Buddhistische Gruppen: Manipulation in Buddhas Namen?
Angstmache und Druck unter dem Deckmantel des Buddhismus: Ex-Mitglieder eines Zen-Vereins aus Hessen erheben schwere Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Meister. Der streitet die Vorwürfe ab.
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Exklusiv
Stand: 23.07.2026 • 06:00 Uhr
Angstmache und Druck unter dem Deckmantel des Buddhismus: Ex-Mitglieder eines Zen-Vereins aus Hessen erheben schwere Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Meister. Der streitet die Vorwürfe ab.
Von Christiane Hawranek, Katja Paysen-Petersen, BR-Recherche
Fast ihr halbes Leben hat Steffi (heute 53) in einer Zen-Gruppe verbracht. Wenn sie jetzt darüber spricht, schüttelt sie manchmal über sich selbst den Kopf. Sie sagt: "Ich war wirklich überzeugt davon, einen erleuchteten, erwachten Meister vor mir zu haben." Oft hat er mit ihr die sogenannte Augenschau gemacht: einen langen, intensiven Blick, ohne zu sprechen und zu blinzeln. Steffi hatte damals das Gefühl, als würde er ihr in die Seele schauen.
Ihr voller Name soll zu ihrem Schutz nicht genannt werden. Sie erzählt: Die Zen-Gruppe in Hessen war ihre Familie, vom Meister fühlte sie sich geliebt und beschützt. Gemeinsam haben sie meditiert, sind nachts als Gruppe durch die Stadt gezogen. Doch heute, nach 25 Jahren in der Gruppe, sagt sie im BR-Podcast Seelenfänger: "Ich sehe im Meister einen Menschen, der es geschafft hat, ein Spinnennetz aus Angst und Abhängigkeiten aufzubauen."
Hilfe zu guter Wiedergeburt
Die Schüler des Zen-Meisters glauben, er könne ihnen nach dem Tod helfen, eine gute Wiedergeburt zu haben. Wer sich aber vom Meister abwendet, so die Sorge, dem droht Unheil: In einem Vortrag aus dem Jahr 2022 spricht der Meister über zwei Schüler, die die Gruppe verlassen haben. "Die fallen jetzt ins Samsara. Das ist tödlich, die gehen einen sehr gefährlichen Weg und die bewegen sich auf den Abgrund zu."
Sammlungen nach Casino-Besuch und für Urlaub
Steffi erzählt: "Ein häufiger Spruch war: Geld kommt immer wieder rein, aber einen erleuchteten Meister findest du nur einmal." So kommt es, dass die Gruppe regelmäßig hohe Geldsummen gesammelt hat: Nach einem schiefgegangenen Casino-Besuch des Meisters, für seine Luxusurlaube oder für seinen Mercedes.
BR Recherche liegen Rundmails vor, die sich Mitglieder der Gruppe zwischen 2010 und 2023 geschickt haben. Als Codewort für 1.000 Euro, sagen Insider, wurde das Wort "Kuchen" verwendet: "Dringende-Kuchen-Mail. Wir sammeln inzwischen 33 Kuchen und es sind aber noch Reisekuchen hinzugekommen. Der Meister will, dass die Kuchen bis morgen zusammen sind." Oder: "Wir brauchen noch circa fünf von den acht Kuchen und zwar nicht als Zusage, sondern in meinem Briefkasten."
Reue nach 25 Jahren in der Gruppe
Steffi bereut mittlerweile vieles, was sie in der Zen-Gruppe in Hessen getan hat: Sie hat viele Tausend Euro gegeben und Lebensentscheidungen unter dem Einfluss des Meisters getroffen. Steffi und etwa ein Dutzend weitere ehemalige Zen-Schüler berichten dem Bayerischen Rundfunk, sie fühlten sich im Nachhinein vom Zen-Meister manipuliert.
Einige fühlen sich ausgenutzt durch ehrenamtliche Arbeit in der Privatwohnung des Zen-Meisters, zum Beispiel in Form von Putzdiensten. Diese wurden als "Samu" bezeichnet - eine Praxis des "meditativen Arbeitens".
Zen-Meister "nimmt Vorwürfe ernst"
Aktive Schüler der Gruppe hingegen berichten im BR-Interview, es handle sich um freiwillige Freundschaftsdienste. Der Zen-Meister schreibt in einer Stellungnahme:
"Systematische körperliche, geistige und finanzielle Ausbeutung meiner Schüler weise ich zurück." Zu den Rundmails, in denen das Codewort Kuchen verwendet wird, schreibt er, er habe diese Mails nicht bekommen. Es handle sich bei den Geldsammlungen, so heißt es sinngemäß, um freiwillige Schenkungen. "Im Zen gibt es das Prinzip des Dana - des selbstlosen Gebens - als freiwillige spirituelle Praxis." Angst habe in seiner Lehre und Praxis keinen Platz, zudem habe er keinen Druck ausgeübt.
Er betont: Er möchte "keine blinden Anhänger, sondern Menschen, die denken, hinterfragen und ihren eigenen Weg gehen". Weiter heißt es: "Es gibt immer wieder Personen, die die Gemeinschaft verlassen, und das ist ein normaler und akzeptierter Prozess. Dass einzelne Menschen ihre Zeit hier im Nachhinein mit unangenehmen Gefühlen verbinden, nehme ich ernst."
Nur kleiner Teil buddhistischer Gruppen im Verband
Deutschlandweit existieren laut der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) geschätzt 500 buddhistische Gruppen. Davon sind rund 60 im Verband organisiert.
Es gibt keine Standard-Ausbildung zum Meister. Wer beispielsweise eine Zeit in einem japanischen Kloster verbracht hat und danach Menschen um sich schart, kann eine Gruppe eröffnen und Kurse anbieten.
Typische Vorwürfe: Manipulation und Ausbeutung
Seit 20 Jahren klärt der buddhistische Mönch Tenzin Peljor über sektenartige Strukturen auf, auch innerhalb der DBU. Er sagt: "Ohne gute Lehrer ist der Weg kaum zu gehen. In problematischen Gruppen fehlt aber jede Kultur, Fehler des Lehrers konstruktiv anzusprechen, oft, weil sie aktiv unterdrückt wird: Wer Kritik übt, gilt als verblendet."
Pelior kennt viele Aussteiger. Sie berichten von Abhängigkeit und Isolation sowie von intransparentem Umgang mit Spendengeldern. Lehren über Karma und Wiedergeburt würden als Druckmittel eingesetzt.
Auch bei der Polizei sind solche spirituellen Lehrer bekannt. Das berichtet Andreas Delis, Experte für sektenartige Gruppierungen beim Polizeipräsidium München. Typische Vorwürfe ehemaliger Mitglieder seien: Manipulation und Ausbeutung, finanziell und durch unbezahlte Arbeit. Er sagt: "Wenn die Leute zu dem Zeitpunkt freiwillig ehrenamtlich arbeiten, Spendenbeträge geben, Kurse buchen, dann ist da kein Straftatbestand da."
Dennoch betont er, dass es auch schon Gerichtsurteile zugunsten von Geschädigten sogenannter "Wohnzimmer-Gurus" gab, etwa, wenn Wucher nach Paragraph 291 StGB vorliegt: Der entsprechende Paragraf greift unter anderem, wenn eine verzweifelte Lage ausgenutzt oder Druck auf die Opfer ausgeübt wird und die Dienstleistung des Gurus unverhältnismäßig teuer war, so Delis.
Steffi fühlt sich heute, nach ihrem Ausstieg aus der Zen-Gruppe, wie befreit. Sie sagt: "Der Meister hat keine Macht mehr über mich."