„Das zeugt schon von einer gewissen Hilflosigkeit“: Harsche Kritik am Umgang des Senats mit dem Hackerangriff

Nach Veröffentlichung von 1,4 Millionen Dateien aus dem Berliner IT-Netz ruft der Senat Betroffene dazu auf, Strafanzeige zu erstatten. Bürgerinnen und Bürger, die konkrete Hinweise darauf hätten, dass ihre Dat...

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„Das zeugt schon von einer gewissen Hilflosigkeit“: Harsche Kritik am Umgang des Senats mit dem Hackerangriff

Nach Veröffentlichung von 1,4 Millionen Dateien aus dem Berliner IT-Netz ruft der Senat Betroffene dazu auf, Strafanzeige zu erstatten. Bürgerinnen und Bürger, die konkrete Hinweise darauf hätten, dass ihre Daten veröffentlicht oder für Straftaten wie Betrug oder Identitätsmissbrauch genutzt wurden, sollten Strafanzeige erstatten – „entweder über die Internetwache der Polizei Berlin oder über jede örtliche Polizeidienststelle“, hieß es in einer Mitteilung der Senatskanzlei am Freitagabend.

Außerdem hätten betroffene Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, sich an die Berliner Landesdatenschutzbeauftragte zu wenden, mit der der Senat im engen Austausch über eine bestmögliche Unterstützung ist. Der Senat sei mit der Beauftragten „im engen Austausch über eine bestmögliche Unterstützung“.

„Derzeit führen die Sicherheitsbehörden eine intensive Datenprüfung durch“, hieß es weiter. Auch IT-Forensiker untersuchen demnach im Auftrag des Landes die veröffentlichten Daten mit Hochdruck. „Daraus werden die entsprechenden Maßnahmen abgeleitet“, schrieb die Senatskanzlei.

„Sofern im Rahmen der Analyse einzelne betroffene Personen identifiziert werden, werden diese risikobasiert und entsprechend der gesetzlichen Vorgaben von den zuständigen Senatsverwaltungen informiert.“ Nach Tagesspiegel-Recherchen befinden sich unter den abrufbaren Daten auch Inhalte, die für die Sicherheit der Bundesrepublik und der Hauptstadt relevant sind. Eine Übersicht zeigt auch umfangreiche Personaldaten, darunter private Telefonnummern.

Linke sprechen von „IT-GAU“

Die Hacker hatten nach eigenen Angaben vom 7. bis 12. August unbemerkt Zugriff auf die Netze der beiden Senatsverwaltungen für Bauen und Verkehr. Die Gruppe behauptet, Daten im Umfang von 5,7 Terabyte mit vielen personenbezogenen Inhalten erbeutet zu haben. Seit vergangenem Freitag hat die Gruppe die Daten im Darknet im Rahmen einer Versteigerung zum Kauf angeboten – mit Countdown. Am Freitagnachmittag lief das Ultimatum um 15.35 Uhr aus. Die Hacker stellten daraufhin die Daten im Darknet zum Download bereit – 5,26 Terabyte mit 1.439.893 Dateien.

Die Linken sprachen am Freitagabend von einem „IT-GAU“. Die Erpresser hätten den gewünschten Preis nicht erhalten und die Daten im Darknet veröffentlicht. „Das ist die denkbar ungünstige Konstellation, da jetzt jedermann mit einigen wenigen technischen Kenntnissen auf diese Daten zugreifen kann“, sagte Linken-Fraktionschef Tobias Schulze. Allerdings habe nun auch der Senat die Möglichkeit, abzugleichen, ob die bisherigen Vermutungen über die abgeflossenen Daten zutreffen oder nicht. „Dies sollte er schnellstmöglich tun und alle von der Veröffentlichung betroffenen Personen und Unternehmen benachrichtigen und die bestmögliche Hilfe anbieten“, forderte Schulze.

Für die Zukunft brauche es einheitliche Sicherheitsstandards und „einen verbindlichen Fahrplan zur Durchsetzung der Abnahmepflicht beim ITDZ“.

Es kann nicht sein, dass hier tagelang hochsensible Daten geraubt wurden und die einzige Reaktion scheinbar darin besteht, die Beschäftigten anzuweisen, ihre Passwörter zu ändern.

Thorsten Schleheider, Landesvize der Gewerkschaft der Polizei (GdP)

Auch Grünen-Fraktionschef Werner Graf forderte ausreichend Unterstützung für Betroffene. „Nachdem der Senat bei der IT-Sicherheit gepennt hat, darf er das beim Opferschutz der Betroffenen nicht fortsetzen“, sagte er. Man müsse davon ausgehen, dass die erbeuteten Daten missbraucht werden. „Passwörter, Kontodaten und persönliche Informationen von Zehntausenden Berlinerinnen und Berlinern sowie Landesbeschäftigten könnten für Identitätsdiebstahl und gezielte Phishing-Angriffe genutzt werden“, sagte Graf.

Der Senat müsse die Betroffenen konkret unterstützen „mit einer gemeinsamen Informationskampagne von Senat, Datenschutzbehörde, Verbraucherzentrale und Sicherheitsbehörden, einer kurzfristigen personellen Stärkung der Datenschutzbehörde und einem einfachen Verfahren, mit dem Betroffene prüfen können, ob ihre Daten betroffen sind“.

Der Landesvize der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Thorsten Schleheider gab ein vernichtendes Urteil ab: „Dieser Cyberangriff reiht sich nahtlos in die Serie an derartigen Vorfällen rund um unsere Behörden ein. Er hat Berlins Politik einmal mehr deutlich vor Augen geführt, dass hier über Jahre gepennt wurde“, sagte Schleheider.

Es sei richtig, sich nicht erpressen zu lassen. „Aber es kann nicht sein, dass hier tagelang hochsensible Daten geraubt wurden und die einzige Reaktion scheinbar darin besteht, die Beschäftigten anzuweisen, ihre Passwörter zu ändern. Das zeugt schon von einer gewissen Hilflosigkeit“, sagte er. Seine Kollegen seien nicht schuld, dass die IT-Sicherheit im Land Berlin jahrzehntelang an die Wand gefahren worden sei. „Wir erwarten von einer neuen Landesregierung, dass sie ein umfassendes inhaltliches Konzept vorlegt, statt Phrasen von Digitalisierung zu dreschen“, sagte Schleheider. „Das System hat gravierende Lücken, wir sind auf vielen Ebenen angreifbar.“ Das müsse endlich ein Ende haben.

Auch Manuel Barth, Vorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft Berlin-Brandenburg, zeigte sich fassungslos. „Was geschieht, wenn das Notwendige nicht vollumfänglich getan und finanziert wird, erleben wir genau jetzt“, sagte er. „Aus Sicht der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft Berlin Brandenburg halten wir das für hochproblematisch, was wir an Daten zur Feuerwehr in den gestohlenen Files sehen.“ Wer einen hohen und notwendigen Sicherheitsstandard haben wolle, dafür aber nur unzureichend Mittel für Technik und Personal bereitstelle, der hoffe „auf Wunder“.

Der für die IT-Sicherheit des Landes zuständige Staatssekretär Florian Hauer informierte die Beschäftigten des Landes am Freitagnachmittag über den neuen Stand. Das Schreiben liegt dem Tagesspiegel vor. Mit Blick auf die zu diesem Zeitpunkt noch bevorstehende Veröffentlichung der Daten schrieb er: „Was das für die öffentliche Debatte und für die Beschäftigten im Berliner Landesdienst bedeuten wird, ist nicht in all seinen Facetten abzusehen.“ Gleichwohl sei es auch aus dem Erfahrungsschatz des BSI keine Option gewesen, den Forderungen der mutmaßlichen Täter nachzugeben, „da damit umfangreiche weitergehende Bedrohungen verbunden wären“.

Sofern im Rahmen der Analyse der abgeflossenen Daten einzelne betroffene Personen identifiziert würden, werde man diese „risikobasiert, entsprechend der gesetzlichen Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und des Berliner Datenschutzgesetzes von den zuständigen Senatsverwaltungen“ informieren. Zum jetzigen Zeitpunkt lägen keine Erkenntnisse vor, dass das Landesnetz noch infiltriert sei.

Die Präsidentin des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Claudia Plattner, habe darauf hingewiesen, „dass wir alle uns derzeit im Krisenmodus befinden“, schrieb Hauer.

Den Angaben des Staatssekretärs nach haben das LKA sowie die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt jeweils sogenannte „Besondere Aufbauorganisationen“ (BAO) eingerichtet. Dazu Ziel sei, die Kräfte zu den Ermittlungen, zur Analyse des Angriffs, zur Sicherung der Daten und zur Beratung der Beschäftigten zu bündeln. Darüber hinaus sei eine Taskforce zwischen den beiden Senatsverwaltungen eingerichtet worden.

Am Dienstag erging an alle Behörden und Beschäftigten die Anweisung, ihre Passwörter für ihren Systemzugang zu den Servern zu ändern. Wegen des IT-Sicherheitsvorfalls seien auch „eine Vielzahl von Passwörtern aus dem Bestand der betroffenen Behörden kompromittiert worden“, teilten die Behörden am Dienstag ihren Mitarbeitern mit. (mit axf, rk, cl)