Seelische Abgründe: Die neue SRF-Serie «Blind» geht unter die Haut

Die neue SRF-Serie «Blind» ist eine Schauermär – aus dem wahren LebenFertig mit «Fascht e Familie»: Ein blinder Barkeeper sieht in die Abgründe der menschlichen SeeleDaniele Muscionico03.10.2026, 05.30 Uhr3 Les...

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Seelische Abgründe: Die neue SRF-Serie «Blind» geht unter die Haut

Die neue SRF-Serie «Blind» ist eine Schauermär – aus dem wahren Leben

Fertig mit «Fascht e Familie»: Ein blinder Barkeeper sieht in die Abgründe der menschlichen Seele

Daniele Muscionico03.10.2026, 05.30 Uhr

3 Leseminuten


Nathaniel Brenner (Sven Schelker), hier zusammen mit der Journalistin Milla Nova (Lia von Blarer), will eine schreckliche Tat melden.

Nathaniel Brenner (Sven Schelker), hier zusammen mit der Journalistin Milla Nova (Lia von Blarer), will eine schreckliche Tat melden.

Severin Nowacki / SRG

Das Warten hat ein Ende. Seit der Ausstrahlung der Krimi-Serie «Wilder» vor fast fünf Jahren sass das Schweizer Fernsehen mit seinen Eigenproduktionen erfolgsmässig gewissermassen auf dem Trockenen.

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Sowohl «Der Bestatter» als auch «Maloney» erregten das Interesse des Publikums bloss mässig. Ganz anders der unbotmässig humoreske «Tschugger»: Er kam durch die Hintertür und entpuppte sich als spontaner Überflieger.

Mit der neuen Thriller-Serie «Blind» will SRF nun alles richtig machen. Kein Blindflug mehr, sondern maximale Risikominimierung. Dazu zählen ein Top-Cast mit grosser Schweizer Beteiligung, nach dem sich auch deutsche Sender die Finger leckten.

Ein neues Gesicht kehrt heim

Wer kannte vor «Blind» beispielsweise die junge Schweizerin Deleila Piasko? Die deutschsprachige Theaterwelt verehrt sie, seit sie Mitglied des Wiener Burgtheaters wurde und an den Salzburger Festspielen im Stück «Jedermann» zweimal hintereinander die Buhlschaft verkörperte. In ihrer Heimat führt sie sich in einer Doppelrolle ein – als Opfer und psychisch verwirrte Täterin. Piasko ist das Gesicht der Serie und auch deren überragende Entdeckung.

Die Entführerin Hanna Kopernik (Deleila Piasko) kennt kein Erbarmen.

Die Entführerin Hanna Kopernik (Deleila Piasko) kennt kein Erbarmen.

Severin Nowacki / SRG

Zum Glücksfall für SRF zählt zudem die gleichnamige Romanvorlage. Der Berner Autorin Christine Brand gelang für hiesige Verhältnisse mit 130 000 verkauften Exemplaren auch international ein beachtlicher Erfolg. Als Autor der Adaption bürgte sodann der Zürcher Plinio Bachmann («Der Verdingbub») für einen klugen Zugriff.

Im Zentrum des sechsteiligen Falls steht die Entführung einer offenbar hochschwangeren Frau in der Bar des blinden Barkeepers Nathaniel Brenner (Sven Schelker). Er konnte die Gewalttat zwar nicht sehen, jedoch sie hören – und Schwangerschaft kann er sogar riechen. Seit dem Tag der Tat ist Nathaniel von der fixen Idee besessen, er müsse die Entführte finden.

Formal verfolgt der Film mehrere Ansätze: Er ist ein hochdosierter Psychothriller auf Speed, besitzt dunkelschwarzen Gothic-Groove und verbindet das alles mit True Crime aus der Schweiz. Christine Brand arbeitete und recherchierte nicht umsonst bei Schweizer Gerichten. Der reale Fall um den «Heiler von Bern», der zwischen 2001 und 2005 Menschen absichtlich mit HIV ansteckte, lebt in «Blind» noch einmal auf.

Berner Drama und Drastik

Die Schauermär in Parallelwelten, in denen Wahn und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind, spielt immerhin in einer versöhnlichen Kulisse. Recherchiert wird unter Berner Lauben; und wenn die Bundeshauptstadt regelmässig mit Drohnen im Überflug gefilmt wird, erzeugt das Postkartenstimmung.

In der Stadt ist Nathaniel der Täterschaft auf der Spur, ihm zur Seite stehen die überaus coole Journalistin Milla Nova (Lia von Blarer) sowie der frisch beförderte Kriminalpolizist Sandro Bandini (Nicola Perot), der sich in seinem Team beweisen muss. Die Typenwahl der Identifikationsfiguren ist clever, denn die Breite der Charaktere macht sie anschlussfähig für unterschiedliche Zuschauersegmente.

Das erste Problem für Nathaniel stellt sich noch in der Tatnacht: Auf der Polizeistation, wo er den Fall zur Anzeige bringen will, glaubt ihm niemand. Kein Wunder! Sein Auftritt im blutigen Hemd, torkelnd, wortlos und vor Erschöpfung nur mehr halb lebendig, ist symptomatisch für die Schwäche der gesamten Serie.

Statt dem starken Plot zu vertrauen, setzt die Regie auf Drastik. Doch das sinnlos verspritzte Kunstblut befleckt die starke Gesamtleistung nur minim. Dafür ist «Blind» in Bezug auf menschliche Abgründe – und die unscharfe Trennung von Wahn und Wirklichkeit – ganz einfach viel zu klarsichtig.

Blind: 6 Folgen à rund 55 Minuten auf Play SRF.

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