Bürgermeister zapft Kerb-Fass an – statt in die Flitterwochen zu fahren
StartseiteRegionRodgauStand: 03.08.2026, 06:09 UhrKommentareUns auf Google folgenUnaufgeregt und ohne kalte Dusche für die Umherstehenden hat Bürgermeister Max Breitenbach mit Glaabsbräu-Chef Julian Menner das ...
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Stand: 03.08.2026, 06:09 Uhr
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Max Breitenbach hat gerade geheiratet, feiert aber die Weiskircher Kerb. Der Kerbvater reimte: „Wann Kerb is’, gibt’s kei Hochzeitsreise.“
Weiskirchen – Wenn Heimatverein, Feuerwehr, Musikverein und Rodgau Rangers gemeinsam anpacken, feiert Weiskirchen seine Kerb. Fünf Tage lang bis Dienstagabend ist die Bahnhofstraße das Zentrum der Festivitäten mit Bier, Essen und freilich mit dem Kerbborsch. Felix Massoth hatte das Kerbmaskottchen gestaltet. Der stellvertretende Vorsitzende des Heimatvereins packte das Stroh in einen ausgetragenen Anzug seines Schwagers Patrik Steinhäuser.

Die Puppe drehte am Freitagabend einige Runden auf dem Kinderkarussell, bevor die Feuerwehrjugend den stummen Gesellen stilgerecht auf einem Gartenstuhl zum Festgelände am alten Spritzenhaus trug.
Dort, mit Seilen an der Fassade nach oben gezogen, prangt der Strohmann nun mit Zylinder und Stiefeln gekleidet ganz oben im Fenster der alten Feuerwache.
Tradition reicht bis in Renaissance zurück
Kerbvater Helmut Trageser griff in Vertretung des erkrankten Kerboberhaupts Jonas Friedrich erneut zu Zylinder und Dichtkunst, und schickte einen verbalen Gruß an den frischvermählten Bürgermeister und Weiskircher Max Breitenbach: „Ich grüß’ de Bojemaster un seu Fraa, die flittern hier, des is doch klar. Denn es ist eine alte Weise: ‚Wann Kerb is’, gibt’s kei Hochzeitsreise.‘“
Der Verwaltungschef nahm es sportlich und sagte bereits vor Veranstaltungsbeginn ehrenamtlichen Dienst für die Abschlusstage zu.

Kaum ließ Helmut Trageser das Mikrofon sinken, griff Max Breitenbach zum Holzhammer und schlug das erste Fässchen Bier an. Seine Schürze blieb dabei trocken, die umherstehenden Gäste ebenfalls, der Gerstensaft floss zur Freude der Feiernden.
Die Tradition der Kirchweihfeiern in Weiskirchen ist eine lange, sie reicht zurück bis in die Renaissance. Dank des Heimatvereins kennt der nördliche Stadtteil die früheste urkundlich belegte Erwähnung: den 18. Februar 1473. Damals legten der Mainzer Bischof Diether von Isenburg und der Kurfürst Graf von Hanau-Lichtenberg Streitigkeiten um ihren Güterbesitz bei.

In dem Dokument tauchten die Orte Weiskirchen, Hainhausen und Rembrücken auf. Festgelegt wurde zwischen den Würdenträgern die Besteuerung des Weinausschanks; vom Kerbebannwein ist die Rede. Somit feiern die Weiskircher im Jahr 2026 zum 553. Mal die Weihe des Gotteshauses.
Kerbe, Kirbe, Kerb, Kirchweih oder Kerwe, Deutschland kennt diverse Begriffe für die Huldigung der Kirchentaufe. Ganz gleich wie die Festivitäten betitelt werden, es sind jahrhundertealte Riten. Zu den jüngeren Gebräuchen in Rodgau zählt die jährlich stattfindende Eröffnung des Kerbreigens ganz im Norden.

Und wie in der Vergangenheit Usus geworden, stimmte dort das Volk am Freitagabend bei der Eröffnungsrede laut in den Ruf des Kerbvaters ein: „Wem ist die Kerb? – Unser!“ Am Dienstagabend wird es mit der guten Laune vorbei sein. Die Strohpuppe wird, seit Jahren gute Sitte, ein Raub der Flammen werden. (Andreas Pulwey)