„Brauchen die Reserve ab Tag eins“ – Spitzen-Generalin der Bundeswehr über neue Pläne für Reservisten
Deutschlands einzige Drei-Sterne-Generalin Nicole Schilling hält Reservisten für unverzichtbar. Das geplante Reservestärkungsgesetz sieht verpflichtende Übungen von ein bis zwei Wochen vor.
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Stand: 07.09.2026, 08:00 Uhr
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Deutschlands einzige Drei-Sterne-Generalin Nicole Schilling hält Reservisten für unverzichtbar. Das geplante Reservestärkungsgesetz sieht verpflichtende Übungen von ein bis zwei Wochen vor.
Kassel – Aus Sicht der Drei-Sterne-Generalin Nicole Schilling sind Reservisten unverzichtbar für die Sicherheit und die Verteidigung Deutschlands. Warum es per Gesetz verpflichtende Übungen geben soll, wie die Bundeswehr das vor Arbeitgebern rechtfertigen möchte und wie sicher sie sich eigentlich angesichts der geopolitischen Lage fühlt, erklärt die stellvertretende Bundeswehrchefin im HNA-Interview. Wir haben mit Schilling am Rande einer Reserveübung auf dem Übungsplatz in Fritzlar gesprochen.
Frau Schilling, wie sicher fühlen Sie sich derzeit in Deutschland?
Mir ist bewusst, dass wir uns in einer zunehmend fordernden sicherheitspolitischen Lage befinden. Das wahrzunehmen, gehört zu meiner Aufgabe. Gleichzeitig sehe ich, was wir tun, damit wir weiterhin sicher sind. Insofern fühle ich mich sicher. Aber wir müssen heute Dinge tun, die vor ein paar Jahren noch nicht notwendig waren. Und wir müssen uns weiter konsequent vorbereiten.
Was heißt das konkret?
Das Thema Gesamtverteidigung, also die gesamtstaatliche Verteidigung, beschäftigt uns intensiv. Insbesondere an der Schnittstelle zwischen ziviler und militärischer Zusammenarbeit müssen wir nahtlos ineinandergreifen. Vieles funktioniert schon besser, als Bürgerinnen und Bürger es im Alltag wahrnehmen. Dennoch bleibt einiges zu tun. Das wird uns sicher noch einige Jahre beschäftigen.
Dazu gehört auch das, was wir hier in Fritzlar sehen: Reservistinnen und Reservisten wieder gezielt auszubilden. Das haben wir in den vergangenen Jahren in dieser Form vernachlässigt. Die Menschen hier kommen freiwillig. Sie wollen sich einbringen, Verantwortung übernehmen oder für sich selbst mehr Sicherheit gewinnen. Es gehört zur Selbstwirksamkeit zu wissen: Was ist für mich in einer Krise wichtig? Was kann ich tun? Genau das lernen sie hier.
Nehmen wir Peter Müller, 42 Jahre alt, Lehrer, nie bei der Bundeswehr. Muss der mit dem geplanten Reservestärkungsgesetz künftig mit einem Brief rechnen?
Wenn er bislang keinen Wehrdienst geleistet hat, verändert sich für ihn zunächst nichts. Er war in der Vergangenheit wehrpflichtig und ist es statusrechtlich weiterhin. Aber wir haben ihn nicht zum Dienst herangezogen, und das ist momentan auch nicht unsere Absicht.
Was wir aktuell tun: Wir schreiben Reservisten an, die bislang nicht beordert waren, also keinem Dienstposten oder keiner Einheit zugeordnet sind. Wir fragen ihr Interesse ab. Diejenigen, die künftig aus dem aktiven Dienst ausscheiden, planen wir von vornherein anders ein. Auf Grundlage des neuen Gesetzes wollen wir dann mit systematischen Übungsserien beginnen.
Was bedeutet das?
Früher haben Reservistinnen oder Reservisten häufig einzelne aktive Soldaten vertreten, wenn jemand fehlte oder im Einsatz war. Künftig müssen und werden wir auch ganze Gruppen und Züge von Reservistinnen und Reservisten gemeinsam ausbilden. Dafür müssen alle Beteiligten gleichzeitig anwesend sein.
Das kann an einem Wochenende funktionieren, wie hier in Fritzlar. Es erfordert aber auch durchgängige Ausbildungsabschnitte von einer oder zwei Wochen. Deshalb brauchen wir die rechtlichen Rahmenbedingungen, um einen Zeitraum festzulegen und zu sagen: Jetzt müsst ihr gemeinsam kommen.
Damit betrifft die Reserve auch die Arbeitgeber. Viele Unternehmen stehen derzeit wirtschaftlich unter Druck. Wie soll das funktionieren, wenn Beschäftigte mehrere Wochen fehlen?
Ich führe dazu viele Gespräche mit Arbeitgebervertretern und Arbeitgeberverbänden. Meine Erfahrung ist, dass die Notwendigkeit grundsätzlich verstanden und akzeptiert wird. Ein Blick nach Skandinavien oder zu unseren osteuropäischen Bündnispartnern verdeutlicht, dass es dort schon längst üblich ist, Beschäftigte für zwei oder drei Wochen im Jahr für den Reservedienst freizustellen. Von einer solchen Größenordnung reden wir zunächst auch.
Die Unternehmen fordern von uns vor allem Planungssicherheit und einen angemessenen zeitlichen Vorlauf – völlig zurecht. Der Gesetzesentwurf sieht deshalb gezielte Entlastungen vor, etwa bei der Bereitstellung von Ersatzkräften oder über entsprechende Ausgleichszahlungen.
Was haben Arbeitgeber davon?
Militärische Erfahrung wird heute teilweise anders bewertet als noch vor Jahren. Ein Beschäftigter, der für Krisensituationen ausgebildet ist und weiß, wie staatliche und logistische Strukturen in Extremlagen funktionieren, ist auch bei der Krisenvorbereitung eines Unternehmens wertvoll.
Hinzu kommt die Führungserfahrung. Auch Mannschaftssoldaten, also Angehörige der untersten Dienstgradgruppen, sind es gewohnt, Verantwortung zu tragen, Abläufe zu erklären und Gruppen anzuleiten. Solche Kompetenzen haben auch für zivile Arbeitgeber einen Wert.
In der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte von Menschen, die sich engagieren wollten und nicht mal eine Antwort bekamen. Oder ihnen wurde abgesagt, weil sie nicht gebraucht würden. Warum ist die Bundeswehr so mit ihnen umgegangen?
In der langen Phase des Personalabbaus waren wir tatsächlich sehr wählerisch. Da hat man gesagt: Den einen kennen wir, der war bis vor Kurzem in dieser Einheit, den nehmen wir gern als Reservisten. Bei jemandem, der nach längerer Zeit zurückkommen wollte, stieß oft auf Hürden, weil uns der Ausbildungsaufwand manchmal zu hoch schien.
Dann begann der Aufwuchs. Die Truppe musste sich wieder auf die Landes- und Bündnisverteidigung fokussieren, während sich unsere Anforderungen grundsätzlich gewandelt haben.
Was ist heute anders?
Deutschland fungiert im Bündnis als zentrale logistische Drehscheibe. Unsere aktiven Truppenteile sind im Wesentlichen für Aufgaben an der Ostflanke eingeplant. Das verleiht der Reserve ein völlig neues Gewicht.
Eines muss man klar sagen: Es war nicht gut, dass wir uns zwischenzeitlich nicht ausreichend um die Reserve gekümmert haben. Denn wir brauchen die Reserve ab Tag eins. Die logistische Drehscheibe Deutschland funktioniert nur, wenn die Reserve nahtlos funktioniert. Sie ist keine späte Rückfallebene, sondern von Beginn an Teil des Operationsplans.
Was muss sich ändern?
Die aktive Truppe muss Ausbildungskapazitäten für die Reserve bereitstellen. Mein Ziel ist, dass wir künftig jedem Rückkehrer sagen können: Prima, was bringst du mit? Wie passt das zu unserem militärischen Bedarf? Welche Ausbildung fehlt dir noch? Und dann bekommt er ein maßgeschneidertes Angebot, das auch realisierbar ist.
Das war in den vergangenen Jahren oft nicht der Fall, das stimmt. Den Frust darüber kann ich absolut nachvollziehen. Wir haben inzwischen bessere Rahmenbedingungen geschaffen, befinden uns aber noch in einer Übergangsphase.
Welche Rolle spielt Nordhessen dabei?
Diese Region hat das aufgrund ihrer geografischen Lage und ihrer Geschichte noch tief in ihrer DNA. Ich habe selbst in Gießen studiert und die Region stets aus strategischer Perspektive beobachtet. Hier gab es lange viel Truppe, von der später leider auch vieles abgebaut wurde.
Das Bewusstsein, strategisch eine wichtige Rolle zu spielen, ist in Nordhessen jedoch ungebrochen. Deshalb erlebe ich hier eine große und ehrliche Bereitschaft, sich auf die neue sicherheitspolitische Lage einzulassen.
Ist Nordhessen damit eine Art Musterregion?
Die Region ist ein sehr eindrucksvolles Beispiel dafür, wie der Wandel von der Zeit des Kalten Krieges in die neue sicherheitspolitische Lage gelingt. Dazu gehört auch die enge Vernetzung mit der Rüstungsindustrie und das Verständnis von Verteidigung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Auch unser Landeskommando Hessen hat frühzeitig intensiv mit zivilen Akteuren über diese Fragen nachgedacht und Konzepte erarbeitet. Ein Vorbild, das nicht in allen Bundesländern gleichermaßen der Fall war.
Bei der Reserve geht es künftig aber nicht nur um Freiwilligkeit. Wie erreichen Sie ehemalige Soldaten, die sagen: Ich war vor 20 oder 30 Jahren dabei und möchte damit heute nichts mehr zu tun haben?
Über kompromisslose Qualität. Das gilt für den neuen Wehrdienst genauso wie für die Reserve. Es stimmt aus meiner Sicht nicht, dass die junge Generation oder die Gesellschaft grundsätzlich nicht zur Landesverteidigung bereit wären. Das sehen wir auch an den aktuellen Zahlen der Personalgewinnung. Aber die Menschen erwarten zu Recht, dass das, was wir ihnen anbieten, Hand und Fuß hat.
Für mich ist diese Übung deshalb ein absoluter Lackmustest. Am Ende müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sagen: Das hat mir etwas gebracht. Es hat sich gelohnt, hier zwei Nächte in ziemlich provisorischen Unterkünften zu schlafen. Ich habe etwas dazugelernt, fühle mich sicherer und ich weiß, dass ich mich sinnvoll einbringen kann.
Wenn die Menschen mit diesem Mindset nach Hause fahren, Freunden und Kollegen davon erzählen, erzeugen wir eine Eigendynamik, dann haben wir viel erreicht.
Welchen Eindruck haben Sie von den Reservisten hier in Fritzlar?
Ich sehe hochmotivierte Menschen. Wir sind ja alle nicht mehr 20. Sie gehen mit beeindruckender Ernsthaftigkeit an die Sache, fragen nach, strengen sich an.
Ich war an einer Station, an der Verwundete geborgen werden mussten. Das ist körperlich extrem fordernd. Niemand hat dort gesagt: Jetzt macht mal halblang, es ist doch nur ein Spiel. Die Reservistinnen und Reservisten gehen ernsthaft in diese Situationen hinein, weil sie wissen und verstehen wollen, wie es im Ernstfall funktioniert. Das nötigt mir wirklich hohen Respekt ab.
Sie sind die erste Frau auf Ihrem heutigen Dienstposten. Hätten Sie sich diese Karriere vorstellen können, als Sie zur Bundeswehr kamen?
Nein, auf gar keinen Fall. Ich habe vor Kurzem darüber nachgedacht: Seit ungefähr 15 Jahren war jeder Schritt einer, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Manchmal, weil eine Position vorher schlicht das erste Mal mit einem Arzt oder einer Ärztin besetzt wurde. Manchmal, weil es die Stelle in dieser Form gar nicht gab.
Deshalb habe ich früh entschieden, mir keinen Karriereplan zurechtzulegen. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Damit bin ich ganz gut gefahren.
Ich bin jetzt seit über einem Jahr auf diesem Dienstposten. Ich hatte und habe einen Heidenrespekt, weil damit viel Verantwortung verbunden ist. Ich lerne jeden Tag dazu. Aber ich gehe gern zum Dienst, weil ich das Gefühl habe, mich einbringen und Dinge in die richtige Richtung bewegen zu können.
Solche Tage wie heute zeigen mir direkt, an welcher Stellschraube wir noch gemeinsam drehen müssen.
Braucht die Bundeswehr mehr Frauen?
Ja. In meiner Verantwortung des Personalmanagements habe ich immer gesagt: Es wäre absurd, auf 50 Prozent der Bevölkerung als Potenzial zu verzichten. Wir können möglicherweise sehr gut qualifizierte oder sogar besser geeignete Frauen nicht ignorieren und außen vor lassen und uns nur auf Männer konzentrieren.
Am Ende zählt ausschließlich das Ergebnis im Team. Unterschiedlich zusammengesetzte Gruppen bringen unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven mit. Deshalb bleibt es unser Anspruch und unsere Herausforderung, den Anteil von Frauen in der Bundeswehr und somit selbstverständlich auch in der Reserve zu erhöhen.
Dr. Nicole Schilling (52) ist seit etwa einem Jahr Stellvertreterin des Generalinspekteurs der Bundeswehr. Damit ist sie die erste Frau, die den Dienstposten Generaloberstabsarzt bekleidet. Schilling folgte auf Generalleutnant Andreas Hoppe. Zuvor war Schilling, die in Rothenburg ob der Tauber geboren wurde, unter anderem Chefärztin des Bundeswehrkrankenhauses in Westerstede und zuletzt Abteilungsleiterin für Einsatzbereitschaft und Unterstützung Streitkräfte im Verteidigungsministerium. Anfang der 90er-Jahre begann ihr Dienst an der Sanitätsschule der Luftwaffe in Giebelstadt, gefolgt von einem Medizinstudium in Gießen. Später war sie in Afghanistan und in Bosnien und Herzegowina eingesetzt. Als Stellvertreterin des Generalinspekteurs ist sie zusätzlich Beauftragte für Reservisten- und Veteranenangelegenheiten.