Edgar Selge über "Juras letzter Winter" im Bücher-Podcast
Ein Sechzehnjähriger notiert, wie er 1942 im blockierten Leningrad hungert, ein heutiger Leser findet darin auch sich selbst: Edgar Selge spricht über seinen Roman „Juras letzter Winter“ – und ein neues Literaturrätsel.
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„Uns verbindet die Gewalt. Dich und mich. Es ist so viel Brutalität in mir. Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Dieser tobsüchtige Vernichtungswille, diese kalte Wut, diese kulturelle Arroganz, die euch in Leningrad einkesselt und verhungern lässt, das ist alles noch in mir.“ So entfährt es einem Mann Mitte siebzig, Mitte der Zweitausendzwanzigerjahre im inneren Zwiegespräch, als ihn sein imaginiertes Gegenüber fragt, warum er sich ausgerechnet in dessen Tagebuch hatte vertiefen müssen.
Das Tagebuch, das der Erzähler in Edgar Selges neuem Roman „Juras letzter Winter“ zu seinem Projekt gemacht hat, stammt von Jura Rjabinkin. Sein letzter Eintrag ist auf den 6. Januar 1942 datiert, Jura war 16 Jahre alt. Seine erhaltenen Aufzeichnungen beginnen am 22. Juni 1941, dem Tag, an dem Hitler-Deutschland die Sowjetunion angegriffen hat. Vom 8. September 1941 an hatte die Wehrmacht Leningrad eingeschlossen, insgesamt 872 Tage lang. Zu Beginn der Blockade lebten zweieinhalb Millionen Menschen in Leningrad, am Ende waren mehr als 1,1 Millionen von ihnen tot, die allermeisten verhungert. Jura, davon muss man ausgehen, ist einer von ihnen.
Als seine Frau ihn einmal fragt, wie er vorankommt mit seinem Projekt, gesteht der Erzähler, es laufe schlecht, weil ihm ständig eigene Erinnerungen dazwischenkommen, weil er sich ständig mit seinem Jura verwechselt. Ihr Rat: Genau darüber soll er schreiben.
Edgar Selge, in dieser Folge zu Gast im Bücher-Podcast der F.A.Z., hat ein Buch über die Lebensgeschichte dieses Jugendlichen in Leningrad vor 85 Jahren geschrieben. Über dessen Lebensumstände, über den Weg, den Juras Tagebuch bis zur Veröffentlichung in Russland genommen hat, und darüber, wie es in Deutschland bekannt wurde. Darüber, was es heute heißt, Jura Rjabinkin zu lesen und nicht umhinzukommen, dabei den eigenen Vater in den Blick zu nehmen, der am Russlandfeldzug der Wehrmacht teilgenommen hatte, und auch sich selbst.
Im Anschluss gibt es ein neues Literatur-Rätsel von Tilman Spreckelsen, die Lösung des Rätsels aus dem August 2026 und den Namen des Gewinners oder Gewinnerin eines Buchs aus der Anderen Bibliothek, wie es auch diesmal unter den richtigen Einsendungen verlost worden ist.
„Juras letzter Winter“ von Edgar Selge ist Anfang September im Rowohlt Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostet 25 Euro.
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