Carl-Orff-Schule wird 50: Als Mädchen noch Häkeln statt Werken mussten
StartseiteRegionRodgauStand: 24.09.2026, 09:37 UhrKommentareUns auf Google folgenFrontalunterricht und kahle Wände waren früher Standard. © Archiv Carl-Orff-SchuleDie Carl-Orff-Schule in Jügesheim feiert ihr Ju...
- 4 min read
Stand: 24.09.2026, 09:37 Uhr
Kommentare

Die Carl-Orff-Schule in Jügesheim feiert ihr Jubiläum am 26. September. Eine Ehemalige erinnert sich an Schulmilch, Lederranzen und strengen Unterricht.
Jügesheim – Während heute Einhörner, Rennwagen oder Sterne die Schulranzen vieler Grundschulkinder zieren, war das Bild in den 1970er-Jahren deutlich schlichter. „Damals fing es schon an mit den Scout-Rucksäcken, aber viele hatten noch Lederschulranzen. Meiner war gelb mit Marienkäfern drauf“, erinnert sich Kerstin Döbert. Sie gehört zum ersten Jahrgang der Carl-Orff-Schule (COS), die am 25. und 26. September ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Gleichzeitig begeht der Förderverein sein 30. Jubiläum. Gefeiert wird also gleich doppelt. Für Döbert ist das Schulfest am kommenden Samstag die perfekte Gelegenheit, ihre alte Klasse zusammenzutrommeln.

Schule in den 1970er-Jahren: Eine ehemalige Carl-Orff-Schülerin erinnert sich
Seit sie mit Lederrucksack und Schultüte das Gebäude im Nordring 1976 zum ersten Mal betreten hat, sind Jahrzehnte vergangen. Jahrzehnte, in denen sich die Schule nicht nur baulich verändert hat. Döbert erinnert sich an starren Frontalunterricht und einen strengen Umgangston. „Bei uns stand man eher noch mal in der Ecke, wenn man unartig war. Wir haben zwar keine Schläge mehr bekommen, so wie unsere Eltern, aber ganz so locker wie heute war es nicht“, sagt sie augenzwinkernd.
Fest am 26. September
Während die akademische Feier am 25. September nur für geladene Gäste ist, öffnet die Schule am Samstag, 26. September, ab 11 Uhr ihre Tore für alle Ehemaligen, Familien und Interessierten. Präsentiert werden die Ergebnisse der Projektwoche, Tanz- und Gesangseinlagen sowie eine Zirkus- und Zaubershow. Im neuen Verwaltungsgebäude wird die Geschichte der COS filmisch erzählt. Mit dem Erlös des Schulfests möchte der Förderverein neue Spielgeräte für den Pausenhof anschaffen.
Pünktlich zum Jubiläum ist nun auch die bauliche Veränderung fast abgeschlossen: Die Bauarbeiten, die seit Herbst 2024 den Schulalltag prägen, neigen sich nun dem Ende zu. Der Neubau links neben der Turnhalle mit Klassenräumen, Verwaltung und Lehrerzimmer ist schon bezogen. Der Altbau, in dem Döbert damals gelernt hat, wird noch erweitert. Die Bauarbeiten enden laut Schulleiterin Sabine Döring voraussichtlich zu den Osterferien.

Häkeln und Werken: Wie Geschlechterrollen den Unterricht prägten
Was sich in fünf Jahrzehnten sonst noch gewandelt hat, zeigt ein Blick zurück in Kerstin Döberts Schulzeit. Denn nicht nur die Unterrichtsformen waren starr, auch das Rollendenken prägte den Schulalltag: „Wir Mädchen mussten Handarbeit machen, die Jungs hatten Werken. Das war für mich zwar okay, aber ich hätte auch gerne gewerkelt.“ Doch statt Sägen, Hämmern und Bohren standen bei Döbert und ihren Klassenkameradinnen Häkeln, Sticken und Stricken auf dem Stundenplan. Überbleibsel wie einen Schal und ein Deckchen, verziert mit verschiedenen Kunststichen, habe ihre Mutter noch lange Zeit aufbewahrt. Zeugnisse einer Zeit, in der Interessen noch eng an Geschlechtervorstellungen geknüpft waren.
„Wir sind COS“ – Projektwoche vor Jubiläumsfeier
Welche AGs oder Kurse sie belegen wollen, können die Kinder an der COS heute selbst entscheiden. So können sie in der Projektwoche „Wir sind COS“ vor der Jubiläumsfeier zwischen 14 Aktivitäten wählen. Während manche Blumengirlanden für das Fest basteln, üben andere einen Tanz ein oder konstruieren Miniaturstädte aus Eierkartons, Tetrapaks und Papprollen.
Nicht nur bei den Aktivitäten, auch bei der Verpflegung hat sich in 50 Jahren einiges getan: 2011 schaffte ein Neubau erstmals Raum für eine Nachmittagsbetreuung und eine Schulmensa. Zu Döberts Zeiten gab es neben den mitgebrachten Pausenbroten schon ein kleines Snackangebot: die Schulmilch. Für ein Märkchen im Wert von etwa 30 Pfennig gab es am Pausenkiosk ein Trinkpäckchen in Vanille-, Schoko- oder Erdbeergeschmack. „Damit die Kinder genug Milch trinken“, erinnert sich Döbert.
Der Schulmilch-Boom von 1977 bis in die späten 1990er
Gefördert von den EU‑Mitgliedstaaten erlebte die Schulmilch ab 1977 bis weit in die 90er Jahre hinein eine echte Hochphase. „Die Erdbeermilch hab ich geliebt“, erinnert sich auch Döring an ihre Grundschulzeit in Heusenstamm. Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung ist dieser Trend seit 1993 jedoch deutlich zurückgegangen. Auch an der COS wurden die Trinkpäckchen mittlerweile von Wasserspendern abgelöst.
Verändert hat sich aber nicht nur die Verpflegung, sondern auch der Anspruch an den Lehrberuf. Weg vom kollektiven Leistungsgedanken, hin zu einer individuelleren Begleitung – sofern der Personalstand das zulässt. Mit Gruppenprojekten und Stationsarbeiten werden Unterrichtskonzepte offener, das sei Döbert bereits aufgefallen, als ihre eigenen Kinder an der COS eingeschult wurden. Verschiedene Lerntypen habe man zu ihrer Zeit noch nicht berücksichtigt. Sie selbst sei zwar gut zurechtgekommen, aber: „Ich glaube, wenn man darauf geachtet hätte, hätten sich viele damals nicht so schwergetan.“
Lederrucksäcke wird man auf dem Pausenhof am Nordring wohl nicht mehr zu Gesicht bekommen – und auch beim Gummitwist, sagt Döring, sehe man die Kinder nur noch selten. Doch heute wie früher ist da die Aufregung am ersten Schultag, das Verhandeln beim Pausenbrottausch, die Vorfreude auf einen Schulausflug und die Sehnsucht der Kleinen, irgendwann zu den Großen zu gehören. (Leonie Schäfer)