Den eigenen Weg finden, und das mitten in der Revolution: Lilli Schönemann

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Den eigenen Weg finden, und das mitten in der Revolution: Lilli Schönemann

Stand: 15.09.2026, 06:24 Uhr

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Romanze am Main: Johan Wolfgang von Goethe und Lili Schönemann, gemalt von Hermann Dietz aus Darmstadt. Foto: p

Romanze am Main: Johann Wolfgang von Goethe und Lili Schönemann, gemalt von Hermann Dietz aus Darmstadt. © p

Lili Schönemann ist in Offenbach vor allem als Goethes Verlobte bekannt. Doch ihr eigenes Leben war weit mehr als eine Liebesgeschichte.

Offenbach – Es ist Nacht, als die junge Frau losgeht. Fünf Kinder hat sie bei sich, das jüngste trägt sie auf dem Rücken. Vor ihr liegen französische Kontrollposten, hinter ihr ein Zuhause, das sie vielleicht nie wiedersehen wird. Sie ist als Bäuerin verkleidet. Ihr Mann ist auf der Flucht, die Familie von Verhaftung und Schlimmerem bedroht. Diese verwegene und mutige Frau heißt Elisabeth Schönemann. Freunde nannten sie schlicht Lili.

Denkmäler erinnern an Lilli Schönemann, die einstige Verlobte Goethes

In Offenbach erinnern Lili-Park, Lili-Tempel (Metzlerscher Badetempel), das Lili-Häuschen mit der efeuumrankten Gedenktafel und die Lilistraße an die Sommerwochen des Jahres 1775, als der junge Dichter, Johann Wolfgang von Goethe mit seiner Verlobten hier unterwegs war. Im vergangenen Jahr widmeten das Haus der Stadtgeschichte und das Klingspormuseum der ambivalenten Liebesgeschichte und der Liebe in unseren Zeiten die Doppelausstellung „Love Stories“.

Anna Elisabeth Schönemann wurde am 23. Juni 1758 geboren – neun Jahre nach Goethe. Sie war die einzige Tochter des Frankfurter Bankiers Johann Wolfgang Schönemann und seiner Frau Susanna Elisabeth d’Orville. Ihr Vater starb, als Lili fünf Jahre alt war. Die Mutter übernahm die Geschäfte und sorgte zugleich für die Erziehung ihrer Kinder. Lili wuchs in einer wohlhabenden, weltoffenen Familie auf, in der Geschäft, gesellschaftliches Leben und Kultur eng miteinander verbunden waren. Die Familie d’Orville, aus der ihre Mutter stammte, gehörte zu den Hugenottenfamilien, die sich in Frankfurt und Offenbach etabliert hatten.

Gioethe verlässt seine große Liebe und flüchtet nach Weimar

Was Goethe an ihr faszinierte, als er sie zur Jahreswende 1774/75 kennenlernte, war nicht allein ihre Schönheit, wie sich auch aus den ihr gewidmeten Gedichten schließen lässt. Er bewunderte ihren Geist, ihre Lebendigkeit und ihr musikalisches Können. Bald wurde aus der Bekanntschaft eine Liebesbeziehung, schließlich eine Verlobung.

Einen besonders aufschlussreichen Satz hat Goethe später selbst über diese Zeit geschrieben: Lili, so erinnerte er sich, habe eine Kraft besessen, die alle Widerstände gegen ihre Verbindung hätte überwinden können. Tatsächlich war sie bereit, ihre bisherige Lebenswelt für ihn aufzugeben. Goethe dagegen rang von Anbeginn der Beziehung mit seiner Bindungsangst und entschloss sich „abermals zur Flucht“. Im Oktober 1775 ging er nach Weimar. Damit endete die Liebesgeschichte.

In Erinnerung an die große Liebe brachten Offenbacher Bürger im März 1932 eine Gedenktafel an.

In Erinnerung an die große Liebe brachten Offenbacher Bürger im März 1932 eine Gedenktafel an. © Ingrid Walter

Lilis eigene Geschichte aber begann nach der Trennung erst richtig. 1778 heiratete sie Bernhard Friedrich von Türckheim, einen Straßburger Bankier, der schon vor ihrer Bekanntschaft mit Goethe als Volontär im Schönemannschen Bankhaus gearbeitet hatte. Sie zog nach Straßburg und bekam zwischen 1779 und 1789 fünf Kinder. Sie führte ein großes Haus und stand mit einem Kreis von gebildeten und religiös interessierten Menschen in Verbindung.

Zu ihren Bekannten gehörte auch der Schweizer Theologe und Schriftsteller Johann Caspar Lavater, mit dem sie in den schwierigen ersten Ehejahren brieflich verbunden blieb. Ihre späteren Briefe, 1924 herausgegeben von John Ries, zeigen eine andere Lili als die Goethe-Literatur: eine Frau, die sich um Menschen kümmert, Familienangelegenheiten regelt, Nachrichten austauscht und Anteil am politischen und gesellschaftlichen Geschehen nimmt.

„Tief und wahrhaft geliebt“: Gemeinsame Geschichte wird Teil der Lebensgeschichte

Dann kam die Revolution. 1792 wurde Türckheim Bürgermeister von Straßburg. Doch schon bald verlor er sein Amt und musste die Stadt verlassen. Von Saarbrücken aus ließ er seine Frau wissen, dass auch sie mit den Kindern fortmusste. Lili zögerte nicht. Als Bäuerin verkleidet, machte sie sich mit ihren Kindern auf den Weg. In einem Brief an ihren Bruder schilderte sie ihre Flucht: „…bey dem einzigen nur will ich stehen bleiben daß ich nach einer 15stündigen Pilgrimschaft meinen Heinrich auf dem rükken, Guillaume an der Hand, und, die andere bey mir, glücklich durch alle Französische vorposten, durch, und wirklich in Kayserslautern bin.“

Das ist vielleicht der Moment, in dem man Lili Schönemann am deutlichsten erkennt. Aus der jungen Frau, die Goethe bezauberte, ist eine entschlossene und mutig handelnde Persönlichkeit geworden. Die Familie lebte zunächst in Heidelberg, später in Erlangen. Als man 1795 wieder ins Elsass zurückkehren konnte, war das Leben nicht mehr dasselbe. Lili hatte bewiesen, dass sie auch unter völlig veränderten Bedingungen bestehen konnte. Goethe dagegen vergaß sie nie. Noch Jahrzehnte später sprach er von ihr als der Frau, die er „tief und wahrhaft“ geliebt habe. Bei seiner ersten Italienreise trug er ihr Bild in einem Medaillon bei sich. In Dichtung und Wahrheit machte er ihre gemeinsame Geschichte zu einem Teil seiner eigenen Lebensgeschichte.

Stille Heldinnen

Ingrid Walter bietet seit Jahren Stadtspaziergänge an, gerne mit weiblichen Perspektiven. Es geht um stille Heldinnen, die oft hinter ihren bekannten Männern zurücktreten mussten – und trotzdem sehr eigenständig und prägend für Offenbach waren. In einer losen Serie stellt Walter diese Frauen vor so wie kürzlich Sophie von La Roche.

In Offenbach begegnet man heute hauptsächlich der Erinnerung an Goethes Lili. Doch vielleicht sollte man sich dort auch an Lili Schönemann selbst erinnern: an eine 16-Jährige, die sich ihre Zukunft anders vorgestellt hatte und die später als Mutter von fünf Kindern, mitten durch eine Revolution ihren eigenen Weg finden musste. Goethe hat ihr ein literarisches Nachleben geschenkt. Ihr Leben selbst ist stark genug für eine eigene Geschichte.