Proteste und Standing Ovations bei der Eröffnung der Buchmesse in Frankfurt
Mit einer feierlichen Zeremonie ist am Dienstagabend in Frankfurt die 78. Buchmesse eröffnet worden. Der tschechische Kulturminister erntete wütende Zwischenrufe, die Autorin Radka Denemarková wurde mit begeistertem Applaus gefeiert.
- 4 min read
Service Navigation
Techkonzerne, Lesekompetenz und die Liebe zu Büchern Proteste und Standing Ovations bei Eröffnung der Frankfurter Buchmesse
Mit einer feierlichen Zeremonie ist am Dienstagabend in Frankfurt die 78. Buchmesse eröffnet worden. Der tschechische Kulturminister erntete wütende Zwischenrufe, die Autorin Radka Denemarková wurde mit begeistertem Applaus gefeiert.
Der Festakt zur offiziellen Eröffnung der 78. Frankfurter Buchmesse startet mit einer Lichtshow, bunten Projektionen, begleitet von elektronischer Musik. Bild © picture alliance/dpa | Andreas Arnold
Ein letztes Mal durfte der scheidende Buchmessendirektor Juergen Boos den symbolichen Hammerschlag vollziehen und damit am Abend die Buchmesse 2026 in Frankfurt eröffnen.
Video
02:59 Min.|06.10.26, 19:30 Uhr|hr
Frankfurter Buchmesse eröffnet
Bild © hr
"Schande": Minister erntet Zwischenrufe
Mit Spannung erwartet wurde der Auftritt des tschechischen Kulturministers Oto Klempíř, der der rechtsextremen "Motoristen"-Partei angehört. Tschechien ist der Ehrengast der diesjährigen Messe. Klempíř wird eine Politik gegen die Kulturszene seines Landes vorgeworfen. So wolle er den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Filmförderung in Tschechien unter staatliche Kontrolle bringen.
In seiner Rede vermied Klempíř kontroverse Themen und erinnerte stattdessen an den Frankfurter Marcel Reich-Ranicki. Dieser habe sich als Literaturkritiker für die Verbindung des deutschen und des tschechischen Kulturraums eingesetzt.
Der Direktor der Prager Buchmesse, Radovan Auer, hat ein Protestplakat zur Eröffnung der Buchmessen 2026 mitgebracht. Bild © Lara Joelle Karbalaie
Gleichzeitig erinnerte Klempíř an die westdeutsche Unterstützung für die tschechoslowakische Untergrundliteratur in Zeiten des Kommunismus. Die Rede wurde immer wieder von Pfiffen und tschechischen Zwischenrufen unterbrochen, die auf eine frühere Tätigkeit Klempířs als Informant der Staatssicherheit anspielten. Das Wort "hanba" (Schande) war aus dem Publikum zu hören.
Begeisterter Applaus für Hauptrednerin Denemarková
Die tschechische Schriftstellerin und Hauptrednerin der Eröffnungsveranstaltung Radka Denemarková reagierte unmittelbar auf Oto Klempíř und stellte ihrer Rede diesen Satz voran, der vom Publikum mit Jubel aufgenommen wurde. "Die Staatsminister, die die Kultur vernichten, kommen und gehen – aber die Literatur bleibt."
Audio
01:22 Min.|hessenschau.de (Antje Bonhage)
Bild © hessenschau.de| zur Audio-Einzelseite
Rhetorisch fragte Denemarková: "Wie soll ich Politik und Literatur trennen, in einer Zeit, wo Europa braun wird, wo zwei ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit in der tschechischen Regierung sitzen?" Sie habe es satt. Unter Applaus rief Denemarková in den Saal "Wir müssen den Menschen an der Macht das Leben komplizieren."
Eindringlich beschwor die Autorin die Kraft der Literatur. "Bibliotheken niederzubrennen ist der Königsweg der Dummheit." Dagegen gelte es vorzugehen. "Wir brauchen kühle Köpfe, klaren Verstand, kreatives Denken und mutige, unabhängige Verlage." Für ihre Worte wurde die Autorin vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert.
Guggolz: "Reading changes everything"
Die großen Themen der Buchmesse 2026, Lesekompetenz als Basis für Teilhabe an der Demokratie und der gefährliche Einfluss von KI wurden in verschiedenen Redebeiträgen aufgegriffen.
So forderte der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, mehr Investitionen in Bildung. "Die Weichen werden in der Schule gelegt." Ohne Lesekompetenz, ohne Bildung sei keine Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Prozessen möglich.
Wer diese Kompetenzen nicht habe, gebe sich leicht mit Antworten der KI zufrieden, die eindeutige Antworten auf alle komplexen Fragen liefere. Diese würden ungefiltert übernommen, der wichtige Recherche- und Denkprozess entfalle. Aber: "Reading changes everything", so Guggolz.
Tech-Unternehmen zur Verantwortung ziehen
Der Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, bekräftigte seine Forderung vom vergangenen Jahr zur Buchmesse, dass KI und die großen Konzerne besser kontrolliert werden müssten. Er sei dankbar für politische Prozesse, die die Tech-Bros einhegten.
"Wir müssen das gemeinsam mit der EU und als EU durchsetzen." Etwa ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche gehe nur "über den Brüsseler Weg", so Weimer. "Wir müssen den Mut haben, das in Europa auch zu tun."
Diese Einschätzung teilte der Europäische Kulturkommissar Glenn Micallef. Er betonte, wie wichtig Kreativität und Bildung für eine Gesellschaft seien. "Worte und Bildung können zu Handlungen führen."
Technologie sei wichtig, KI könne unterstützen, wiederholen. "Aber KI sollte niemals entscheiden, was wir sagen, oder warum." Es habe sich in jüngster Zeit mit dem EU AI-Act schon viel getan. "Aber das ist nicht genug. Wir müssen die Unternehmen zur Verantwortung ziehen."
Hessen vergibt Stipendium für queeres Kinderbuch
Ihre jeweiligen Lieblingsbücher zitierten in ihrer Rede der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef und der hessische Kulturminister Timon Gremmels (beide SPD). Josef sagte, er habe in dem Roman "Der Schatten des Windes" von Carlos Ruiz Zafón Trost und Halt gefunden, als er neu in Frankfurt war. Lesen sei elementar wichtig, Bücher wertvoll und die Meinungsfreiheit zentral für die Demokratie.
Gremmels stellte seiner Rede ein Zitat aus Astrid Lindgrens "Ronja Räubertochter" voran. Das Buch habe ihn geprägt und ihm Mut gemacht, "über den Höllenschlund zu springen". Ronja, die verstoßene Tochter, habe ihm gezeigt, wie wichtig Liebe und Seelenverwandtschaft sind und dass man sich seine Familie auch auf diesem Fundament selbst zusammensuchen kann, dass ein anderes Leben jenseits der Norm möglich ist.
Das Land Hessen habe ein Stipendium für ein queeres Kinder- und Jugendbuch ausgelobt, das Thema des hessischen Gemeinschaftsstandes auf der Buchmesse heißt in diesem Jahr: "Hessen que(e)r gelesen".