Bürgermeister aus dem Sauerland will Kanzler werden – mit „50 Prozent plus“
Ralf Beßler strebt bei der Bundestagswahl 2029 die absolute Mehrheit für seine neue Partei „Bürgerauftrag Deutschland" an. Der 68-Jährige gewann 2024 die Bürgermeisterwahl in Plettenberg mit 61,1 Prozent.
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Stand: 04.09.2026, 22:39 Uhr
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Ein Selfmade-Politiker rüttelt am Tor zum Kanzleramt: Ralf Beßler, Bürgermeister von Plettenberg und Gründer der neuen Partei „Bürgerauftrag Deutschland“, beabsichtigt bereits bei der nächsten Bundestagswahl, zu Deutschlands mächtigstem Politiker aufzusteigen. Wir haben den Mann, der bundesweit Schlagzeilen macht, getroffen.
Plettenberg – In Ralf Beßlers Bücherregal im Wohnzimmer reihen sich interessante Werke aneinander. Etwas Belletristik wie Arthur Haileys Sklaven-Epos „Roots“ oder der KI-Thriller „Angst“ von Robert Harris. Vorwiegend aber politische Sachbücher: eine Biografie von Helmut Kohl, ein Werk von Ex-US-Präsident Barack Obama und ein Bestseller der Linken-Ikone Gregor Gysi. Der Gysi ist noch eingeschweißt. Falls Beßlers Pläne aufgehen, dürfte bald auch eine Biografie von ihm ganz gut in diese Reihe passen. Denn der 68-Jährige aus Plettenberg strebt nichts Geringeres als die deutsche Kanzlerschaft an – bereits bei der nächsten Bundestagswahl im März 2029 und mit einem Ergebnis „50 plus“, wie er sagt.
Das muss man sich erst einmal trauen.
So entstand der „Bürgerauftrag Deutschland“
Bei der Stichwahl zum Bürgermeister in Plettenberg setzte sich Ralf Beßler am 28. September 2025 mit 61,1 Prozent gegen seinen CDU-Konkurrenten durch. Er habe „ein sehr negatives Bild von Politikern“, sagt Beßler. Diese Verdrossenheit verspüre er mittlerweile in der gesamten Bevölkerung. Deshalb gründete Beßler als amtierender Bürgermeister am 15. Juli die bundesweite Partei „Bürgerauftrag Deutschland“, ein bis dahin wohl einmaliger Vorgang.
Beßler sorgt mit seinem verwegenen Plan gerade bundesweit für Schlagzeilen. Gerade erst war er in Berlin zum Interview bei „Welt TV“ und sorgte dort für große Augen bei der Moderatorin. Nicht nur, weil er sich selbst als den „Heiligen Gral“ der Politik bezeichnete. Sondern auch, weil er sich als Phoenix, der aus der politischen Asche in Deutschland aufsteigt, sieht. Das Land hält er derzeit für „unregierbar“. Egal, welche Parteien sich auch zusammenschließen. Auch aufgrund von „Brandmauern“ und „Unvereinbarkeitsbeschlüssen“. Seine Logik: das Heft des Handelns dann doch besser selbst in die Hand nehmen. Und zwar mit einer absoluten Mehrheit für seine neu gegründete Partei „Bürgerauftrag Deutschland“, damit lästige Koalitionskompromisse wegfallen. Es klingt alles ein wenig nach dem singenden Pop-Anarchisten Rio Reiser, der einst intonierte: „Das alles und noch viel mehr würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär.“ Nur das Reiser als Stimme der Linken in einem ganz anderen politischen Spektrum verortet war.
Wir können nur etwas verändern, wenn wir groß denken. Wir können nur etwas verändern, wenn wir die absolute Mehrheit haben.
Beßler sieht sich und seine Partei „Mitte rechts“. „Wir grenzen uns ganz klar von den Rechtsradikalen ab“, sagt er, eine Koalition mit der AfD käme nicht infrage. Deshalb warnt er auch vor einer Regierungsübernahme durch die AfD, da sich die rechtsextremen Kräfte dann durchsetzen könnten. „Und wir dann etwas erleben, was wir beim besten Willen nicht erleben wollen.“
Wer in Beßler einen politischen Scharlatan sehen möchte, sollte auf der Hut sein. Im Herbst des vergangenen Jahres hatte der Geschäftsmann das Plettenberger Rathaus im Sturm erobert und seinen politischen Konkurrenten von der CDU recht fassungslos zurückgelassen. Beßler gewann die Stichwahl mit 61,1 Prozent der Stimmen. Sein Entschluss, als Bürgermeister-Kandidat anzutreten, sei entstanden, nachdem er vier Jahre gebraucht hatte, um die Baugenehmigung für ein paar elektronische Werbetafeln für sein Unternehmen zu bekommen. Da habe er sich gesagt: „Jetzt reicht‘s, jetzt werde ich Bürgermeister und klopfe denen im Rathaus mal auf den Kopf.“
Beßler beschreibt sich selbst als „zielstrebig, gradlinig, korrekt und ehrlich“. Seinen politischen Erfolg habe er bislang durch Glaubwürdigkeit erreicht. Viel gelernt habe er früher im Fußball. Als Spieler sei er nicht so talentiert gewesen, weshalb er mit 25 den Trainerschein gemacht habe. 1988 holte er den späteren Startrainer Roger Schmidt (Bayer Leverkusen, Benfica Lissabon) zum TuS Plettenberg. Danach wechselte Beßler in die Immobilienbranche und baute eine erfolgreiche Makler-Agentur auf.
Als Chef des Plettenberger Rathauses habe er bereits viel vorangebracht, glaubt er. Aber auch schnell gemerkt, „dass die Dinge nicht vor Ort oder auf Landesebene zu lösen sind, sondern nur in Berlin“. Er sagt: „Wir können nur etwas verändern, wenn wir groß denken. Wir können nur etwas verändern, wenn wir die absolute Mehrheit haben.“
„Massive“ Werbung über Social Media
Seine Partei hat in Plettenberg mittlerweile 70 Mitglieder, der innere Zirkel der Mitarbeitenden sei auf rund 30 Personen angestiegen. In Kürze soll es laut Beßler Gespräche mit Experten aus dem gesamten Bundesgebiet geben, die sich gemeldet hätten, „weil sie unser Wahlprogramm so gut finden“. Darunter auch drei Professoren, die ein großes Netzwerk mitbrächten. Bald würden die Orts- und Landesverbände von „Bürgerauftrag Deutschland“ gegründet, danach gehe es „massiv“ in die Werbung über die sozialen Medien. „Wir werden Aufmerksamkeit erregen“, verspricht Beßler. Bei seinem geplanten Großangriff auf die etablierten Parteien könne ihn auch seine Prostata-Erkrankung nicht ausbremsen. „Die Operation ist am 10. September, danach bin ich wieder kerngesund.“
Am Ende des Gesprächs ertönt im Hintergrund das Lied „Dreamer“, ein Hit der britischen Band Supertramp aus dem Jahr 1974. Auf die Frage, ob er auch ein Träumer sei, sagt Beßler: „Ich träume wirklich ganz gerne. Aber wenn ich etwas angepackt habe, dann habe ich es auch stets zu Ende gebracht.“ Und selbst, wenn es nicht klappen sollte mit der Übernahme des Kanzleramtes: „Dann kann ich immer noch sagen, dass ich es zumindest versucht habe.“