Deutschlands Aufrüstung: Partner sind skeptisch, doch Europa braucht Stärke

Die sicherheitspolitische Situation erfordert eine neue europäische Führungsmacht. Deutschland schickt sich an, diese zu werden, muss jedoch die Skeptiker beruhigen und seine Partner mit einbinden.

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Deutschlands Aufrüstung: Partner sind skeptisch, doch Europa braucht Stärke

Der andere Blick

Armin Arbeiter, Berlin

Berlins Aufrüstung sorgt bei den Verbündeten für Bedenken, doch Europas Verteidigung braucht ein starkes Deutschland

Die sicherheitspolitische Situation erfordert eine neue europäische Führungsmacht. Deutschland schickt sich an, diese zu werden, muss jedoch die Skeptiker beruhigen und seine Partner mit einbinden.

05.08.2026, 17.59 Uhr

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Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz auf einem Radpanzer «Boxer».

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz auf einem Radpanzer «Boxer».

Chris Emil Janssen / Imago

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Der Wille Deutschlands, die stärkste konventionelle Armee Europas zu schaffen, werfe – zusammen mit US-Atomwaffen auf deutschem Boden – «ernste Sicherheitsprobleme für die Nachbarn auf», sagte der französische Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon kürzlich.

Er ist damit nicht allein. Auch französische Diplomaten äussern in vertraulichen Gesprächen historische Bedenken. Immer wieder werden vor allem aus Frankreich, aber auch aus Ländern wie Polen sowohl von links als auch von rechts Stimmen laut, die die geplante Wiedererstarkung der deutschen Bundeswehr kritisieren. Neben historischen Ressentiments aus Zeiten der Weltkriege fürchten vereinzelte Stimmen eine Bundeswehr unter AfD-Regierung.

Eine solche ist derzeit trotz erstem Platz in den Umfragen mangels Koalitionspartner nicht absehbar. Zudem verfügt die Bundesrepublik über wesentlich stärkere verfassungsrechtliche und institutionelle Sicherungen als die Weimarer Republik. Die Sorge wegen eines neuerlichen deutschen Angriffskriegs ist unter den heutigen Bedingungen daher unbegründet. Die gegenwärtige sicherheitspolitische Lage macht jedoch eine deutliche Stärkung der deutschen Streitkräfte erforderlich.

Deutschland muss sich an seine Rolle gewöhnen

Lange Zeit hiess es in der Nachkriegs-Nato: «Keep the Russians out, the Americans in and the Germans down». Der strategische Fokuswechsel Amerikas auf den Pazifik sowie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verändern dieses Motto aus dem Kalten Krieg mehr und mehr in Richtung: «lift the Germans up». Es ist eine Rolle, an die sich Deutschland erst gewöhnen muss.

Der deutsche Kanzler Friedrich Merz steht sinnbildlich dafür. Er wolle Deutschland zur «konventionell stärksten Armee Europas machen», sagte er knapp nach seinem Amtsantritt. Das Vorhaben ist richtig und wichtig, wenn Europa künftig als eigenständiger geopolitischer Machtpol ernst genommen werden will. Neben wirtschaftlicher, kultureller und diplomatischer Stärke gehört auch die militärische zur Definition eines solchen. Insbesondere im immer unübersichtlicheren Dschungel der Weltpolitik.

Merz’ Zitat sorgte dennoch für Skepsis bei den europäischen Partnern. Dass eine Wiederaufrüstung Deutschlands, die wohl künftig immer mehr ohne amerikanische Hegemonie geschehen wird, für Bedenken sorgt, dürfte die Regierung in Berlin unterschätzt haben. «Unsere Nachbarn sollen sich sicherer fühlen, wenn Deutschland stärker wird», fügt Merz seit einigen Wochen hinzu, wenn er über Aufrüstung spricht.

Das zeigt die Unsicherheit eines Landes, in dessen Namen in der Vergangenheit unvorstellbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden. Das alles tat, um diese Verbrechen aufzuarbeiten, und mit der neuen Situation noch nicht wirklich zurechtkommt. Ein Land, das von der Welt geliebt werden wollte – und nach wie vor will – und plötzlich eine Führungsrolle in der Abschreckung gegenüber Russland übernehmen muss.

Nach wie vor massiver Aufholbedarf

Muss – schon allein aufgrund der Geografie. Denn im Ernstfall funktioniert ohne Deutschland weder eine rasche Verlegung von Truppen an die Nato-Ostflanke noch deren Versorgung. Gleichzeitig müssen diese Hunderttausenden Soldaten aus verschiedenen Staaten imstande sein, gegen ein kriegserprobtes Militär wie das russische zu kämpfen.

Die USA liefern in vielen Bereichen weiterhin Fähigkeiten in einer Grössenordnung, die Europa kurzfristig nicht ersetzen kann – etwa strategische Aufklärung, Führungsunterstützung, Lufttransport und Langstreckenwaffen. Allesamt Gebiete, auf denen Deutschland noch einen massiven Aufholbedarf hat.

Und so wird es noch dauern, ehe die Bundeswehr tatsächlich in ausreichendem Masse «kriegstüchtig» wird, wie es der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius gerne formuliert. Derzeit könnte die Bundeswehr im Ernstfall nicht einmal durchgehend unverschlüsselt kommunizieren. Kritiker sprechen von der «ersten Aufrüstung seit dem Zweiten Weltkrieg». Das ist falsch. Im Jahr 1989 war die Bundeswehr 495 000 aktive Soldaten stark. Bis 2035 will man auf 260 000 aktive Soldaten anwachsen – und ohne Wiedereinsetzung der Wehrpflicht gilt dieses Ziel vielen als zu ambitioniert.

Anpassung an das moderne Schlachtfeld

Die militärischen Defizite sind also beträchtlich. Deutschland verfügt jedoch über die finanzielle und industrielle Grundlage, sie langfristig zu beheben und dabei eine führende Rolle in Europa zu übernehmen. 2029 wird Deutschland nach derzeitiger Planung ungefähr doppelt so viel für seine Verteidigung ausgeben wie Frankreich, das sich eine weitreichende Modernisierung seiner Kräfte aufgrund seiner Finanzen nur bedingt leisten kann.

Das mag in Paris für Abstiegsängste sorgen, für die Verteidigung Europas ist es dennoch wichtig.

Denn das moderne Schlachtfeld verändert sich rasant, eine umfassende Modernisierung der Streitkräfte ist notwendig. Und die Strukturen der Nato, insbesondere ohne die USA als Führungsmacht, sind noch nicht auf einen modernen Verteidigungskrieg gegen einen potenziellen Gegner wie Russland ausgelegt. Hier müsste Deutschland, gemeinsam mit seinen europäischen Verbündeten, Konzepte erarbeiten, wie Grossverbände im 21. Jahrhundert zu agieren haben.

Je stärker Berlin seine Verbündeten dabei mit einbindet, desto geringer dürften die Ressentiments gegen ein militärisch stärkeres Deutschland werden. Diese muss Berlin ernst nehmen. Klar ist aber auch: Ohne ein starkes Deutschland kann sich Europa nicht verteidigen.

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