Frankfurter Buchmesse: Radka Denemarková und Alice Horáčková über die tschechisch-deutsche Vergangenheit

Die Schriftstellerinnen Radka Denemarková und Alice Horáčková erzählen in ihren Romanen von der schwierigen deutsch-tschechischen Vergangenheit – ganz unterschiedlich, aber äusserst lesenswert

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Frankfurter Buchmesse: Radka Denemarková und Alice Horáčková über die tschechisch-deutsche Vergangenheit

Das Unwesen der eigenen Geschichte: Tschechien als Gastland an der Frankfurter Buchmesse

Die Schriftstellerinnen Radka Denemarková und Alice Horáčková erzählen in ihren Romanen von der schwierigen deutsch-tschechischen Vergangenheit – ganz unterschiedlich, aber äusserst lesenswert

Paul Jandl03.10.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Im Fluss der Zeit: Die Karlsbrücke in Prag mit ihren Heiligenstatuen.

Im Fluss der Zeit: Die Karlsbrücke in Prag mit ihren Heiligenstatuen.

Marcos Del Mazo / LightRocket / Getty

Was für eine Gestalt! Halb Mensch, halb Fisch. Gezeugt am Ufer der Moldau. In den Fluten des Flusses fühlt sich dieses Wesen wohl. Wer mit ihm zu tun bekommt, der ist verhext. Von finsterer Magie zu erzählen und damit gleichzeitig den Leser in neue Sphären der Selbsterfahrung zu bringen, ist eine der schönsten Praktiken der Literatur. Es ist das Terrain der Märchen, aber Märchen will Radka Denemarková bestimmt keine auftischen.

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«Kobold» heisst der Roman der tschechischen Schriftstellerin, der von einem doppelt gemoppelten Unwesen handelt. Es ist anziehend und abstossend. Ein Patriarch, der sagt, was Sache ist, und mit dem mitten hinein gezielt wird in die kulturellen und politischen Untiefen eines Landes. An der beinahe mythischen Figur Kobold bricht sich die Geschichte, bricht sich die Frage nach dem Nationalismus.

Radka Denemarková.

Radka Denemarková.

Connor Jandourek

Radka Denemarková hat diese Dinge immer wieder thematisiert. Die Marginalisierung und Überschreibung der deutschen Sprache durch das Tschechische. Die Mitschuld der tschechischen Landsleute an den Pogromen während des nationalsozialistischen «Reichsprotektorats». Die Ausweisung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die 58-jährige Schriftstellerin ist nicht die Einzige, die sich dieser Themen annimmt. Neben ihr wird auf der Frankfurter Buchmesse, bei der Tschechien Gastland ist, auch Alice Horáčková ihren grossen Auftritt haben.

Das grosse Schweigen

Ihr autofiktionaler Roman «Geteiltes Haus» erzählt die Geschichte einer Familie, die im Dorf Benetzko im nordböhmischen Riesengebirge lebt. Ein Teil der Familie ist deutsch, einer tschechisch. Es gibt die Honcůs und die Hollmanns, deren Tun von Horáčková in kurzen filmhaften Sequenzen geschildert wird. In den Alltagsrealismus dieser Prosa sind viele Dialoge eingestreut. Die sprachliche Physiognomie der Beteiligten wird auf diese Art plastisch, und hier ist auch die grosse Politik nicht ausgenommen.

Der stellvertretende NS-Reichsprotektor Heydrich ist im Buch die lebensechte Karikatur eines Machtmenschen. Hans Hollmann versteht es, enge Kontakte zu ihm zu knüpfen. Er ist Krisengewinner, Aufsteiger, Unternehmer und Arisierer jüdischer Firmen. Seine Frau Zdenka, geborene Honců, ist Tschechin. «Geteiltes Haus» setzt mit dem Ende der Habsburgermonarchie ein. Danach wird das bisher fraglose Zusammenleben brüchig. Es tun sich Gräben auf, bis selbst eine Wiese, die man früher ganz selbstverständlich gemeinsam gemäht hat, zum Politikum wird, zum gefühlten Ausland. Unbetretbar für den, der eine andere Sprache spricht als der Besitzer.

Alice Horáčková hat die Geschichte ihrer Familie recherchiert, hat Gespräche mit Verwandten geführt und musste das romanhaft auffüllen, was einer menschlichen Gegenkraft zum Opfer gefallen war: dem Schweigen. Man wollte nicht darüber reden, was sich zugetragen hat, als erst die Nationalsozialisten kamen und die Tschechoslowakei von ihrem Deutschtum überzeugen wollten und dann die Tschechen die Sudetendeutschen des Landes verwiesen.

Alice Horáčková.

Alice Horáčková.

Connor Jandourek

Die Verwandten von Alice Horáčková wurden auseinandergerissen. Erst innerlich, dann geografisch. Einen substanziellen Heilungsprozess für diese alten Verwundungen hat es bis heute nicht gegeben, aber der voluminöse Roman «Geteiltes Haus» ist ein Verständigungsversuch. Er spart sich Urteile und Experimente, ist im Zeichen der Empathie höchst konventionell erzählt. Alles Dinge, für die Horáčkovás Schriftstellerkollegin Radka Denemarková nicht zu haben ist. Bei ihr herrscht ein Krawall der Bilder und Metaphern, ihre beeindruckende biegsame Sprache treibt eine ganz und gar wilde Romanmaschine an.

Fünfzehn Jahre sind seit dem Erscheinen des tschechischen Originals von «Kobold» vergangen, bis der Roman ins Deutsche übersetzt wurde. Man fragt sich, warum. Liegt es an der komplexen Struktur? Das Buch besteht aus zwei lose ineinandergreifenden Geschichten, die der Verlag gegenläufig gesetzt hat. Man kann das Buch von vorne und von hinten lesen. Verbunden sind die beiden Teile durch die zentrale Figur, den Hauptverantwortlichen für jahrzehntelanges Missvergnügen. Sein Name ist sprechend. Bürgerlich heisst er Michael Kobold und treibt sich zu Beginn der Geschichte auf der Karlsbrücke herum.

Moralisch verkommen

Er leidet unter einer Art religiösem Fetisch, der darin gipfelt, den dortigen Heiligenfiguren Kleidung überziehen zu wollen. Bei einer dieser Aktionen stürzt er mit einem der steinernen Monumente in die Moldau. Es gibt Tumult auf der Brücke, und irgendwie springt ihm eine junge Frau namens Hella hinterher. Am Ende dieser nasskalten Episode landen beide nicht nur in einem Rettungsboot, sondern auch in einer toxischen Amour fou. Es ist ein patriarchales Unterdrückungssystem, begleitet von der Geburt dreier gemeinsamer Kinder.

Radka Denemarková lässt das Wasser buchstäblich und metaphorisch durch ihren Roman rauschen. Beruflich ist Kobold bei den städtischen Klärwerken angestellt, privat ist er die Personifizierung trüber Moral. Ein Symbolbild für die tschechische Geschichte, die in diesem gewaltigen Roman monströse Züge hat. Kobold schlägt Frau und Kinder und beraubt sie jeglicher Freiheit, während er sich die Freiheit herausnimmt, im Fluss der Zeit mitzuschwimmen.

Ungerührt winkt er der jüdischen Familie Hellas am Bahnhof zu, als die nationalsozialistischen Besatzer sie deportieren. Die grossbürgerliche Wohnung von Hellas Eltern nimmt Kobold in Besitz. Nach dem Krieg ist er ganz selbstverständlich auf der Seite der Tschechen, die sich an den Deutschen rächen. Er ist an Morden beteiligt, wäscht seine Hände aber in opportunistischer Unschuld.

Radka Denemarková kann das ganz virtuos: der Szenerie solcher Grausamkeiten etwas Zeitenthobenes geben, den generellen Sündenfall des patriarchalen Teils der Menschheit spiegeln und gleichzeitig konkrete Biografien und Psychogramme schaffen. Kobold ist Mensch und Tier zugleich. Eine emblematische Figur, die schicksalhaft auch den zweiten Teil des Romans bestimmt. Der steht unter dem Zeichen des Feuers und endet mit einem an Ingeborg Bachmanns «Malina» erinnernden Fanal lodernder Flammen.

Kobold hat mit einer jungen Geliebten, einer Romni, ein Kind gezeugt. Diese Tochter namens Justýna hat jetzt selbst neun Kinder, lebt in vollkommener Armut, kennt ihren Vater nicht, hat aber einen heimlichen Gönner. Einen guten Kobold von trauriger Gestalt namens Krvepolský. Seine Hoffnung ist aussichtslos. Am Ende legen Skinheads am Haus von Justýna Feuer. Zehn Menschen sterben.

Der im Original 2011 erschienene und jetzt von Raija Hauck furios ins Deutsche übersetzte Roman «Kobold» ist der Abschlussband einer Trilogie Radka Denemarkovás. Darin bekommt das Bild der tschechischen Geschichte klare Züge, aber auf paradoxe Weise. Denemarková zeigt, wie unklar alles ist. Wenn sie im Buch jüdische Lebensläufe andeutet, dann muss man sich das Mosaik selbst zusammensetzen und sich auch noch die früheren Bücher der Trilogie dazudenken.

Wie im rasenden Zug

In «Kobold» taucht die Figur Gita Lauschmannová wieder auf, eine Überlebende des Holocaust, die im 2006 erschienenen Roman «Peníze od Hitlera» («Das Geld von Hitler») nach Tschechien zurückkehrt und den ehemaligen Familienbesitz zurückfordert. Es ist Nachkriegszeit, und die jüdisch-deutsche Familie wird von den wackeren Nachkriegstschechen bei den Behörden denunziert. Die Denunzianten ziehen eine Karte, die gleich auf der Ebene von zwei Ressentiments funktioniert. Antisemitismus und Deutschenhass. In der Vorstellungswelt dieser Ressentiments muss es das gegeben haben: jüdische Nazis. «Kobold», der Abschlussband der Trilogie, trägt Gita Lauschmannová zu Grabe.

Um ihre Beerdigung kümmert sich das Bestattungsinstitut, bei dem Herr Krvepolský arbeitet. In den Worten Krvepolskýs schickt Radka Denemarková ihrer Figur ein sprechendes Epitaph hinterher: «Gita Lauschmannová, schnell habe ich die Buchstaben dieses seltsamen Namens zusammengestellt. Die war wohl nicht von hier. Frau Doktor Gita Lauschmannová. Hier, teure Gita, sind alle gleich. Hier juckt niemanden mehr etwas.» Der Tod kennt keine Unterschiede zwischen Sprachen, Kulturen und Nationalitäten. Der Tod ist finale Heimkehr.

Wer mit der Literatur Radka Denemarkovás unterwegs ist, der kann sich vorkommen wie in einem dahinrasenden Zug. Bilder sausen vorüber, und nicht immer kann man den Blick darauf scharf stellen. In ihrem schon im Juni dieses Jahres erschienenen Roman «Schokoladenblut» (das Original stammt aus 2023) hat die Prager Schriftstellerin dieses Tempo zum Prinzip gemacht. Man rast durchs 19. Jahrhundert, in einem erratischen Mix sind der Ölmilliardär John D. Rockefeller, die französische Schriftstellerin George Sand und die Autorin Božena Němcová vereint. Als Prototypen von Unterdrückung einerseits und Auflehnung andererseits.

Němcová, in Wien geboren, war deutschsprachig, wurde aber von ihrem patriarchalen und nationalistischen Mann gezwungen, auf Tschechisch zu schreiben und einen folkloristischen Chauvinismus zu bedienen. Ein klassisches Opfer aus Denemarkovás feministischer und kulturkritischer Sicht. Ihr Mann auch ein Kobold. Und vielleicht schliesst sich hier ein Kreis. Hella aus dem «Kobold»-Roman schreibt ihr fragmentarisches Werk in winzigen Buchstaben auf den Rand von leeren Zuckertüten. Auf Deutsch und heimlich. Ihr Mann hat ihr das Wort verboten. In mehr als nur einem Sinn.

In Anspielung auf Ingeborg Bachmanns Gedicht «Böhmen liegt am Meer» hat Tschechien seinen Gastlandauftritt bei der Buchmesse mit «Ein Land an der Küste» überschrieben. Der unterirdische Strom, der immer noch zwischen dem Deutschen und dem Tschechischen verläuft, wird bei der Buchmesse spürbar sein. Bei Radka Denemarková und Alice Horáčková jedenfalls. Das Wort Kobold hat sich die tschechische Sprache ebenso aus dem Deutschen geborgt wie das Wort Famílienromán.

Radka Denemarková: Kobold. Roman. Aus dem Tschechischen von Raija Hauck. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2026. 432 S., Fr. 39.90.

Radka Denemarková: Schokoladenblut. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2026. 576 S., Fr. 47.90.

Alice Horáčková: Geteiltes Haus. Roman. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Diogenes Verlag, Zürich 2026. 880 S., Fr. 39.90.

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