrechnungen von 2024 hielt er bei niedrigen Entschädigungssummen Mietsenkungen für möglich. Bei verkehrswertorientierten Entschädigungssummen errechnete er hingegen jährliche Landeszuschüsse von durchschnittlich 600 bis 850 Millionen Euro in den ersten zehn Jahren. Ohne Zuschüsse könnten die Mieten demnach möglicherweise steigen.
AfD-Anhänger fühlen sich besonders häufig unsicher
84 Prozent der Berliner Wahlberechtigten fühlen sich laut der Forsa-Umfrage in ihrer eigenen Wohngegend sehr oder weitgehend sicher. Lediglich 16 Prozent geben an, sich dort weniger oder gar nicht sicher zu fühlen. Bei den Anhängern von Linken, SPD und Grünen liegt der Anteil derjenigen mit einem sicheren Gefühl zwischen 94 und 96 Prozent. Auch unter den CDU-Anhängern in Berlin fühlen sich 87 Prozent sicher und 13 Prozent unsicher. Deutlich anders fallen die Werte im AfD-Lager aus: Dort fühlen sich nur 49 Prozent in ihrer Wohngegend sicher, während sich 51 Prozent weniger oder gar nicht sicher fühlen.
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Unter den in der Umfrage ausgewiesenen Parteianhängerschaften ist das AfD-Lager das einzige Lager, in dem sich in der Stichprobe mehr als die Hälfte unsicher fühlt – wenn auch nur knapp. Die Werte beschreiben allerdings ein subjektives Gefühl, nicht die tatsächliche Kriminalitätsbelastung. Die jüngste Polizeiliche Kriminalstatistik liefert dazu allenfalls einen begrenzten Vergleich: 2025 registrierte die Berliner Polizei 502.743 Straftaten und damit 6,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Mit Ausnahme des von der Pandemie geprägten Jahres 2021 war das laut Berliner Innenverwaltung der niedrigste Stand seit mehr als zehn Jahren.
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Ein erhöhtes Unsicherheitsgefühl unter AfD-Anhängern ist auch aus anderen Untersuchungen bekannt. Die Ursache-Wirkungs-Beziehung ist allerdings nicht eindeutig. Eine bundesweite Panelstudie, die Daten aus vier Befragungswellen auswertete, fand weder Hinweise darauf, dass wachsende Kriminalitätsfurcht die Unterstützung für die AfD erhöht, noch auf den umgekehrten Effekt. Als möglichen gemeinsamen Hintergrund nennen die Autoren bereits vorhandene autoritäre Einstellungen. Unbestritten ist: In ihrer politischen Kommunikation verbindet die AfD Themen wie Kriminalität und Sicherheit häufig mit Migration.
Nur bei CDU-Anhängern liegt Olympia vorn
Spannend ist auch ein Blick auf die Olympiafrage: 68 Prozent der befragten Berliner Wahlberechtigten lehnen der Forsa-Umfrage zufolge eine Bewerbung der Hauptstadt um die Olympischen Spiele ab. Lediglich 25 Prozent sprechen sich dafür aus, 7 Prozent äußern keine eindeutige Meinung. Nur unter den CDU-Anhängern überwiegt in der Stichprobe die Zustimmung: 52 Prozent von ihnen sind dafür, 44 Prozent dagegen. Bei den SPD-Anhängern überwiegt die Ablehnung mit 59 Prozent deutlich. Unter den Anhängern von Grünen, Linken und AfD sprechen sich jeweils zwischen 74 und 75 Prozent gegen die Bewerbung aus.
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Die Olympiafrage verläuft damit deutlich weniger entlang der üblichen politischen Lagergrenzen als die Enteignungsfrage. Grüne, Linke und AfD liegen bei ihrer Ablehnung nahezu gleichauf, während die CDU als einziges Lager mehr Zustimmung als Ablehnung verzeichnet. Auffällig ist auch der Abstand zwischen der SPD-Anhängerschaft und der SPD-geführten Sportverwaltung, die das Projekt gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner vorantreibt.
Der Senat wirbt damit, dass nach seinem Konzept "Berlin+" 97 Prozent der benötigten Sportstätten bereits vorhanden seien. Er veranschlagt die Organisationskosten auf 4,82 Milliarden Euro und erwartet Einnahmen von 5,24 Milliarden Euro. Hinzu kämen laut bisheriger Planung Investitionen der öffentlichen Hand von rund 1,59 Milliarden Euro. Nicht enthalten sind bislang unter anderem die Kosten für Sicherheit, Verwaltung und weitere öffentliche Leistungen. Diese hat der Senat noch nicht beziffert.
Erst nach der Wahl, am 26. September, will der Deutsche Olympische Sportbund entscheiden, ob Berlin, München oder die Region Köln-Rhein-Ruhr für Deutschland ins internationale Bewerbungsverfahren geht. Hamburg zog seine Bewerbung nach einem negativen Referendum zurück, während es in Berlin keine vorherige offizielle Abstimmung gibt. Das Abgeordnetenhaus billigte die Bewerbung mit Zweidrittelmehrheit. Olympia-Gegner sammeln deshalb Unterschriften für einen Antrag auf Einleitung eines Volksbegehrens.
Für die meisten zählt Berlin
Was wiegt bei der Wahlentscheidung schwerer: die Berliner Landespolitik oder die Bundespolitik? Die Antwort fällt eindeutig aus. Für 69 Prozent der Wahlberechtigten ist bei ihrer Wahlentscheidung die Berliner Landespolitik wichtiger als die Bundespolitik. Nur 24 Prozent halten die Bundespolitik für wichtiger. Besonders ausgeprägt ist der landespolitische Blick bei den SPD-Anhängern: 87 Prozent von ihnen orientieren sich vor allem an Berliner Themen, 11 Prozent an der Bundespolitik. Bei der CDU nennen 83 Prozent und bei den Grünen 81 Prozent die Landespolitik. Unter den Anhängern der Linken sind es 68 Prozent. Auch hier fällt die AfD aus dem Muster: Für 48 Prozent ihrer Anhänger ist die Berliner Politik wichtiger, für 46 Prozent die Bundespolitik – ein statistisches Kopf-an-Kopf-Rennen.
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Für die meisten Parteianhängerschaften ist die Wahl damit vor allem eine Abstimmung über Berlin. Zugewinne oder Verluste von CDU und SPD wären deshalb nicht ohne Weiteres als Urteil über die von beiden Parteien getragene Bundesregierung zu lesen. Anders sieht es bei der AfD aus: In ihrem Lager liegen Landes- und Bundespolitik nahezu gleichauf. Bundespolitische Debatten dürften die Wahlentscheidung dort stärker prägen als bei den Anhängern der anderen Parteien.