Ceuta: Keine neue Krise, aber die Spannung bleibt hoch
Ceuta bleibt dicht, doch die Krise ist nicht vorbeiEin erneuter Ansturm auf die spanische Exklave blieb am Samstag aus. Die soziale Lage ist weiter dramatisch.Julia Macher16.08.2026, 08.05 Uhr4 LeseminutenAktua...
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Ceuta bleibt dicht, doch die Krise ist nicht vorbei
Ein erneuter Ansturm auf die spanische Exklave blieb am Samstag aus. Die soziale Lage ist weiter dramatisch.
Julia Macher16.08.2026, 08.05 Uhr
4 Leseminuten
Aktualisiert
Marokkanisches Sicherheitspersonal patroulliert die Hügel.
Maria Alejandra Cardona / Reuters
Wer keine gültigen Papiere hat, für den ist am Samstag in Ceuta kein Durchkommen. Nachdem in sozialen Netzwerken zu einem erneuten Massenansturm aufgerufen worden war, hat die spanische Exklave sich so stark gewappnet wie selten zuvor. Rund 1600 Polizisten sind auf spanischer Seite im Einsatz, dazu kommen 2000 Soldaten. Am Grenzposten El Tarajal hat das Militär Panzer postiert, entlang der Küste patrouillieren Boote des Militärs und der Guardia Civil.
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Die Nachrichtenagentur Reuters meldete, dass marokkanische Behörden am Samstag mindestens 111 Menschen festnahmen, als diese versuchten, in die spanische Enklave Ceuta zu gelangen.
Auch Marokko hat seine Grenze abgeriegelt und tausende Sicherheitskräfte in das Grenzgebiet entsandt. Sie kontrollieren die Zufahrtsstrassen und das bergige Grenzland und fangen in der Nacht zum Samstag Hunderte Migranten aus Subsahara-Ländern ab, die sich auf den Weg zur spanischen Grenze machen wollten. Als ein paar Dutzend von ihnen am Mittag den Hügel heruntersteigen, stossen sie erneut auf eine zweireihige Kette aus Sicherheitspersonal. Nach spanischen Behörden erreicht am Samstag kein irregulärer Migrant über Ceuta europäischen Boden. Warum das Ende Juli, als mehr als 70 000 Migrantinnen und Migranten in die Exklave eindringen konnten, nicht so war, dafür gibt es noch keine offizielle Erklärung.
In spanischen Medien zirkuliert die These, dass Marokko zunächst Druck auf Spanien ausüben wollte, dann aber die Kontrolle darüber verlor. Das massive Aufgebot am Samstag wird als Versuch der Wiedergutmachung gewertet. «Der Imageschaden für das nordafrikanische Königreich war enorm», sagt Ignacio Cembrero, Journalist und ausgewiesener Marokko-Experte im spanischen Fernsehen. «Marokko versucht jetzt Europa zu beweisen, dass es ein verlässlicher Parter ist.»
Unhaltbare Zustände in Ceuta
Zwei Wochen nach dem massiven Grenzübertritt herrscht in der 83 000-Einwohner-Stadt Ceuta weiter Ausnahmezustand. Noch immer sind Tausende irregulär eingereiste Migranten in der Stadt: bis zu 8000, schätzt die spanische Regierung in Madrid, von bis zu 11 000 Menschen spricht die Regionalregierung der autonomen Stadt Ceuta. Die Zustände seien «unhaltbar», sagt Regionalpräsident Juan Jesús Vivas von der konservativen Volkspartei Partido Popular (PP). Als Symbol dafür gilt der Strand El Trampolín. Auf dem schmalen Sandstreifen im Norden der Exklave stehen knapp hundert Unterstände, gebaut aus Palmwedeln, Treibholz, Planen oder liegengebliebener Kleidung.
Die meisten der erwachsenen Migranten, die seit über zwei Wochen in dem improvisierten Camp hausen, stammen aus Ländern südlich der Sahara. Wie viele es sind, kann niemand genau sagen. Abschätzen lässt sich das allenfalls an den Mahlzeiten, die das Rote Kreuz hier ausgibt: Etwa 4000 Plastiktüten mit Milch, Saft, Wasser, einem Stück Obst und einem Gebäck verteilen Helfer täglich. Die Behörden haben Duschen und Toiletteninstalliert, das Rote Kreuz leistet mit einem Notfallwagen eine notdürftige medizinische Grundversorgung. «Die hygienischen Zustände sind sehr bedenklich – nicht nur in El Trampolín», sagt Raúl Barnaiz von Save the Children. Die Hilfsorganisation hat ein achtköpfiges Einsatzteam in die Exklave geschickt. Es soll bis September bleiben, mindestens. Denn unter den irregulären Migranten sind viele Kinder und Jugendliche, manche davon nicht älter als zehn oder elf Jahre.
Minderjährige dürfen laut UN- Kinderrechtskonvention und spanischem Recht nur nach einer genauen Einzelfallprüfung zurückgeführt werden. Dabei wird nicht nur geprüft, ob die Bedingungen einer angemessenen Betreuung gegeben sind. Oftmals müssen auch die Familien und die Kinder selbst zustimmen. Andernfalls obliegt es Spanien, sich bis zur Volljährigkeit um sie zu kümmern.
«Bisher wissen wir von keiner Familie aus Ceuta, die ihre Kinder zurückgefordert hat», so Barnaiz. Etwa 1800 Kinder und Jugendliche wurden laut spanischem Innenministerium von der Polizei bisher registriert. Laut Gesetz müssen sie danach in staatlichen Einrichtungen untergebracht und versorgt werden. Doch die Aufnahmezentren sind chronisch überfüllt. Auch in den in zwei Grundschulen errichteten Notlagern sind keine Plätze mehr verfügbar. Und die gesetzlich vorgeschriebene Umverteilung in Zentren auf dem spanischen Festland stockt, bevor sie begonnen hat: Die Autonomen Gemeinschaften, in denen die konservative Volkspartei Partido Popular gemeinsam mit der rechtspopulistischen Vox regiert, verweigern die Aufnahme. Dabei sind noch längst nicht alle minderjährigen Migrantinnen und Migranten erfasst.

Migranten schlagen ihre Lager am Strand El Trampolin auf.
Adri Salido / Getty
Anwohner greifen ein
«Wir haben noch Hunderte gesehen, die in extremer Armut in verlassenen Fabrikhallen, Garagen oder buchstäblich im Strassengraben nächtigen», berichtet Raúl Barnaiz. Im Viertel El Príncipe, einem der ärmsten der Stadt, hat ein Nachbarschaftsverein einen Bolzplatz in ein Notlager verwandelt. Über dem mit Planen von der Sonne abgeschirmten Platz sitzen und liegen ausschliesslich Mädchen und junge Frauen, manche mit einem Baby oder Kleinkind auf dem Arm. «Als Frauen und Mädchen sind sie leider besonders gefährdet», sagt Ahmed Enfedal, Präsident des Nachbarschaftsvereins. «Wenn die Behörden sich erst so spät kümmern, dann müssen wir als Anwohner tätig werden.»
Die spanische Regierung hat 25 Millionen Euro für die Betreuung der Kinder und Jugendlichen bereitgestellt, die Ministerin für Gesundheit und die Ministerin für Jugend und Kindheit reisen am Wochenende in die Exklave. Doch die räumlichen Kapazitäten sind begrenzt – und die Verfahren des spanischen Ausländerrechts langwierig. Die Madrider Linkskoalition hat ihren Ton deutlich verschärft. Man werde «noch den letzten Migranten» nach Marokko ausweisen, so Aussenminister José Manuel Albares. Mit Nachrichten auf Arabisch und Französisch versucht auch die spanische Polizei, Migranten vom Grenzübertritt abzuhalten. Die marokkanische Polizei nahm am Samstag 61 Personen wegen Aufrufen zum irregulären Grenzübertritt fest.
In den sozialen Netzwerken zirkulieren laut dem Fact Checking Team des spanischen Fernsehens RTVE neue Aufrufe, für den 23. September. An diesem Tag wird in Marokko gewählt, Polizei und Behörden seien dann anderweitig beschäftigt, heisst es – die Chancen für einen erfolgreichen Grenzübertritt stünden gut.
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