Krebs: Ärztin über Bauchfellkrebs – „Beschwerden oft unspezifisch“

KI-Stimme. InfoKnapp eine halbe Million Menschen erkrankt in Deutschland jährlich an Krebs. Bauchfellkrebs gilt als eine der Arten, die besonders schwerwiegend sind. Behandelt werden Betroffene mitunter in eine...

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Krebs: Ärztin über Bauchfellkrebs – „Beschwerden oft unspezifisch“

KI-Stimme. Info

Knapp eine halbe Million Menschen erkrankt in Deutschland jährlich an Krebs. Bauchfellkrebs gilt als eine der Arten, die besonders schwerwiegend sind. Behandelt werden Betroffene mitunter in einem von wenigen zertifizierten Referenzzentren für bösartige Tumore des Bauchfells in der Charité Berlin. Şafak Gül ist leitende Chirurgin des Zentrums. Die Redaktion hat die Oberärztin auf dem Klinikcampus zum Interview getroffen.

Vor wenigen Jahren bedeutete die Diagnose Bauchfellkrebs noch den sicheren Tod. Auch heute ist eine Heilung nicht möglich, oder?

Dr. Şafak Gül: Es hat sich seit Beginn der Bauchfellkrebs-Chirurgie sehr viel verändert. Entscheidend ist, dass wir heute unter diesem Begriff kein einzelnes Krankheitsbild, sondern unterschiedliche Tumorerkrankungen zusammenfassen und behandeln. An unserem chirurgischen Referenzzentrum entscheiden wir anhand des ursprünglichen Tumors, der Bauchfellkrebs-Ausdehnung und des bisherigen Krankheitsverlaufs in Expertendiskussionen, also Tumorkonferenzen, über die Art der Behandlung. Wir arbeiten hierbei eng mit dem Charité Comprehensive Cancer Center zusammen.

Bauchfellkrebs ist eine ernst zu nehmende Diagnose und die Behandlung zielt auf das Aufrechterhalten oder das Verbessern der Lebensqualität ab und will die Lebenszeit verlängern.

Eine Heilung scheint das aber nicht zu sein …

Die Patienten kommen oft mit der Sorge, dass sie sterben müssen. Eine Heilung lässt sich pauschal weder versprechen noch ausschließen. Die Prognose hängt unter anderem von der Tumorart, ihrer Biologie, der Ausdehnung des Bauchfellkrebses, dem Ansprechen auf Therapien und von der Option einer vollständigen operativen Tumorentfernung ab.

Wichtig ist, die Einschätzung eines spezialisierten, zertifizierten Zentrums zu erhalten. Eine Heilung, die Verlängerung der Lebenszeit als solche, kann durch eine erfolgreiche umfassende Operation erreicht werden. Und sollte von einer strukturierten Nachsorge begleitet werden.

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Bauchfellkrebs: Wie die Krebserkrankung entsteht

Lassen Sie uns einmal die Grundlagen klären. Was ist denn das Bauchfell überhaupt?

Das gesunde Bauchfell ist eine sehr dünne und glatte Schicht. Sie kleidet zum einen den Bauchinnenraum aus und überzieht gleichzeitig als dünne Haut einen großen Teil der Bauchorgane. Das Bauchfell des Bauchinnenraums und das der Organe gehen ineinander über und bilden somit einen zusammenhängenden Raum. Diese Oberfläche ermöglicht im gesunden Zustand, dass sich die Organe gegeneinander bewegen und aneinander vorbeigleiten können.

Dort kann dann Krebs entstehen?

Die Tumorzellen, die in diesen Raum gelangen, können entlang dieser Oberfläche wandern, sich verteilen und sich an den unterschiedlichsten Stellen ansiedeln. Der Begriff Bauchfellkrebs umfasst diverse Krebsarten, die sekundär auf das Bauchfell streuen oder eben direkt ihren Ursprung am Bauchfell haben. Häufig handelt es sich um Ansiedlungen eines Tumors, der seinen Ursprung an einem anderen Organ hat, beispielsweise am Magen oder Dickdarm. Es gibt auch gutartige Veränderungen des Bauchfells. Natürlich kann der Ursprung auch unmittelbar vom Bauchfell selber ausgehen. Das ist noch einmal mehr ein Grund, warum eine operative Untersuchung und Einschätzung an einem spezialisierten Zentrum entscheidend ist.

Wie wirken sich die unterschiedlichen Erkrankungen auf die Behandlung aus?

In den Aufklärungsgesprächen erkläre ich meinen Patienten immer das Gesamtbild meiner Arbeit: Erst müssen alle relevanten Informationen zur Krebserkrankung vorliegen und der individuelle Krankenverlauf berücksichtigt werden, um dann daraus Therapiekonzepte ableiten zu können. Das ist sehr anspruchsvoll und herausfordernd.

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Inwiefern?

Die Bauchfell-Chirurgie erfordert, dass ich den gesamten Bauchraum behandeln kann. Bauchfellkrebs hat viele unterschiedliche Gesichter und muss in all seinen Erscheinungsformen erkannt werden. Sein biologisches Verhalten zeigt gewisse parasitäre Eigenschaften. Er kann sich in Nischen festsetzen und nach dem Einnisten unbemerkt vor sich hin wachsen. Abgesehen davon, dass er jedes Mal unterschiedlich aussehen kann, bedeutet das für mich während der Operation, dass ich jeden Abschnitt des Bauchraums genau inspizieren muss. Das kann dazu führen, erkranktes Bauchfell und auch Anteile anderer Organe zu entfernen.

Krebs: Diese Krebsarten können in den Bauchraum streuen

Gibt es Krebserkrankungen, die häufiger als andere auf das Bauchfell streuen?

Ja, gibt es, und gleichzeitig ist das Verteilungsmuster bei jeder Tumorart anders. Magen-, Eierstock- oder Dickdarmkrebs haben eine besondere Beziehung zum Bauchfell. Leber- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs können ebenfalls in den Bauchraum streuen und Bauchfellkrebs auslösen. Es können zwei Menschen den gleichen Krebs mit Bauchfellkrebs haben und trotzdem können die Erkrankung und der Krankheitsverlauf vollkommen unterschiedlich ablaufen.

Über Bauchfellkrebs ist öffentlich nicht viel bekannt. Eine genaue Diagnose klingt schwierig …

Bauchfellkrebs kann sich der Bildgebung, einem CT oder MRT, entziehen. Eine operative Bauchspiegelung des Bauchinnenraums ist daher essenziell, um eine nachhaltige und aussagekräftige Einschätzung über den Bauchinnenraum zu erhalten, Gewebeproben zu entnehmen und die Ausdehnung zu erfassen. Wirklich sicher beurteilen lässt sich der Bauchinnenraum mit einer chirurgischen operativen Spiegelung. Das ist der erste Schritt vor der großen, komplexen Krebsoperation.

Gibt es eine konkrete Angabe, wie viele Menschen betroffen sind?

Im Krebsregister der Bundesländer werden die primären Krebsarten erfasst, etwa Darmkrebs. Hier werden dann auch die Metastasen, wie der Bauchfellkrebs, aufgeführt, aber eben nicht als eigenständige Diagnose.

Die Charité – Universitätsmedizin bietet viermal im Jahr öffentliche Sonntagsvorlesungen an. Dort können sich alle Interessierten seriös und wissenschaftlich fundiert über wichtige medizinische Themen informieren. Die Berliner Morgenpost, Teil der FUNKE Mediengruppe, begleitet die Veranstaltungsreihe in einer Kooperation mit der Charité redaktionell und berichtet ausführlich über das jeweilige Thema. Bei der nächsten Sonntagsvorlesung am 13. September um 14 Uhr mit Priv.-Doz. Dr. med. Şafak Gül und Lava Truckenmüller geht es um Bauchfellkrebs und wie hoch die Anforderungen bei der Behandlung an das gesamte Operationsteam sind. Die Veranstaltung wird zudem aufgezeichnet und kann im Anschluss über die Website der Charité oder Youtube nachgehört werden.
(Zur Sonntagsvorlesung: Hörsaal Innere Medizin, Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1, Geländeadresse: Sauerbruchweg 2, Eintritt frei.)

Symptome: Bauchfellkrebs kann unterschiedliche Beschwerden verursachen

Was sind klassische Symptome?

Leider sind die Beschwerden oft unspezifisch und viele Menschen haben oft gar keine. Mögliche Symptome sind eine Zunahme des Bauchumfangs, Leisten- oder Nabelbrüche durch unverhältnismäßig viel Bauchwasser, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Bauch- oder Rückenschmerzen sowie Veränderungen des Stuhlgangs, oder der Nahrungstransport ist verlangsamt. Zudem können Gewichtsverlust und Erschöpfung auftreten. Keines dieser Symptome beweist aber für sich allein eine Tumorerkrankung. Bei anhaltenden oder vor allem zunehmenden Beschwerden sollte die Ursache unbedingt ärztlich abgeklärt werden.

Sie leiten das Referenzzentrum für bösartige Tumore am Bauchfell an der Charité am Campus Virchow-Klinikum. Wie viele Patienten behandeln Sie?

In einer vollen Sprechstunde, die immer montags stattfindet, sehe ich ungefähr 20 Patientinnen und Patienten, manchmal auch deutlich mehr. Darunter sind Erstvorstellungen, Verlaufskontrollen und komplexe Zweitmeinungen. Viele Patienten sind auch überregional oder aus dem Ausland. Hinter allen Unterlagen, die ich sichte, steht vor allem ein Mensch mit Sorgen, Beschwerden und Hoffnung. Ein Mensch, der Orientierung braucht und offene Fragen hat.

OP-Management in der Charité

Blick in einen Operationssaal in der Charité während einer OP. © FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Das wären rund 1000 Patienten pro Jahr. Was sind das für Menschen, die da kommen – welche Schicksale bringen sie mit?

Sie bringen Ängste, Sorgen und Eindrücke ihrer bisherigen Gespräche und Krankheitsverläufe mit, die oft wenig Aussicht auf eine Zukunft geboten hatten. Sie hoffen, bei uns am Zentrum eine spezialisierte Einschätzung zu bekommen und durch spezialisierte Behandlung profitieren zu können. Da ist kein ausschließlich routinierter ärztlicher Blick gefragt, sondern auch Einfühlsamkeit und vor allem Zeit und die Kunst des Zuhörens. Die Menschen kennen ihre Diagnose schon und haben oftmals einen hohen seelischen Druck. Viele Patienten setzen sich mit dem Gedanken auseinander, bald sterben zu müssen.

Worauf legen Sie im Umgang großen Wert?

In meiner Kommunikation arbeite ich mit hoffnungstragender Ehrlichkeit, Klarheit, Zuwendung und Respekt. Die Hoffnung bleibt, immer, und gleichzeitig soll keine falsche Sicherheit transportiert werden. Empathie ist für mich Voraussetzung und ein wesentlicher Aspekt, der die medizinische Präzision abrundet.

Therapie: Nicht immer rät die Ärztin zu einer Operation

Wie gehen Sie bei der Behandlung genau vor?

Es gibt keine statische Therapie-Abfolge, die für die Behandlung aller Bauchfellmetastasen als Schablone anwendbar ist. Der gesamte Krankenverlauf muss im Vorfeld akribisch vorbereitet und bestens bekannt sein. Dazu gehören OP-Berichte, Entlassungsberichte und Übersichten bisheriger Therapien. Die Tumorart entscheidet, ob systemische Behandlungen – also Chemotherapie, Antikörpertherapie, Immuntherapie oder zielgerichtete Medikamente – im Vordergrund stehen. Bei ausgewählten Patientinnen und Patienten kann eine operative Entfernung des Tumors sinnvoll sein. Ebenso wichtig sind eine gute Symptomkontrolle, Ernährungstherapie, Schmerztherapie und psychologische Unterstützung.

Wie läuft eine operative Entfernung ab?

Wir entfernen alle erkennbaren Tumorherde und das sichtbar befallene Bauchfell. In bestimmten Fällen wird das gesamte Bauchfell entfernt. Falls notwendig, werden auch betroffene Organteile entfernt. Wichtig ist, dass der Patient im Vorfeld über das potenzielle Ausmaß gut aufgeklärt ist. Bei ausgewählten Tumorarten kann nach einer erfolgreichen Operation mit einer erwärmten Chemotherapie-Lösung der Bauchraum gespült werden. Dabei sollen mögliche verbliebene Tumorzellen erreicht werden.

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Wie lange dauert eine OP?

Das lässt sich nach einer guten OP-Vorbereitung im Vorfeld abschätzen und wird während der Operation beantwortet. Eingriffe, bei denen Tumorzellen reduziert werden sollen, dauern oft mehrere Stunden. Je mehr Bauchfell befallen ist, desto länger dauert die Operation. Die Dauer allein ist aber kein Qualitätsmerkmal. Entscheidend sind Sicherheit, Präzision und ein klarer operativer Plan. Für mich ist das eine körperliche und geistige sportliche Hochleistung und kein Sololauf. Diese Operationen gelingen nur im Zusammenspiel eines Teams, gebildet von einem spezialisierten Team aus OP-Schwestern, ärztlichen Kollegen mit dem Schwerpunkt Bauchfell-Chirurgie, der Anästhesie, der OP-Pflege, Intensivmedizin, Pathologie und dem OP-Management und auch den medikamentösen Onkologen.

Das zeigt, wie aufwendig es ist, Bauchfellkrebs zu operieren …

Ja, und die eigentliche Qualität beginnt schon vor der Operation. Mit der Auswahl der Patientinnen und Patienten, der Diagnose und spezialisierten Einschätzung im Rahmen der Bauchspiegelung und der Planung einer fachübergreifenden Behandlung. Ein erfahrenes Zentrum muss das komplexe Operieren und auch das Management von Komplikationen beherrschen, die Nachsorge strukturieren und Zugang zu Studien ermöglichen. Spezialisierung präsentiert sich dadurch, die richtigen Patienten zu filtern und zu erkennen und dann zum richtigen Zeitpunkt zu operieren. Das bedeutet auch, in bestimmten Fällen klar von einer Operation abzuraten, wenn sie keinen sinnvollen Vorteil für den Patienten verspricht.