Grand Theft Auto: Das unwiderstehliche Gangster-Paradies | Kleine Zeitung
Warum das Videospiel GTA 6 ein kulturelles Großereignis ist – und Millionen in den Bann zieht.Der Freund, der einst single durchs Univiertel torkelte, ist mittlerweile glücklich verheiratet und Fitness-Botschaf...
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Warum das Videospiel GTA 6 ein kulturelles Großereignis ist – und Millionen in den Bann zieht.
Der Freund, der einst single durchs Univiertel torkelte, ist mittlerweile glücklich verheiratet und Fitness-Botschafter. Der GAK kämpfte sich währenddessen aus den ballsportlichen Niederungen zurück in die Bundesliga. Ein verhaltensauffälliger Immobilienunternehmer wurde zwei Mal US-Präsident. Selbst die unvollendete 10. Symphonie von Ludwig van Beethoven wurde währenddessen vervollständigt.
Ja, viel ist passiert, seit der letzte Teil des Videospiels „GTA“ („Schwerer Autodiebstahl“) das Licht der Welt erblickt hat.
Seit 13 Jahren wartet die Welt nunmehr auf die Fortsetzung – auf „GTA VI“. Das klingt größer als es ist, aber nur ein wenig. GTA ist ein popkultureller Blockbuster, ein Großereignis für Millionen.
Der Vorgänger verkaufte sich mehr als 190 Millionen Mal, nach den ersten drei Tagen verzeichnete man bereits einen Umsatz von einer Milliarde Dollar. Zum Vergleich: Der erfolgreichste Harry-Potter-Film hat bis heute einen Umsatz von 1,34 Milliarden Dollar erzielt. Kein Wunder, dass die BBC „Grand Theft Auto“ in einer Auflistung auf eine Stufe mit britischen Kulturexporten wie William Shakespeare, den Beatles und James Bond stellt.
Doch was folgte seit dem letzten Teil? Eine Aneinanderreihung von Déjà-vu-Erlebnissen! Also in etwa so: Dieses Jahr kommt das Spiel nicht mehr, aber nächstes Jahr bestimmt. Ein absurdes Theater, ein digitales „Warten auf Godot“ wurde aufgeführt.
Wobei die Bezeichnung „Videospiel“ ohnehin zu klein geraten ist. Paralleluniversum trifft schon eher zu. GTA ist ein unersättliches Universum, das einen verschlingt. Eine Welt, die nicht nur bespielt, sondern bewohnt werden will.
Und seit wenigen Tagen ist nun klar: Godot ist vielleicht kein Hirngespinst, sondern könnte wirklich erscheinen. Das Entwicklerstudio „Rockstar Games“ veröffentlichte nämlich einen 26-minütigen Video-Vorgeschmack auf Netflix und YouTube.
Und plötzlich diskutieren Gamer rund um den Globus über Dinge, die ihnen im echten Leben völlig wurscht wären. Ist der Fußboden wohl authentisch verdreckt? Wie austariert ist das Interieur des Wohnzimmers? Steht alles, wo es zu stehen hat und welches Detail fehlt vielleicht doch noch?
Kaum verwunderlich, dass es bei dem Entwicklerstudio „Rockstar Games“ sogar ein eigenes Department des Nichtstuns gibt. Also fast. Eine Niederlassung der Spielefirma beschäftigt sich mit Statisten im Spiel, sogenannten NPCs (Nichtspielercharaktere), die einfach nur dastehen.
Die Netzgemeinde ist sich einig: Dieses GTA will noch mehr Welt sein als sein Vorgänger. Man kann sich nicht nur dem Spielplot widmen, sondern mehr denn je frei entfalten. Als Charakter hat man unzählige Hobbys, denen man nachgehen kann. Jagen, Paragleiten, Wrestlen im Hinterhof. Will man, dass die Beziehung gut läuft, muss man öfters süße Nachrichten schreiben oder zumindest abheben, wenn die Holde anruft. Strandspaziergänge wirken sich positiv auf die Beziehung aus. Zieht man sich gut an, wird man anders beäugt, als wenn man mit dem Pyjama in der Arbeit erscheint.
Das kennt man aus einem anderen Spiel ganz gut. Man nennt es „Leben“. Aber diese Pointe greift zu kurz.
Denn GTA ist nicht bloß deshalb erfolgreich, weil es das Leben möglichst genau nachahmt. Sondern weil es das Leben zugleich nachbildet und von seinen Regeln befreit.
Es ist das wahrgewordene Gangsta‘s Paradise. Hier kann man sich vom räudigen Barschläger zum Mafia-Boss hocharbeiten – eingebettet in eine Story, die die USA, dieses megalomanische Bruchland, herrlich überzeichnet einfängt.
Man kann aber auch einfach nur durch die Weltgeschichte herumgurken – Jetski fahren, mit Sportautos in den Sonnenuntergang glühen, mit dem Propellerboot durch Sumpflandschaften brettern. Einfach verschwinden. Frei sein.
Und, um ehrlich zu sein, kann man Dinge tun, auf die man nicht stolz wäre im echten Leben. Man kann Passanten anpöbeln und bedrohen, Menschen aus ihren Autos zerren und damit davonglühen, mit Waffen durch die Gegend ballern, in den Stripclub gehen oder einfach ein schönes, großes Feuer legen.
GTA: Das ist eine Welt, die wunderbar furchtbar ist. Ein regelrechter Rummelplatz der Niedertracht, wo Männer sich holen, was sie wollen und Frauen eher Zierrat sind.
Es ist eine brutale Welt. Und dennoch fühlt man sich hier sicher.
Denn für seine Handlungen blühen einem keine großen Konsequenzen. Wer die Polizei gegen sich aufbringt, flieht oder wird erwischt. Danach geht es weiter. Die Sonne geht wieder auf, ein neuer Tag beginnt.
Das ist wohl auch das Geheimnis des unfassbaren Erfolgs dieses Games: Man kann machen, was man will.
Bringen wir damit bald wieder Millionen von Menschen auf falsche Gedanken? Muss man sich Sorgen machen?
Die Gamingexpertin und Psychologin Jessica Kathmann, mit der ich vor einiger Zeit gesprochen habe, sagt dazu folgendes: „Ego-Shooter produzieren keine Attentäter. Dafür gibt es eine breite Datenbasis“. Die Studienlage zeige vergleichsweise kleine Zusammenhänge zwischen gewalthaltigen Videospielen und Aggressionen. Im Vergleich zu anderen Faktoren, wie Erziehung, Gewalterfahrungen im echten Leben, wäre der Einfluss marginal.
Bleibt die moralische Frage: Welchen Sinn hat es, in eine Computerwelt einzutauchen, um dort andere Menschen niederzuschießen? Ein Grund ist unsere Faszination für das Böse, sagt Kathmann. Millionen von Menschen fasziniert auch die detaillierte Analyse von Morden in Crime-Podcasts, Millionen lieben Horrorfilme. Und Millionen Menschen spielen eben auch Ballerspiele und laufen trotzdem nicht Amok.
Der Horror ist domestiziert. Er lässt sich jederzeit per Knopfdruck ausschalten. Das stillt unser menschliches Bedürfnis nach Kontrolle.
Die eigentliche Verheißung von GTA ist deshalb wohl gar nicht die Bösartigkeit. Sondern dass wenig endgültig ist.
Oder anders gesagt: Im echten Leben muss man mit seinen falschen Abzweigungen leben. Im GTA-Leben darf man noch einmal falsch abbiegen.
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