Kabarettist Arnulf Rating: „Ich will von Öffentlich-Rechtlichen unabhängig sein“
Er macht Satire, weil er „zu blöd zum Steinewerfen“ war: Seit 50 Jahren ist Arnulf Rating eine Größe des Bühnen-Kabaretts. Wir haben ihn gefragt, ob die Deutschen heute Humor haben – und wie er die umstrittene Kollegin Lisa Eckhart versteht
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Die Künstliche Intelligenz, die derzeit aus dem Sandkasten ausbricht, der Jammer-Kanzler Friedrich Merz, der Turbo-Poster Donald Trump: An Themen mangelt es der Satire in diesen Tagen kaum. Arnulf Rating, der seit den 1970er Jahren Politik und Zeitgeist auf der Bühne kommentiert, treiben aber auch Fragen um, die andere nicht so gern anfassen: Wie kann man mit den Mitteln der Satire der unheimlichen Vorkriegsstimmung begegnen, die dieses Land in Atem hält?
Und wie kann man zur „Rettung der Demokratie“ beitragen, ohne es bei wohlfeilen AfD-Gags zu belassen? Hierzu hat Rating jüngst einen ganz ernst gemeinten Sammelband mitherausgegeben. Vor seiner Bühnentour „Ware Lügen“, die im Oktober beginnt, hat der Freitag besonders darüber mit ihm gesprochen.
der Freitag: Herr Rating, es gibt ja dieses berühmte Zitat von Kurt Tucholsky: „Was darf Satire? Alles.“ Vordergründig unterschreibt das jeder. Aber im gleichen Text steht noch etwas anderes, das nicht so konsensfähig ist. Darf ich Ihnen das mal hinwerfen?
Arnulf Rating: Aber gern, Tucholsky geht bei mir immer.
In besagtem Artikel von 1919 heißt es gleich am Anfang: „Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine.“
Das ist sicher richtig, aber das heißt nicht, dass die Satire friedfertig ist. Das Theater ist eine Möglichkeit, verschiedene Positionen durchzuspielen. Und da kann es auch schon mal zu Ermordungen und Verletzungen kommen.
Ich bin zur Satire gekommen, weil ich zum Steinewerfen zu blöd bin. Ich treffe immer die eigenen Leute
Ein Satiriker schießt, nicht mit Kugeln, aber mit Pointen. So bin ich ja auch zur Satire gekommen in den 1970er Jahren: Weil ich zum Steinewerfen zu blöd bin. Ich treffe immer die eigenen Leute. Da musste ich mich anders politisch betätigen.
Darf ich noch einmal auf dieses Zitat zurückkommen? Was irgendwie auf den Krieg einzahlt, ist keine Satire: Nimmt man das ernst in dieser merkwürdigen Vorkriegsstimmung, in der wir leben, gibt es dann eigentlich noch viel Satire in Deutschland?
Man merkt, dass es Situationen gibt, in denen Satiriker nicht mehr gehört werden. Man sieht das ja auch an Tucholsky: Da haben Leute dem Hitler immer mehr Geld gegeben, also Kriegsanleihen gezeichnet, und er ist aufgestiegen. Und dann ist Tucholsky weggegangen und hat Selbstmord begangen. Also, er ist getroffen worden von der Wirklichkeit und im wahrsten Sinne des Wortes mundtot gemacht worden. Das zeigt die Realität in einer kriegerischen, kapitalistischen Gesellschaft. Und die kann einem auch im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen.
Ich wundere mich immer und es erschreckt mich, wie wenig Satire es über diese neue waffenstarrende Laune im Land gibt. Selbst „Die Anstalt“ im ZDF macht inzwischen eher Stil- und Manöverkritik, also Pointen über die Ineffizienz der Aufrüstung und über bestimmte Nebenwirkungen.
Das ist eben Fernsehkabarett. Das findet unter einer gewissen Aufsicht statt, die sich die Leute teils auch selbst auferlegen, weil sie da eben ihr Ding machen wollen. Das war schon immer so. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass selbst die berühmte Münchner Lach- und Schießgesellschaft mit Dieter Hildebrand nur deshalb im Fernsehen sein konnte, weil sie mit dem Bayerischen Rundfunk einen Deal gemacht haben: Sie sollten nichts über die Kirche sagen. Da meinten die: Gut, das ist uns jetzt auch nicht so wichtig. Also es gibt gewisse Voraussetzungen, Eingangsvoraussetzungen, um in öffentlich-rechtlichen Anstalten satirisch wirken zu können. Und das ist bis heute so.
Sie sind ja eher auf Bühnen unterwegs, bald auch wieder. Das ist Ihnen lieber?
Man kann auf einer Bühne doch eher das machen, was man will. Man ist nicht von irgendwelchen Redakteuren abhängig und von deren Formaten und Vorstellungen. Ich mache das ja bald 50 Jahre, da ist es schon vorgekommen, dass ich im Fernsehen war, aber ich scheue die Abhängigkeit davon. Dass man auf einmal in irgendeiner Serie ist, wo man sich selbst verbietet oder tatsächlich verboten kriegt, etwas Bestimmtes zu sagen, und das dann macht, weil man eine Eigentumswohnung abzahlen muss ...
Was hat sich denn in diesen 50 Jahren verändert?
Als wir damals angefangen haben mit den „3 Tornados“ gegen Ende der 1970er Jahre, war eine sehr verbissene Zeit. Im linken Milieu, aus dem wir kamen, gab es diese ganzen winzigen K-Gruppen, die sich aber extrem ernst genommen haben. Außerdem gab es die RAF, auf die überall Jagd gemacht wurde. Die politische Debatte war sehr verhärtet. Und da haben wir versucht, Humor reinzubringen, also zuerst in unsere eigene Szene ...
Wie Sie es beschreiben, war das von Anfang an auch ein politisches Projekt. Würden Sie denn sagen, dass sie etwas bewegt haben?
Zuerst wollten wir uns selbst bewegen, uns Mut machen für Veränderung. Und wir – als Generation – waren ja teilweise erfolgreich. Wir haben zum Beispiel die Entwicklung der Atomenergie in Deutschland am Ende gestoppt. Nicht so erfolgreich war die Sache mit den Hausbesetzungen, weil die Leute gemerkt haben, ein Haus kann man nicht nur besetzen, sondern auch besitzen.
Haben die Deutschen heute mehr Humor als zu ihrer Anfangszeit?
Das würde ich nicht sagen. Nach meiner Erfahrung hat sich mit der Wende von 1989/90 und auch mit dem Privatfernsehen, das zeitgleich aufkam, viel verändert.
Nach der Wiedervereinigung und mit dem Privatfernsehen hat sich teilweise ein Lachen breitgemacht, das sehr viel mit Schadenfreude zu tun hatte, mit dem Treten nach unten
Früher hatten wir uns immer an Dario Fo gehalten: Lachen geht durch den Kopf. Aber dann hat sich teilweise ein Lachen breitgemacht, das sehr viel mit Schadenfreude zu tun hatte, mit dem Treten nach unten. Wir hatten auch immer gehofft, dass wir mit unserem ein bisschen anarchischen Humor dieses preußische, militaristische Deutsche etwas auflockern könnten. Und heute bin ich tatsächlich überrascht, was für ein mächtiges Rollback das Militärische in der Gesellschaft feiern kann.
Die Kabarettistin Lisa Eckhart macht neuerdings gern Pointen, in denen es um mangelnde „Kriegstüchtigkeit“ geht, so nach dem Motto: Stell dir vor, es ist Krieg – und unsere Gen-Z-Soldat:innen pochen erstmal auf die Viertagewoche, auf die War-Life-Balance.
Das Publikum brüllt dann vor Lachen, und ich frage mich, was das für ein Lachen ist.
Genau das ist die Kunst daran, dass es auch Missverständnisse geben kann, je nachdem, wie das Publikum zusammengesetzt ist. Das ist jeden Abend eine neue Auseinandersetzung. Schon der große Werner Finck hat gesagt: Satire, die der Zensor versteht, gehört mit Recht verboten. Das gilt dann auch wohl für manche Zuschauer.
Sie arbeiten an einem neuen Bühnenprogramm. Worum geht es dabei?
Mein neues Programm heißt „Ware Lügen“, also „Ware“ wie auf dem Markt. Unsere Öffentlichkeit ist einfach so sehr durchsetzt von Lügen und von propagandistischen Behauptungen. Das war natürlich schon immer so, aber ich habe den Eindruck, jetzt ist das eskaliert im Zuge dieser Spannung, die über allem schwebt und die ja auch mit sehr viel Geld unterfüttert ist, mit Milliarden. Die Leute haben so viele Textbausteine im Kopf, hart wie Lego, man kann die kaum knacken. Und da ist mein Anliegen schon, dass wir uns locker machen und hinter die Fassade dieser permanenten Kriegs-Propaganda schauen.
Wie wollen Sie das machen, und was sind das für Textbausteine?
Als der Ukraine-Krieg begann, hieß es immer „der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg“. Und dann ist Venezuela passiert und Iran. Auch Angriffe und ebenfalls völkerrechtswidrig, aber zuerst von unserem Kanzler begrüßt, man erinnert sich, „Drecksarbeit“ und so weiter. Und plötzlich verbreitet sich ein anderes Wort für den Russland-Ukraine-Krieg, nämlich „Vollinvasion“.
Das war mir so noch gar nicht so aufgefallen ...
… um so etwas geht es mir jedenfalls, um den Umgang mit Sprache, um diesen Kampf, der um unsere Köpfe geführt wird. Woody Allen hat mal gesagt: „Wer eine Botschaft hat, soll ein Telegramm schicken.“ Denken können die Leute selbst, dazu brauchen sie kein Kabarett. Was wir machen können, ist eine Art Lockerungsübung, die Raum zum Denken und Handeln gibt, auch jenseits dieser Angst vor „dem Russen“...
Haben Sie davor keine Angst?
Das ist ja zunächst vor allem Projektion. Der Russe ist noch nie gekommen, sondern wir sind zweimal zum Russen gekommen, beim letzten Mal mit einer fürchterlichen Blutspur von 27 Millionen Getöteten. Vielleicht kommt er irgendwann wirklich, wer weiß, aber während wir uns darüber den Kopf heiß reden, geht unsere Rente flöten und VW schließt Werke. Also das Elend kommt viel eher, als der Russe bei uns sein kann, das machen wir uns nämlich selbst.
Ist unsere Demokratie in Gefahr? Und wie kann die Satire zu ihrer Rettung beitragen?
Diese Demokratie-Retterei, das verstehe ich nicht ganz. Da will man die Demokratie retten und lässt sich regieren von rechten Sozialdemokraten und anderen rechten Parteien, die uns in Richtung Krieg führen und mit der Kriegsfinanzierung die Butter vom Brot nehmen. Der AfD, die man bäh findet und die eine rassistische Partei ist, der legt man dann die „stärkste konventionelle Armee in Europa“ zu Füßen, weil man durch all das selbst zur Splitterpartei geworden ist. Das ist das wirklich Gefährliche. Und komisch ist es auch, wenn zugleich Herr Merz eine Rentenkommission beruft, in der natürlich kein Fliesenleger sitzt, oder wenn Jens Spahn, der sich wegen seiner Fortpflanzungsplanung zurückziehen wollte oder sollte, kurz danach ausgerechnet im Haushaltsausschuss auftaucht, als ob da nie etwas gewesen wäre mit diesen Corona-Masken.
Zur Rettung der Demokratie haben Sie jüngst einen Sammelband mitherausgegeben, „Deutschland neutral. Mit Sicherheit für Frieden“. Der Tenor: Wir sollen aus der NATO austreten und uns auch anderweitig an neutralen Ländern wie der Schweiz orientieren.
Ich halte wirklich die Demokratie in der Form, wie wir sie heute haben, mehr für ein System der Beherrschung als eines der Selbstbestimmung.
Alle diese Transmissionsriemen, die in der Demokratie eigentlich von unten nach oben gedacht sind, funktionieren heute genau umgekehrt
Sebastian Haffner hat das schon 1967 so formuliert: Alle diese Transmissionsriemen, die eigentlich von unten nach oben gedacht sind, funktionieren heute genau umgekehrt. Laut Grundgesetz soll das Volk herrschen durch Wahlen und Abstimmung. Aber abgestimmt wird doch gar nicht. Ich hätte zum Beispiel gerne darüber abgestimmt: Nehmen wir Sachsen-Anhalt überhaupt in die Bundesrepublik auf? Stoßen wir vielleicht Bayern ab? Wie kann es sein, dass alle gerade ihren Zettel in die Urne gesteckt haben, und dann kommt Merz, der Kanzler zweiter Wahl, und lässt Fantastilliarden für Kriegsgerät durchwinken, bevor er überhaupt einen Amtseid geleistet hat? Auch dazu hätte ich gern meine Stimme abgegeben.
Sie plädieren also für eine direktere Demokratie?
Wir stehen jetzt immer da wie das Kaninchen vor der Schlange. Demokratie verteidigen heißt dann irgendwann, Parteien zu verbieten oder so etwas. Das löst doch das Problem nicht, das die Leute haben, um die es geht, und das wir vielleicht mit ihnen haben. Wir müssen sehen, wie wir da neue Formen finden. Das muss man doch mal diskutieren! Und da kommt man auf die Schweiz, die eine andere, auch vielfältige Form von direkterer Demokratie hat und auch eine ganz andere Form von Verteidigung. Die haben alle die Waffe im Schrank. Nicht ganz ungefährlich, aber offenbar hält das Diktatoren fern, wie auch große Kriege. Und da sage ich: Die Bundesrepublik ist ja föderal strukturiert. Warum lösen wir die Länder nicht in Kantone auf? Dann können die einzelnen Kantone der Schweiz beitreten.
Im Nordosten der Republik gibt es das Duo „Fiete und Schiete“, das früher einmal eine Rückkehr Vorpommerns zu Schweden propagiert haben soll. Das würde sich bestens ergänzen! Aber noch ernster gefragt: Gegen Jahresende machen Sie immer einen Rückblick. Welche Geschichten haben sich 2026 schon qualifiziert?
Zum Beispiel dieser US-Flugzeugträger: vollgestopft mit modernster Kriegstechnik, weltweit gefürchtet. Aber dann muss er abdrehen, weil die Toiletten nicht funktionieren. Das ist hochkomisch, und wenn man darüber etwas nachdenkt, fast ein literarisches Gleichnis. Oder die Israelis, deren berühmter Iron Dome buchstäblich mit Kanonen auf Spatzen schießt, weil diese sündhaft teuren Hightech-Anlagen nicht auf kleine, billige Drohnen ausgelegt sind und diese wohl teils nicht von Vögeln unterscheiden können. An Stoff für diesen Rückblick ist also sicherlich kein Mangel, aber zuerst muss ich noch an meinem Bühnenprogramm arbeiten, mit dem ich ab 10. Oktober auf Tour gehe.
Arnulf Rating, 1951 in Mülheim an der Ruhr geboren und in Wuppertal aufgewachsen, gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen des politischen Kabaretts. 1977 gründete er in Berlin die „3 Tornados“, später wurde er mit Soloprogrammen und als Veranstalter des „Politischen Aschermittwochs“ bekannt. Rating verbindet politische Satire mit scharfer Medien- und Gesellschaftskritik und steht bis heute regelmäßig auf der Bühne.