Die neue US-Sicherheitsstrategie: Amerika plant das Scheitern ein
Bild: Shutterstock.com Kritische Systeme sollen nicht mehr unverwundbar sein, sondern kontrolliert und "anmutig" versagen. Hat jemand Antifragilität gesagt? Die Trump-Administratio...
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Kritische Systeme sollen nicht mehr unverwundbar sein, sondern kontrolliert und "anmutig" versagen. Hat jemand Antifragilität gesagt?
Die Trump-Administration hat im August ihre National Security Science & Technology Strategy veröffentlicht. Auf 24 Seiten geht es um Künstliche Intelligenz, Quantencomputer, Hyperschallraketen, Biotechnologie, Kernenergie und den Weltraum.
Mittendrin steht ein Begriff, der in dieser Prosa auffällt und mehr über unsere Gegenwart verrät als manches Strategiepapier: "graceful degradation" – wörtlich "anmutige Degradation", angemessener übersetzt mit "kontrollierte Degradation".
Das Weiße Haus beschreibt damit ein Prinzip für den Aufbau kritischer Systeme. Vollständige Unverwundbarkeit sei "nur selten bezahlbar", heißt es in dem Dokument. Stattdessen sollen Infrastrukturen so gestaltet werden, dass sie unter Beschuss oder nach Naturkatastrophen nicht schlagartig kollabieren, sondern kontrolliert an Leistung verlieren. Die Sicherheitsstrategie nennt das eine Architektur, "die sich biegt, statt zu brechen".
Als Vorbild dient ausgerechnet die nukleare Triade: U-Boote in den Ozeanen, landgestützte Interkontinentalraketen und strategische Bomber. Ein Gegner müsste alle drei Systeme gleichzeitig ausschalten – kein einzelner technologischer Durchbruch genügt. Dieses Prinzip der Redundanz soll nun auf Stromnetze, Kommunikationssysteme und andere kritische Bereiche übertragen werden.
Antifragilität als Vorgänger
Der Grundgedanke ist nicht neu. Der Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb hatte ihn bereits 2012 in seinem Buch Antifragile (deutsch: Antifragilität, 2018) formuliert. Taleb unterschied zwischen dem Fragilen, das unter Belastung zerbricht, dem Robusten, das standhält, und dem Antifragilen, das durch Störungen sogar stärker wird.
Eine Rezension von Julian Baggini im Guardian veranschaulichte Talebs Idee damals mit einem ziemlich prosaischen Gewächs: der Ackerwinde. Zerreißt man beim Versuch, sie loszuwerden, ihre Wurzeln, können aus den Bruchstücken neue Pflanzen entstehen. Die Störung schwächt das System nicht. Sie vermehrt es.
Taleb selbst erklärte 2012 in einem Interview mit der Zeitung, seine Idee richte sich gegen die Illusion totaler Kontrolle: "Die Welt produziert Ereignisse, die wir nicht zuverlässig vorhersehen können." Statt jede Katastrophe antizipieren zu wollen, sollten Strukturen geschaffen werden, die mit dem Unvorhergesehenen umgehen können.
Unterschiede im Detail
Die Sicherheitsstrategie des Weißen Hauses geht allerdings nicht so weit wie Taleb. "Graceful degradation" bedeutet: Ein System darf schwächer werden, es darf nur nicht kollabieren. Antifragilität hingegen meint: Das System profitiert vom Schock.
Die Trump-Administration bleibt bescheidener. Sie plant den Schaden ein, will ihn aber kontrollieren. Das ist pragmatischer – und pessimistischer. Wo Taleb Wachstum durch Chaos sieht, akzeptiert Washington lediglich unvermeidbare Verluste.
Dass der Begriff überhaupt in ein offizielles Strategiepapier Eingang fand, markiert dennoch einen Wandel. Jahrzehntelang verkaufte die technische Moderne Fortschritt als zunehmende Beherrschung von Risiken.
Nun wird ein System nicht mehr nur für seinen Normalbetrieb entworfen, sondern auch für den Moment seines Versagens.
Popkultur als Echo
"Graceful degradation" gab es schon vor der neuen US-Strategie. Ende 2025 veröffentlichte der Musiker Joyeria eine gleichnamige EP. Ob diese Musik im Weißen Haus lief, ist unbekannt. Bekannter ist die Vorliebe des Hausherrn für das Gegenteil: "disgrace" und "disgraceful".
Bemerkenswert ist jedenfalls: Auch bei Joyeria geht es um Systeme, die beschädigt sind und trotzdem irgendwie weitermachen.
Das schönste Bild dafür ist banal: die kaputte Rolltreppe. Fällt ihr Mechanismus aus, hat sie ihre Funktion verloren. Aber sie wird nicht nutzlos. Sie ist jetzt eine Treppe.
Vielleicht steckt darin das zeitgemäßere Fortschrittsversprechen: Nicht mehr alles beherrschen zu können. Nicht verhindern zu können, dass Dinge kaputtgehen. Aber wenigstens dafür zu sorgen, dass die Rolltreppe danach noch eine Treppe ist.