Die AfD will weniger Zuwanderung – Sachsen-Anhalts Wirtschaft braucht mehr

Das ostdeutsche Bundesland altert und schrumpft, ausländische Fachkräfte sind deswegen zentral für die Zukunft. Restriktive Migrationspolitik könnte den Standort zusätzlich schwächen

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Die AfD will weniger Zuwanderung – Sachsen-Anhalts Wirtschaft braucht mehr

Das ostdeutsche Bundesland altert und schrumpft, ausländische Fachkräfte sind deswegen zentral für die Zukunft. Restriktive Migrationspolitik könnte den Standort zusätzlich schwächen

Andreas Danzer

Die AfD macht kein Geheimnis daraus, wen sie im Land haben möchte bzw vor allem, wen sie nicht im Land haben möchte. Das lässt sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutieren. Spannend ist es etwa aus Arbeitsmarktsicht. Im Wahlprogramm für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt der Partei heißt es "auf kulturfremde Fachkräfte verzichten!" Das überrascht grundsätzlich wenig, doch eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zeigt, wie groß der Bedarf ausländischer Arbeitskräfte in dem ostdeutschen Bundesland bereits ist.

Laut IWH stammt ein Fünftel aller Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland, in der Gastronomie ist es jeder Dritte und in der für das Bundesland wichtigen Lebensmittelherstellung sind es mehr als 40 Prozent. Verstärke sich die ausländerfeindliche Stimmung im Land noch weiter, könne das viele Fachkräfte abschrecken – wodurch tausende Stellen unbesetzt bleiben und Wohlstand verloren gehen dürfte, heißt es beim IWH. Davor warnt auch Marcel Fratzscher. Er ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und schreibt in einer Kolumne in der Zeit: "Die AfD-Migrationspolitik würde Sachsen-Anhalt große Probleme schaffen. Sachsen-Anhalt ist ein überalterndes Bundesland und in Gesundheitsversorgung, Handwerk, Verwaltung, Bildung und Industrie stark auf zusätzliche Arbeitskräfte, auch aus dem Ausland, angewiesen".

Blick auf die beleuchteten Anlagen der Total Energies Raffinerie im Chemiepark Leuna bei Nacht. Im Vordergrund befinden sich mehrere große, runde Tanks, während im Hintergrund zahlreiche industrielle Strukturen und das Kraftwerk Schkopau zu sehen sind.
Der Chemiepark Leuna ist einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte in Sachsen Anhalt, dort arbeiten rund 15.000 Menschen in mehr als 100 Unternehmen.

Hohe Arbeitslosigkeit

Wie steht es generell um den Standort Sachsen-Anhalt? So viel vorab, es ist ein wirtschaftlich herausforderndes Terrain. Die Bevölkerung schrumpft und altert schneller als in anderen Bundesländern, was den Fachkräftemangel verschärft. Die Arbeitslosenquote lag im August bei 8,2 Prozent und damit über dem deutschen Schnitt von 6,5 Prozent. Auch Löhne und verfügbare Einkommen liegen weiterhin klar unter dem bundesweiten Niveau. Knapp 52.000 Euro stehen rund 65.400 Euro gegenüber. Neben den beiden größeren Städten Magdeburg und Halle sind viele Regionen sehr ländlich geprägt und dünn besiedelt.

Die Unternehmensstruktur ist geprägt von kleinen und mittelständischen Betrieben, die wichtigsten Branchen sind Chemie, Energie Lebensmittel und Autozulieferer. Sie alle leiden unter den hohen Energiepreisen, doch das ist kein ostdeutsches, sondern ein globales Problem. Den Autozulieferern setzt naturgemäß der schwächelnde deutsche Automarkt und besonders die Krise von VW zu. Trotz starker Chemie ist der größte Arbeitgeber laut der Norddeutschen Landesbank kein Industriekonzern, sondern mit mehr als 8000 Beschäftigten die Deutsche Bahn.

Kostenvorteile

Sachsen-Anhalt hat aber auch seine Vorzüge, so bringt die dünne Besiedelung beispielsweise Kostenvorteile. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die Lebenshaltungskosten untersucht und kommt zum Ergebnis, dass sie in keinem anderen deutschen Bundesland so niedrig sind. Ein repräsentativer Warenkorb ist rund sieben Prozent günstiger als im restlichen Land – vor allem wegen der vergleichsweise niedrigen Wohnkosten. Den Menschen bleibt damit mehr Geld zum Leben. Für die Wirtschaftsforscher ist das ein Argument, um Fachkräfte ins Land zu holen. Hinzu kommen günstige Flächen und eine vergleichsweise gute Infrastruktur für neue Betriebe.

Daimler Truck weiß diese Vorteile für sich zu nutzen, eröffnete im Sommer 2025 in Halberstadt ein Logistikzentrum und investierte rund 500 Millionen Euro. Von dort aus versorgt der Lkw-Konzern Kunden weltweit mit Ersatzteilen. Doch Standortvorteile allein reichen nicht, wenn politische Unsicherheit Investitionen und Zuzug bremst. Studien zeigen, dass politische Stabilität und Verlässlichkeit Investitionsentscheidungen beeinflussen. Eine 2026 im Socio-Economic Review veröffentlichte Untersuchung von 182 Ländern seit 1945 nennt neben politischer Stabilität auch Regulierung, Eigentumsschutz, Infrastruktur und Genehmigungsverfahren als wichtige Faktoren.

Manager warnen

Gerade beim Thema Fachkräfte droht Sachsen-Anhalt deshalb ein Problem. "Angesichts des Wahlprogramms ist zu erwarten, dass bei einer Regierungsübernahme der AfD das Bundesland als Standort für Fachkräfte und Unternehmen deutlich an Attraktivität verlieren würde. Ohne Zuzug von außen werden deshalb bald viele Fachkräfte fehlen", sagte die Chefin der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, dem Kölner Stadt-Anzeiger. "Und ohne ausreichend Fachkräfte bleiben dringend benötigte Investitionen aus."

Auch Siemens-Energy-Chef Christian Bruch bezeichnete die Wirtschaftspolitik der AfD als "absolut kritisch". Ähnlich äußerten sich unter anderem Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, Bundesbank-Präsident Joachim Nagel und Bahlsen-Chef Alexander Kühnen. (Andreas Danzer, 6.9.2026)

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