Die Hautbarriere stärken, um Herz und Gehirn zu schützen

Die richtige Hautpflege schützt auch Herz und HirnHautprobleme sind weit mehr als ein kosmetisches Thema. Über chronische Entzündungsprozesse können Erkrankungen im gesamten Körper begünstigt werden: Arterioskl...

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Die Hautbarriere stärken, um Herz und Gehirn zu schützen

Die richtige Hautpflege schützt auch Herz und Hirn

Hautprobleme sind weit mehr als ein kosmetisches Thema. Über chronische Entzündungsprozesse können Erkrankungen im gesamten Körper begünstigt werden: Arteriosklerose, Diabetes und sogar Demenz. Umso wichtiger ist es, die Haut als Barriere zu stärken.

Claus Peter Simon20.08.2026, 08.34 Uhr

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Haut will gepflegt sein: Mit einer Fläche von zwei Quadratmetern und einem Gewicht von mehreren Kilogramm ist sie das grösste Organ des Menschen.

Haut will gepflegt sein: Mit einer Fläche von zwei Quadratmetern und einem Gewicht von mehreren Kilogramm ist sie das grösste Organ des Menschen.

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Zeige mir dein Gesicht – und ich sage dir, ob dein Herz gesund ist. Was klingt wie Wahrsagerei, beruht auf den Erkenntnissen eines Forschungsfelds, das sich in jüngerer Zeit enorm entwickelt hat. So haben Mediziner einen Zusammenhang zwischen dem Zustand der Gesichtshaut und dem Risiko für Herzerkrankungen entdeckt. Vor allem ausgeprägte Falten, Fettablagerungen an den Augenlidern, Pigmentstörungen und ein fahler Teint gelten als Warnzeichen. Fachleute wollen daraus mithilfe künstlicher Intelligenz, gestützt auf Gesichts- und Wärmebilder, ein neuartiges Diagnoseverfahren für die Herzgesundheit etablieren.

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Zahlreiche Studien zeigen bereits, dass eine durch Krankheiten, die Lebensweise oder Alterungsprozesse geschädigte Haut mehr darstellt als eine rein ästhetische Beeinträchtigung. Dem Vernehmen nach können chronische Entzündungsprozesse Krankheiten im gesamten Körper fördern. Dazu zählen neben Herz-Kreislauf-Leiden wie Gefässverkalkung, Herzinfarkt und Schlaganfall auch Diabetes und sogar Demenz.

Um das zu verstehen, muss man wissen, welche Bedeutung die Haut für die Gesundheit hat. Mit einer Fläche von etwa zwei Quadratmetern und einem Gewicht von mehreren Kilogramm ist sie das grösste Organ des Menschen. Sie umhüllt uns von Kopf bis Fuss und bewahrt das Innere vor schädlichen Keimen, Chemikalien und UV-Strahlung.

Aufgebaut ist sie als dreilagiger Schild. Zuoberst ist die Epidermis, die Oberhaut. Sie ist unsere Barriere, hält schädliche Einflüsse zurück. In den tiefer liegenden Schichten dieser Oberhaut befinden sich Immunzellen, die Krankheitserreger abfangen, und Pigmentzellen, die UV-Strahlung absorbieren.

Die Barrierefunktion der Haut kann jedoch Schaden nehmen. Intensive UV-Strahlung etwa trocknet die Haut aus, fördert die Hautalterung und ist Wegbereiter für Hautkrebs. Auch Rauchen, dauerhafter Stress, Schlafmangel und häufiges heisses Duschen schädigen ihre Funktion. Und mit zunehmendem Alter nimmt der Feuchtigkeitsgehalt der Haut natürlicherweise ab, sie produziert weniger Fette, die Zellen erneuern sich langsamer, und die Immunzellen sind geschwächt.

Ist die Haut krank, gibt es oft auch andere Probleme

Dass eine angegriffene Hautbarriere Folgen für den gesamten Organismus haben kann, zeigt sich exemplarisch bei Hautkrankheiten wie Schuppenflechte (Psoriasis) und Neurodermitis (atopische Dermatitis). Eine Metaanalyse von 19 Studien ergab Hinweise darauf, dass Menschen mit Neurodermitis ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Angina Pectoris haben – je schwerer die Hauterkrankung, umso ausgeprägter. Andere Studien wiesen bei Personen mit Schuppenflechte vermehrt Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach.

«Wir wissen heute, dass durch entzündliche Hautkrankheiten und Alterungsprozesse der Haut Störungen im gesamten Körper entstehen können», sagt Karin Scharffetter-Kochanek, Direktorin der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Universitätsklinikum Ulm. Im Sonderforschungsbereich Aging at Interfaces untersucht sie die Verbindungen zwischen der Haut, dem Immunsystem und anderen Organen.

Die Probleme beginnen oft damit, dass durch eine geschädigte Hautbarriere Chemikalien, Allergene und Mikroorganismen in die Haut eindringen. Spezielle Hautzellen erkennen die Gefahr und setzen bestimmte Botenstoffe wie Zytokine frei, die eine kontrollierte Entzündung auslösen, um Reparaturprozesse zu unterstützen.

Im Alter oder bei gewissen Hautkrankheiten kann sich daraus jedoch eine systemische Entzündung entwickeln, die wie ein Schwelbrand weiterglimmt und sich in andere Organe und Blutgefässe ausbreitet. Das begünstigt die dauerhafte Schädigung von Zellen, die dann ihrerseits entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzen. In jüngeren Jahren kann das Immunsystem diese geschädigten sogenannten seneszenten Zellen noch beseitigen. Doch im Alter erlahmt die körpereigene «Müllabfuhr». Es kommt zu dem, was Fachleute als Inflammaging beschreiben: ein Zusammenspiel aus Entzündung (Inflammation) und Altern (Aging).

Die entzündungsfördernden Zytokine können sogar die Blut-Hirn-Schranke überwinden und im Gehirn Nervenzellen schädigen. «Es gibt einen Zusammenhang, den wir stichhaltig für Alzheimer und andere Demenzen nachgewiesen haben», sagt der Dermatologe Peter Elias von der University of California in San Francisco. Tatsächlich hat eine Reihe von Studien ergeben, dass Menschen mit entzündlichen Hauterkrankungen oder vorzeitig gealterter Haut vermehrt von kognitiven Beeinträchtigungen oder sogar von Demenzerkrankungen betroffen sind.

Forschung rund um gesundheitsförderliche Hautpflege

Wenn eine Schädigung der Haut derart negative Auswirkungen hat, müsste eine Stabilisierung der Hautbarriere die allgemeine Gesundheit verbessern. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf. «Wird eine Schuppenflechte medizinisch gut behandelt, kommt es zu weniger Herzinfarkten und Schlaganfällen», sagt der Dermatologe Richard Gallo von der University of California in San Diego.

Doch können auch normale Pflegeprodukte eine über die Haut hinausgehende positive Wirkung entfalten? Pilotstudien machen zumindest Hoffnung: Für eine kleine Forschungsarbeit trugen ältere Probanden dreissig Tage lang zweimal täglich ein Pflegeprodukt auf, das drei Arten von Lipiden (Cholesterin, freie Fettsäuren und Ceramide) enthielt. Ihre Haut konnte im Vergleich zu einer Kontrollgruppe mehr Feuchtigkeit binden, zudem sanken die entzündungsfördernden Zytokinwerte im Blut.

Für eine weitere Arbeit aus dem Jahr 2022 trugen Probanden drei Jahre lang in den kalten Monaten November bis Mai zweimal täglich ein Pflegeprodukt auf. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die keine Crème nutzen sollte, war bei den Salbenanwendern die Haut besser mit Feuchtigkeit versorgt, und die kognitiven Leistungen blieben recht stabil – während sich die der Kontrollgruppe verschlechterten. Es blieb jedoch unklar, ob die positiven Effekte dem speziellen Pflegeprodukt zu verdanken waren. Ausserdem hatte die Studie nur wenige Teilnehmer und ist allein schon deshalb nur begrenzt aussagekräftig.

Die Forschungslage ist also noch äusserst lückenhaft. Dennoch: Was bedeutet all das für die tägliche Hautpflege? Die American Academy of Dermatology etwa empfiehlt, das Gesicht zweimal täglich mit einem milden Reinigungsmittel zu behandeln, anschliessend eine Feuchtigkeitscrème aufzutragen und tagsüber eine Sonnencrème mit einem Lichtschutzfaktor von mindestens 30 zu nutzen. Mehr brauche es nicht. Dieser Auffassung stimmen praktisch alle Fachleute zu.

Eine gute Feuchtigkeitscrème kombiniert drei sich ergänzende Komponenten: Feuchthaltemittel wie Glyzerin oder Harnstoff (Urea) erhöhen den Wassergehalt der obersten Hautschicht; abdichtende Substanzen wie Vaseline verhindern, dass dieses Wasser verdunstet; Ceramide wirken wie Mörtel zwischen den Hautzellen, schliessen Feuchtigkeit ein und halten Schadstoffe fern. Daneben gibt es weitere Inhaltsstoffe wie Retinoide oder Antioxidantien, die gezielt die Hautalterung bekämpfen sollen. Die Leitlinie der Gesellschaft für Dermopharmazie fasst die derzeitige Studienlage zur Wirkung verschiedener Substanzen zusammen.

Die Zellalterung aufhalten

Doch all diese lokalen Behandlungen setzen erst an, wenn der Alterungsprozess längst eingesetzt hat. Das Ziel der interdisziplinären Experten um die Dermatologin Scharffetter-Kochanek und den Stammzellforscher Hartmut Geiger am Ulmer Sonderforschungsbereich geht weit darüber hinaus: Sie wollen die Spirale der Zellalterung in den Organen selbst stoppen. Im Mausmodell ist es ihnen bereits gelungen, mithilfe blutbildender Stammzellen altersbedingte Veränderungen des Immunsystems rückgängig zu machen und auf diese Weise die Zellalterung zu unterbinden. Inwiefern sich eine solche Therapie auf den Menschen übertragen lässt, muss sich allerdings noch zeigen.

Wer sein frisches Aussehen und seine Gesundheit möglichst lange bewahren möchte, ist bis heute vor allem auf einen gesunden Lebensstil und eine gute Hautpflege angewiesen. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, aber sehr viel mit Prävention. Denn wer seine Haut schützt, tut nicht nur seinem Teint etwas Gutes, sondern auch seinen Blutgefässen, den inneren Organen und sogar dem Gehirn.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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