Die beeindruckende Geschichte von St. Agatha: Gotteslästerung oder Meisterwerk? Was die Merchinger Kirche so besonders macht
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Die beeindruckende Geschichte von St. Agatha Gotteslästerung oder Meisterwerk? Was die Merchinger Kirche so besonders macht
Merchingen · Sie wurde als „Gotteslästerung“ beschimpft. Heute gilt St. Agatha in Merchingen als Meilenstein moderner Kirchenarchitektur. Was macht den Bau so einzigartig?
30.08.2026 , 14:04 Uhr
St.Agatha fügt sich harmonisch im Dorf Merchingen ein. Unter der Mithilfe vieler Merchinger entstand ein moderner Sakralbau, der Architekturgeschichte geschrieben hat.
Foto: Barbara Kutsch
Die Merchinger Pfarrkirche St. Agatha liegt mitten im Ort und fügt sich harmonisch in Landschaft und angrenzende Häuser ein. Sie wurde ab 1929 von dem Wiener Baumeister Clemens Holzmeister (1886 in Fulpmes, Österreich) erbaut. In Merchingen errichtete er erstmals eine christliche Kirche in moderner Bauweise auf heutigem deutschem Boden.
Damals war Holzmeister bereits ein international renommierter Architekt, Professor an der Wiener Akademie und seit 1927 Architekt für den ersten Präsidenten der Republik Türkei, Mustafa Kemal, ab 1934 Kemal Atatürk. Beim Aufbau der neu gegründeten Stadt Ankara baute er unter anderem das Verteidigungsministerium, das Generalstabsgebäude, später den Präsidentensitz und das türkische Parlament. International bekannt wurde er 1921 mit der Feuerbestattungshalle auf dem Wiener Zentralfriedhof.
Mit dieser Feuerbestattungshalle in Wien auf dem Zentralfriedhof gelang Clemens Hochmeister 1921 der Durchbruch als Architekt.
Foto: Willibald Wächter
Eine Kirche zwischen Kritik und Anerkennung
Jahre später sorgte die Merchinger Kirche in katholischen Kreisen für Gesprächsstoff. Die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ bezeichnete das neue Gotteshaus 1930 als „Gotteslästerung“ und „ein großes Bauernhaus mit Scheune“. Zugleich wurde die Dorfkirche bald nach ihrer Erbauung zum Mekka für Architektur- und Theologiestudenten, da sie als richtungsweisend für die moderne Kirchenbaukunst galt.
Der damalige Pastor Johann Fritz Speicher hatte Kontakt zum Bruder des Baumeisters, einem Franziskaner im Kloster Hermeskeil, das Clemens Holzmeister ebenfalls 1930 errichtete. Die Überzeugungsarbeit für den modernen Kirchenbau war in Merchingen nicht leicht: Das Geld war knapp, viele Einwohner waren gegen einen Neubau. Letztlich gelang es Speicher, sie zu begeistern. Es wurde gespendet, und viele Gläubige leisteten Zuarbeit, auch mit Kuh- und Pferdegespannen. Der Briefwechsel zwischen dem avantgardistischen Architekten und dem modernen Pastor ist in der Chronik zur 75-Jahr-Feier nachzulesen.
Speicher schrieb: „Wir zählen 830 Seelen … ich wünsche einen Bau in modern-gemäßigten Formen, der im Innern einen schönen, freien Kirchenraum bietet und im Äußeren das Dörflein beherrscht und ihm eine charakteristische Note verleiht.“ Holzmeister antwortete: „Was die äußere Erscheinung betrifft, so war es mir darum zu tun, den schlichten Charakter des Ortes nicht durch einen Fremdkörper zu zerstören, sondern ihn anpassend aufzubauen und eine schlichte, aber eindrucksvolle Dominante zu schaffen.“
Der Innenraum wurde vom Architekten Clemens Holzmeister modern und ohne Barrieren zwischen Gemeinde und Priester gestaltet.
Foto: Barbara Kutsch
Ein Kirchenraum als theologisches Programm
Fast hundert Jahre nach dem Neubau erinnerte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit einer Informationsveranstaltung in der Kirche an die Einmaligkeit des Baus. Die Stiftung ist die größte private Initiative für Denkmalpflege in Deutschland. Ihr Engagement reicht von der Notfallrettung gefährdeter Denkmale bis zur bundesweiten Aktion „Tag des offenen Denkmals“. Das Ortskuratorium in Saarbrücken leitet Prof. Markus Otto.
„Stellen Sie sich die Zwanzigerjahre vor: Für Sakralbauten war der vorherrschende Baustil die Neogotik. Davon gibt es im Saarland so viele, dass man sie kaum auseinanderhalten kann“, sagt Otto. Doch das architektonische Einfühlungsvermögen in Dorf und Landschaft ist nur ein Teil des Besonderen. Willibald Wächter, Vorsitzender des Fördervereins, erläuterte bei einer Führung das theologische Konzept: Als engagierter Katholik und an einer liturgischen Reformbewegung interessiert, war Holzmeister überzeugt, dass Priester und Gemeinde bei der Eucharistiefeier eine Einheit bilden müssen.
Der Hauptaltar ist neun Stufen erhöht und wird von einem Lichtturm beleuchtet; nichts trennt ihn von den Gottesdienstbesuchern. Säulen, Zierrat und Nebenaltäre lenken den Blick nicht ab. Für Fenster und Malereien gewann Holzmeister Künstlerinnen und Künstler, die an vielen seiner Bauten mit ihm arbeiteten. Den Ausbau vom Dachstuhl bis zum Taufstein übernahmen lokale Handwerker.
Holzmeisters Weg und ein weiteres Werk im Saarland
Das Werksverzeichnis von Clemens Holzmeister umfasst über 700 Arbeiten. Willibald Wächter hat als Vorsitzender des Merchinger Fördervereins etwa 200 davon besucht, und seine Reise geht weiter. 1933 verlor Holzmeister zunächst seine Professur in Düsseldorf, 1938 musste er in die Türkei emigrieren. Laut Österreichischem Biographischem Lexikon führte er in Istanbul ein offenes Haus, das zu einem legendären Treffpunkt für Auslandsdeutsche, Emigranten und Besucher aus vielen Ländern wurde. Als Mitglied des ultrakonservativen Ständestaates (1934–1938) war er ein scharfer Kritiker der Nationalsozialisten. Erst 1954 kehrte er nach Österreich zurück; später baute er etwa das neue Festspielhaus in Salzburg.
Im Kreis Merzig-Wadern gibt es eine weitere Kirche mit seiner Handschrift: St. Maria Magdalena in Merzig-Brotdorf. 1932 erweiterte Holzmeister die aus dem 17. Jahrhundert stammende Kirche und integrierte Teile des alten Baus. Das Mauerwerk der alten Kirche ist verputzt, das der neuen Teile hingegen nicht. (sou/nic)