Das Finale des Sommers: die Hirschbrunft im Werra-Meißner-Kreis
StartseiteLokalesWitzenhausenStand: 30.08.2026, 20:02 UhrKommentareUns auf Google folgenDeutliches Signal an die Konkurrenz: Ein Hirsch röhrt auf dem Brunftplatz, um andere Hirsche vom weiblichen Rudel zu fernz...
- 4 min read
Stand: 30.08.2026, 20:02 Uhr
Kommentare

Wo noch vor Jahren die Wälder vom Brunftschrei der Hirsche widerhallten, herrscht heute oft Stille. Die Rothirsche sind in den Wäldern am Meißner und im Kaufunger Wald selten geworden.
Werra-Meißner – Wer an einem hitzebrütenden Tag Ende August einen Abendspaziergang in den Wäldern am Meißner oder im Kaufunger Wald unternimmt, ist oft erstaunt, wie still der Wald geworden ist. Kein Vogel singt mehr, denn die Brutpflege ist zu Ende, und viele Vögel haben sich für eine kräftezehrende Mauser zurückgezogen. Das Wild vermeidet jede unnötige Bewegung an diesen heißen Tagen und wird erst spät am Abend aktiv. Beinahe scheint es so, als halte die Natur den Atem an und bereite sich vor auf das furiose Finale des mitteleuropäischen Sommers: die Hirschbrunft.

Seit dem Winter haben die männlichen Rothirsche gemeinsam in Hirschrudeln, reinen Männergesellschaften, gelebt. Die Nähe der Hirschkühe mit ihren unruhigen Kälbern haben sie dabei möglichst gemieden und ihre Zeit damit verbracht, ein neues Geweih aufzubauen, nachdem sie die Stirnwaffen des Vorjahres im zeitigen Frühjahr abgeworfen hatten.
Jetzt kommt Unruhe in die Hirschrudel
Aber ab Ende August kommt Unruhe in die Hirschrudel. Die neuen Geweihe sind blank gefegt, das heißt vom Bast, der das Geweih während des Wachstums umgibt, befreit. Schon wird aus einer scherzhaften Auseinandersetzung eine ernsthafte Drohung. Bald verlassen die ersten Hirsche das Rudel und machen sich auf den Weg zu den traditionellen Brunftplätzen (Paarungsplätzen), meist großen Waldwiesen im Inneren der großen Wälder.
Dort treffen nun bald auch die Hirschkühe ein. Sobald die erste Hirschkuh brunftig (paarungsbereit) wird, bewacht einer der älteren und starken Hirsche das Rudel aus Hirschkühen und Kälbern und lässt keinen anderen Hirsch mehr in dessen Nähe. Dies ist der Platzhirsch, der Herr des Brunftrudels. Seine Herrschaft über das Rudel zeigt der Platzhirsch durch lautes Röhren an.
Der Brunftplatz ist ständig von zahlreichen anderen Hirschen (Beihirsche genannt) umlagert, die den Platzhirsch immer wieder herausfordern. Zunächst liefern sich die Hirsche nur eine akustische Auseinandersetzung. Dann aber erscheint ein ernsthafter Konkurrent auf der Bühne. Ein Hirsch, jünger, aber ebenso kräftig wie der Platzhirsch. Immer wieder fordert er den Alten durch Kampfschreie heraus. Der zieht ihm imponierend im Stechschritt entgegen. Die Kämpfer taxieren sich zunächst, dann plötzlich werfen sie sich herum. Krachend fahren die riesigen Geweihe ineinander und verhaken sich. Die Hirsche schieben sich keuchend über den von den Hufen der Tiere aufgewühlten Waldboden. Manchmal splittern Geweihenden ab, oft rinnt Blut aus Verletzungen an Hals und Kopf. Dann aber merkt der alte Platzhirsch, dass er dem Jüngeren unterlegen ist. Er reißt sich los und flüchtet. Triumphierend schickt ihm der Sieger ein gewaltig dröhnendes Röhren hinterher, um dem Wald mitzuteilen, dass er der neue Herr auf dem Brunftplatz ist, und der Vater der Kälber des nächsten Jahres sein wird.
Die Brunftkämpfe der Hirsche sind ein ritualisiertes Kräftemessen, das Verhaltensbiologen „Kommentkampf“ nennen. Dabei sollen lebensgefährliche Verletzungen des Gegners möglichst vermieden werden. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Hirsche beim Brunftkampf tödliche Verletzungen davontragen.
In der Brunft ist das Rotwild sehr störungsempfindlich und menschliche Störungen können den Brunftablauf und das Sozialverhalten der Tiere stören. Die Brunft ist für die Hirsche eine kräftezehrende Zeit. Nach der Brunft ziehen sich die Hirsche zurück, um Kraft für den kommenden Winters zu sammeln.

Die Hirschbrunft erreicht im letzten Septemberdrittel ihren Höhenpunkt und klingt im Oktober aus. Sie ist eines der letzten, großen Naturschauspiele, die man in unserem Land noch erleben kann.
Leider aber bleibt es seit einigen Jahren im September vielerorts still in Nordhessens Wäldern. Viele der alten und über viele Hirschgenerationen genutzten Brunftplätze sind verwaist. Wo noch vor wenigen Jahren die Wälder widerhallten vom Brunftschrei der Hirsche, herrscht heute „Das Schweigen im Walde“.
Vom Waldkönig zum Waldschädling
Die Rothirsche sind selten geworden, auch in den Wäldern am Meißner und im Kaufunger Wald. Dies ist Folge massiver Reduktionsabschüsse, die vor allem auf Drängen der Forstwirtschaft durchgeführt wurden, die die Fraßschäden der Hirsche an holzproduzierenden Forstpflanzen fürchtet. Lange schon warnen Wildbiologen vor den Folgen dieser an Schädlingsbekämpfung erinnernden Bejagung und weisen auf die Gefahren durch zerstörte Sozialstruktur der Rudel und genetische Verarmung hin.
Leider aber scheint es so, als seien die Rothirsche vom einst gehegten „König des Waldes“ in die Schmuddelecke der Waldschädlinge verbannt worden. Mit den Forstverwaltungen haben die Rothirsche ihren einst wichtigsten Protektor verloren. Dennoch gibt es auch in unserer Region noch einige dem Wild wohlgesonnene Privatwaldbesitzer und Jagdpächter, die dem Rotwild weiterhin eine Heimstatt gewähren und ein artgerechtes Leben erlauben. Und hier ist es, wo an wenigen Stellen immer noch das gewaltige Dröhnen des Brunftschreis der Platzhirsche zu hören ist, fast wie eine Erinnerung an eine vergangene Zeit. (Dr. Jörg Brauneis)