Die „freie Welt" schrumpft

Michael Ignatieff Die „freie Welt" schrumpft Die USA hat unter Trump das Ideal verraten und seiner fixen Idee von Protektionismus geopfert. Vor allem Europa und Kanada sind die Überbleibsel, auf denen ...

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Die „freie Welt" schrumpft

Michael Ignatieff

Die „freie Welt" schrumpft

Die USA hat unter Trump das Ideal verraten und seiner fixen Idee von Protektionismus geopfert. Vor allem Europa und Kanada sind die Überbleibsel, auf denen die Verantwortung lastet

Kommentar der anderen

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Michael Ignatieff

Wer alt genug ist, um sich an den Kalten Krieg zu erinnern, wird auch einen imaginären Ort namens "freie Welt" in Erinnerung haben. Dort sahen sich die im Westen lebenden Menschen verortet, während Osteuropäer, Russen und Chinesen hinter Stacheldraht lebten.

Eine Silhouette einer Person mit erhobenen Händen vor einem wolkenbedeckten Himmel.
Hält nichts von Partnerschaften – außer sie nutzen seinen Interessen: US-Präsident Donald Trump

Diese Beschreibung entsprach teilweise der Wahrheit, insoweit es tatsächlich Stacheldraht gab und außerhalb der kommunistischen Welt eine gewisse Freiheit herrschte. Doch insgesamt war diese Darstellung eine Lüge. Schließlich gehörten zur freien Welt auch der Iran unter dem Schah, Chile unter Augusto Pinochet und Spanien unter Francisco Franco. Diese Länder waren alles andere als frei, doch weil sie antikommunistisch waren, wurde ihnen die Mitgliedschaft in diesem Klub gewährt. Unterdessen verkündete der Anführer des Klubs, die Vereinigten Staaten, immer wieder, wie frei doch das Land sei, obwohl man den eigenen schwarzen Bürgern im amerikanischen Süden bis 1965 das Wahlrecht verwehrte.

"Heute gleichen wir Trauernden bei einer quälend langen Beerdigung."

Mit anderen Worten: Die freie Welt war eine edle Lüge. Sie half uns dabei, uns die Welt vorzustellen, in der wir leben wollten, und sie half US-Präsidenten von John F. Kennedy bis Ronald Reagan, bedeutende Tatsachen zu formulieren – etwa, dass die Berliner Mauer eine moralische Abscheulichkeit und keinesfalls ein Faktum des Lebens sei, das wir einfach hinzunehmen hätten. Und sie hatten recht. Die freie Welt half den besten Menschen auf "unserer" Seite, Bande der Solidarität mit den besten Menschen auf der "anderen Seite" zu knüpfen – von sowjetischen Dissidenten und den Helden der polnischen Solidarność bis zu den Initiatoren der Charta 77 in der Tschechoslowakei.

Kein ferner Traum

In den 1970er- und 1980er-Jahren wussten die Menschen in Portugal, Spanien und Griechenland, dass die freie Welt eine Lüge war, denn die Nato und Amerika hatten sich mit ihren Regimes verbündet, um ihnen die Freiheit zu verweigern. Als sie diese Tyranneien stürzten, taten sie dies auch, um sich jener freien Welt anzuschließen, die ihnen versprochen, aber verwehrt worden war. Und als 1989 schließlich die Berliner Mauer fiel, kam uns die freie Welt nicht mehr wie ein ferner Traum vor.

Diese Tage der Euphorie sind mittlerweile nur noch eine entfernte Erinnerung. Heute gleichen wir Trauernden bei einer quälend langen Beerdigung. Der Niedergang der freien Welt begann schon kurz nach 1989. Die Völker des Balkans sehnten sich danach, ein Teil dieser freien Welt zu werden, doch als sich in den 1990er Jahren die Gelegenheit bot, bescherten ihnen ihre nationalistischen Eliten eine Mischung aus Herrschaft der ethnischen Mehrheit und ethnischer Säuberung der Minderheiten.

In ähnlicher Weise nutzten die russischen Eliten Anfang der 1990er-Jahre den chaotischen Zusammenbruch des Sowjetimperiums zu ihrer eigenen Bereicherung. Die Demokratie starb inmitten des Chaos, des institutionellen Zerfalls und grassierender Korruption. Als Wladimir Putin an die Macht kam, löschte er die Flamme der Freiheit aus.

Zusammenbruch der Ordnung

US-Präsidenten – von George H. W. Bush bis Joe Biden – und ihre europäischen Verbündeten taten weiterhin so, als glaubten sie, die freie Welt anzuführen. Die amerikanische Rhetorik ließ viele Menschen im Irak und in Afghanistan glauben, dass auch sie mithilfe von außen Teil davon werden könnten. Doch dieser Traum endete mit dem Zusammenbruch der Ordnung im Irak und dem chaotischen Rückzug der Amerikaner aus Afghanistan.

Nun liegt die freie Welt auf dem Sterbebett, und ein US-Präsident versetzt ihr den tödlichen Schlag. Es gibt kaum einen heute lebenden Tyrannen oder Autokraten, den Donald Trump nicht lobpreist, und kaum einen Verbündeten der USA, den er nicht zu erpressen versucht. Er bauscht seine Freundschaft zu dem verabscheuungswürdigen Tyrannen Nordkoreas auf, während er die US-Militärmanöver in Südkorea mit Amerikas bisher geschätztem, demokratischem Verbündeten herabstuft. Er behandelt den Staatschef der demokratischen, um ihr Überleben kämpfenden Ukraine mit offener Verachtung.

Politischer Vandalismus

Wäre dieser politische Vandalismus das Werk eines einzelnen Mannes, könnten wir uns eine sichere Rückkehr zu den Idealen der freien Welt irgendwann nach 2028 vorstellen. Doch die Realität präsentiert sich düsterer. Die Vorstellung, Amerika solle sich für freie Völker stark machen, ist in der amerikanischen öffentlichen Meinung so sehr in Verruf geraten, dass Trumps eklatanter Verrat an den Verbündeten im Kongress oder bei den Wählern kaum einen Hauch von Empörung hervorruft. Die Zwischenwahlen im November werden von den Benzinpreisen entschieden werden und nicht durch Amerikas Verrat an den Idealen, die eigentlich seit dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage seiner Außenpolitik bilden sollten.

Wo bleiben da nun Mittelmächte wie Kanada und die Europäer? Sie setzen sich nach wie vor für Freiheit jenseits ihrer Grenzen ein und halten an ihrem Engagement für die Ukraine fest, während sich Amerika zurückzieht. Ihre oberste Priorität muss nun jedoch darin bestehen, ihr eigenes Überleben in einer Welt prinzipienloser Aggressoren zu sichern.

Realität erkennen

Wenn Verbündete keine gemeinsame Identität als Teil der freien Welt mehr haben, bleibt nur noch die Frage, wer sich durchsetzt und wer sich unterwirft. Kanada ist der erste Verbündete der USA, der diese unerfreuliche Wahrheit erfahren musste. Premierminister Mark Carney brach die Handelsverhandlungen mit der Trump-Regierung ab, anstatt Kanadas Außenwirtschaftspolitik an die der USA anzupassen. Die Europäer loben Kanadas Mut, doch Mut ist manchmal einfach nur die Fähigkeit, die Realität zu erkennen.

In dieser neuen Realität ist jeder Staat auf sich allein gestellt. Jeder muss seine Schlüsselindustrien vor externem Wettbewerb schützen und gleichzeitig massive staatliche Mittel in die Infrastruktur investieren, die zur Aufrechterhaltung der globalen Wettbewerbsfähigkeit erforderlich ist. Alle Formen der Abhängigkeit können als Waffe eingesetzt werden, weshalb alle Abhängigkeiten in den Bereichen Lieferketten und Ressourcen Schwachstellen darstellen.

Trump hat die freie Welt einer fixen Idee von Protektionismus geopfert, die den Niedergang Amerikas als Imperium nicht aufhalten, sondern beschleunigen wird. Europa, Kanada und die Demokratien Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sind die Überbleibsel des alten Ideals. Auf ihnen lastet die Verantwortung, es am Leben zu erhalten. Im Kalten Krieg ermöglichte uns eine ähnliche Herausforderung den Entwurf einer besseren Welt. Das kann auch heute wieder gelingen und uns vor Augen führen, dass wir gemeinsame Werte – Freiheit und Demokratie – haben, nicht nur wirtschaftliche Interessen. (Michael Ignatieff, Copyright: Project Syndicate, 29.9.2026)

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