CDU und Linke kämpfen um die Spitze: Berlin wählt – und vieles scheint möglich

Die Hauptstadt steht vor einer ungewöhnlich offenen Wahl: Vier Parteien liegen in Umfragen eng beieinander. Während Linke und CDU um Platz eins kämpfen, könnten andere zu Königsmachern werden.

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CDU und Linke kämpfen um die Spitze: Berlin wählt – und vieles scheint möglich

CDU und Linke kämpfen um die Spitze Berlin wählt – und vieles scheint möglich

03.09.2026 · 19:05 Uhr

Die Spitzenkandidaten zur Berlin-Wahl (v.l.): Werner Graf (Grüne), Steffen Krach (SPD), Elif Eralp (Linke) und Stefan Evers (CDU).

Die Spitzenkandidaten zur Berlin-Wahl (v.l.): Werner Graf (Grüne), Steffen Krach (SPD), Elif Eralp (Linke) und Stefan Evers (CDU).

Foto: Sebastian Christoph Gollnow

Analyse | Berlin · Die Hauptstadt steht vor einer ungewöhnlich offenen Wahl: Vier Parteien liegen in Umfragen eng beieinander. Während Linke und CDU um Platz eins kämpfen, könnten andere zu Königsmachern werden.

Nach rund 45 Minuten kommt der Moderator auf das Thema zu sprechen, das den Wahlkampf medial dominiert – es geht um Vergesellschaftungen. Für Linken-Politikerin Elif Eralp, die mit den anderen Spitzenkandidaten zu einer Diskussionsrunde in der Industrie- und Handelskammer (IHK) geladen ist, dürfte es jetzt ungemütlich werden. Und tatsächlich: Als Eralp Vergesellschaftungen „weit unterhalb des Verkehrswertes“ als möglich bezeichnet, geht das Ende ihrer Antwort in hämischem Gelächter unter. Vor den Hauptstadtunternehmern kann Eralp mit ihrem Kurs nicht punkten.

Enteignungen polarisieren im Berliner Wahlkampf

Bei vielen Bürgern hingegen trifft die Linken-Politikerin mit ihrer Kampagne einen Nerv. Eralp hat bezahlbare Mieten und Lebenshaltungskosten in den Fokus gerückt – mit Erfolg. Umfrageinstitute sahen die Linke zuletzt zwischen 19 und 22 Prozent. Sie ist damit in etwa so stark wie die CDU. Die Christdemokraten kamen in den jüngsten Erhebungen auf 18 bis 21 Prozent. Beide Parteien liefern sich damit ein enges Rennen um Platz eins. Kein Wunder, dass die CDU gegenüber der Linken einen scharfen Kurs eingeschlagen: „Auf gar keinen Fall“ werde es Enteignungen geben, sagt CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers auf dem IHK-Podium – und erhält von den Unternehmern kräftigen Applaus.

Auch wenn die Wahl in Sachsen-Anhalt in der öffentlichen Wahrnehmung dominiert: Am 20. September wird – parallel zu Mecklenburg-Vorpommern – auch in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. In der Hauptstadt sind knapp 2,5 Millionen Menschen aufgerufen, ihre Stimme abzugeben – mehr übrigens als in Sachsen-Anhalt, wo es 1,7 Millionen sind. Berlin steht vor einem Urnengang mit vielen Besonderheiten.

Zum einen tendieren die Berliner Landesverbände aller Parteien stärker nach links als andernorts in der Republik, sagt der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne. Er hat die Wahlprogramme der Parteien untersucht. Zum anderen liegen die großen Parteien in Umfragen vergleichsweise eng beieinander: Denn auch die Grünen mit Spitzenkandidat Werner Graf (16 bis 18 Prozent) und die AfD mit Kristin Brinker (17 bis 18 Prozent) befinden sich nur knapp hinter CDU und Linken. Einzig die SPD hat angesichts von Umfragewerten zwischen 11 und 15 Prozent den Anschluss an die Spitzengruppe verloren. Entsprechend schlecht ist die Stimmung bei den Sozialdemokraten, bei denen Spitzenkandidat Steffen Krach nicht durchdringt. Zwischen CDU und Linkspartei wird er zerrieben.

Eine weitere Besonderheit der Berlin-Wahl ist, dass erstmals auch 16- und 17-Jährige ihre Stimmen abgeben dürfen. Das dürfte mutmaßlich den Parteien am rechten und linken Rand in die Karten spielen. Hinzu kommt noch, dass keiner der antretenden Spitzenkandidaten über eine hervorgehobene Bekanntheit oder einen Amtsbonus verfügt. Kai Wegner (CDU), der aktuell Regierender Bürgermeister ist, wird nach der Tennis-Affäre nicht wieder antreten. CDU-Kandidat Evers übernahm aber erst im Juli den Posten des Spitzenkandidaten. Er hatte also vergleichsweise wenig Zeit, sich im Wahlkampf bekannt zu machen.

Dreierbündnis wahrscheinlich – Koalitionspoker beginnt

Für ein Zweierbündnis dürfte es jedenfalls eng werden. Die Umfragen deuten im Moment eher auf ein Dreierbündnis hin. Zu Königsmachern könnten SPD und Grüne werden. Beide würden die absolute Mehrheit mit einem dritten Partner problemlos erreichen. Sie bilden damit das „Scharnier nach links und nach rechts“, sagt die Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp.

Möglichkeit eins wäre ein rot-rot-grünes Bündnis, womöglich unter Führung der Linken. Doch Kropp sieht drei zentrale Probleme: Da wäre zum einen die Radikalisierung der Linken bei den Themen Antikapitalismus (Stichwort Enteignungen) und Antisemitismus – Nahost-Debatten haben die Partei vor allem in Berlin in den vergangenen Monaten immer wieder gespalten. Zum anderen ist die Beteiligung der Linken an einer Landesregierung auch in der Partei selbst umstritten, Spitzenkandidatin Eralp hat keine Regierungserfahrung. Drittens, sagt Kropp, zeige die Forschung, dass „innerparteiliche Heterogenität von Koalitionsparteien zu instabileren Koalitionen“ führe. Die Voraussetzungen für ein stabiles rot-rot-grünes Bündnis wären demnach schwierig.

Gut möglich dürfte daher auch eine Kenia-Koalition aus CDU, Grünen und SPD sein. Bei diesem Bündnis würden Grüne und SPD den Christdemokraten aber viel abverlangen, vermutet Kropp. Denkbar sei, dass die CDU „erhebliche Zugeständnisse bei der Verteilung von Ressorts und der inhaltlichen Ausgestaltung“ machen müsse.

Wirklich sicher erscheint im Moment nur, dass die AfD anders als in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die Debatten nach der Wahl nicht prägen dürfte. Eine Mehrheitsbildung an der Partei vorbei dürfte rein rechnerisch problemlos möglich sein.

Organisatorisch sieht der Berliner Landeswahlleiter, Stephan Bröchler, die Hauptstadt gut auf die Wahl vorbereitet. Sorge bereite ihm aber die zunehmende Infragestellung von Wahlen. „Das ist für die Legitimation des neuen Parlamentes und dann auch der Regierung sehr gefährlich“, sagt Bröchler. „Deshalb ist es wichtig, auf die Seriosität von Wahlen hinzuweisen. Es gibt keinerlei empirische Belege dafür, dass es etwa in Altenheimen zu Unregelmäßigkeiten bei Briefwahlen kommt“, betonte er. Zuletzt hatte die AfD in Sachsen-Anhalt Zweifel gesät, dass bei der Briefwahl alles mit rechten Dingen zugeht. Wer solche Behauptungen aufstelle, „läuft Gefahr, die Legitimität von Wahlen zu gefährden“, so Bröchler.

Sorgen bereiteten dem Landeswahlleiter zudem Falschmeldungen. „Wir müssen feststellen, dass Desinformation – insbesondere über soziale Medien – im Vergleich zu früheren Jahren eine neue Dimension erreicht hat“, sagt Bröchler. Er stehe dazu mit den Vertretern der großen Social-Media-Plattformen im Austausch. „Falls es im Vorfeld der Wahlen oder kurz danach Desinformationskampagnen geben sollte, werden wir darauf in Rücksprache mit den Plattformbetreibern schnell reagieren können“, sagt er.

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