Deutschlands Schüler schwach wie nie – diese Probleme sieht eine Expertin
KI-Stimme. InfoOb Lesen, Schreiben oder Mathematik: Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind schwach wie nie, so die aktuelle Pisa-Studie. Woran liegt das – und was muss sich ändern? Ein Gespräch mit der Bi...
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Ob Lesen, Schreiben oder Mathematik: Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind schwach wie nie, so die aktuelle Pisa-Studie. Woran liegt das – und was muss sich ändern? Ein Gespräch mit der Bildungsforscherin Christine Sälzer, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Lüneburg.
Frau Sälzer, für viele waren die neuesten Pisa-Ergebnisse ein Schock – für Sie auch?
Christine Sälzer: Die Ergebnisse sind schon eine Katastrophe – allerdings eine, die sich bereits angedeutet hatte. Nachdem es im Jahr 2000 den ersten Pisa-Schock gab und man begonnen hatte, gemeinsame Strategien zu entwickeln, ging es zunächst bis 2012 aufwärts. Danach haben sich die Ergebnisse jedoch wieder kontinuierlich verschlechtert. Außerdem gibt es auf Länderebene den IQB-Bildungstrend, bei dem die Tests in unterschiedlichen Etappen stattfinden. Dabei zeigt sich, dass es zwischen den Bundesländern große Unterschiede gibt. Aber auch da waren die letzten Ergebnisse 2024 insgesamt durchwachsen und haben diese Tendenz bereits angedeutet. Das Ausmaß hätte ich so allerdings nicht vorhergesagt. Die Kompetenzmittelwerte liegen inzwischen sogar unter dem Niveau des damaligen Pisa-Schocks.
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Laut Studie reichen schon die Basiskompetenzen nicht. Was ist damit gemeint?
Das umfasst drei Bereiche: Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Dabei geht es nicht um Lehrplanthemen, sondern um alltagspraktische Aufgaben. Zum Beispiel sollen die Jugendlichen anhand eines Streckennetzplans entscheiden, ob für bestimmte Fahrten ein Tagesticket oder mehrere Einzeltickets günstiger sind. Darüber hinaus werden bei der Pisa-Studie ja auch die Rahmenbedingungen des Lernens angeschaut. Etwa: Wie viele Schulformen gibt es für 15-Jährige? Welche Sprachen sprechen sie? Wie ist die familiäre Situation?
Abgefragt wird auch die Lernmotivation – die ja durchaus hoch ist.
Ja, genau. Schülerinnen und Schüler gehen gerne zur Schule. Das ist eine wichtige Botschaft und die erste Voraussetzung dafür, dass man gut und leicht lernt.
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Wenn es nicht an den Jugendlichen selbst liegt: Worin sehen Sie denn die Ursachen für die schlechten Basiskompetenzen?
Ich glaube, dass da sehr viele Gründe zusammenkommen. Wir leben in einer sehr dynamischen Zeit mit vielen Krisen. Studien zeigen: Jugendliche haben diverse Zukunftssorgen. Wer hört uns zu? Wer nimmt uns ernst? Vergisst uns die Politik? Die Schule muss all dem gerecht werden, hat aber als Institution selbst Probleme. Renovierungsstau herrscht nicht nur bei der Deutschen Bahn – auch an Schulen. Es fehlt an Personal, Lehrermangel ist ein großes Thema. Die Ausstattung ist räumlich und materiell teilweise mangelhaft. Wenn man vor dem Unterricht erst einmal schauen muss, ob es überhaupt Klopapier auf der Toilette gibt, schränkt das natürlich den Fokus auf das eigentliche Unterrichten ein. Daneben ist auch Schulabsentismus ein massives Problem, also dass Schülerinnen und Schüler regelmäßig oder längerfristig von der Schule fernbleiben. Lange wurde das politisch nicht beachtet. All das muss aufgefangen werden – von Lehrkräften, Schulsozialarbeiterinnen und -arbeitern, aber auch von Eltern. Das System lagert bereits Aufgaben in die Elternhäuser aus, die dort nicht hingehören. Beispielsweise wird neuer Unterrichtsstoff zum Teil über Hausaufgaben erarbeitet. Das darf nicht sein.
Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie? Hat sie das Bildungswesen nachhaltig verändert?
Sie ist auf keinen Fall spurlos an uns vorbeigegangen. Aber sie ist nicht die alleinige Erklärung für alles, was schiefläuft. In anderen Ländern zum Beispiel wurden teilweise andere Strategien verfolgt und die Folgen besser aufgefangen. Man war besser darauf vorbereitet. Es konnte etwa mühelos auf digitalen Unterricht umgestiegen werden, weil das bereits in den Routinen und auch in der Ausstattung verankert war. Deutschland dagegen hatte damit größere Probleme.
Die Ergebnisse sind schon eine Katastrophe – allerdings eine, die sich bereits angedeutet hatte.
Christine Sälzer,, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Lüneburg
Die Bundesbildungsministerin macht auch Social Media und Bildschirmzeit für das schlechte Abschneiden verantwortlich. Hat sie recht?
Social Media und Bildschirmzeit tragen sicherlich dazu bei, weil wir uns daran gewöhnen, schnell durch Inhalte zu wischen, Informationen kurz aufzunehmen und ebenso schnell wieder zu vergessen. Die Screen-Inferiority-Hypothese zeigt zudem, dass gerade jüngere Menschen Texte auf Papier konzentrierter und besser lesen als am Bildschirm. Danach hängt es stärker von der Textsorte und davon ab, womit man seine Zeit am Bildschirm verbringt. Und auch Konzentration ist eine Fähigkeit, die man trainieren kann. Bildschirmzeit und Social Media allein reichen daher als Erklärung nicht aus.
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Nach dem ersten Pisa-Schock ging es zunächst bergauf. Können wir das wieder schaffen?
Ich glaube schon. Es wurde auch bereits einiges unternommen, etwa mit dem Startchancen-Programm der Bundesregierung. Das ist endlich ein Ansatz, bei dem die Mittel nicht mehr mit der Gießkanne verteilt werden. Denn im internationalen Vergleich investieren wir durchaus viel in Bildung, verteilen das Geld aber nicht so, wie es für mehr Chancengleichheit notwendig wäre. Gleichzeitig müssen die Schulen keine aufwendigen Antragsverfahren durchlaufen. Damit haben auch solche Schulen eine Chance, die angesichts ihrer vielen Probleme sonst gar keine Kapazitäten hätten, Anträge zu stellen. Bisher lassen sich keine Effekte feststellen, weil das Programm noch nicht lange genug läuft. In ein paar Jahren werden sie aber sichtbar sein. Wichtig ist jetzt vor allem, dass wir die Ergebnisse nicht einfach betroffen zur Kenntnis nehmen und dann weitermachen wie bisher. Bildung muss Priorität haben – und zwar bis hoch ins Bundeskabinett.
Christine Sälzer,, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Lüneburg