Trojanische Taube? So wird das Friedenssymbol politisch vereinnahmt
Die trojanische Taube: In ihrer jahrtausendealten Geschichte hat die Friedenstaube schon für alles Mögliche herhalten müssenNun hat also auch die SVP die Friedenstaube für sich entdeckt. Diese war jahrtausendel...
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Die trojanische Taube: In ihrer jahrtausendealten Geschichte hat die Friedenstaube schon für alles Mögliche herhalten müssen
Nun hat also auch die SVP die Friedenstaube für sich entdeckt. Diese war jahrtausendelang ein Symbol für Sanftheit und für Götter. Mit der Realität hatte das immer wenig zu tun.
23.08.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Friedenstaube mit Schutzweste: Bild auf einer israelischen Sperranlage in Bethlehem entlang der Grenzlinie zwischen Israel und Palästina.
Imago
Schon seltsam. Bisher war die SVP nicht für ihren dezidierten Pazifismus bekannt. Auch ist es nicht so, dass sie sich durch besondere Sanftheit profilieren wollte. Folgerichtig prangte auf den Plakaten der Partei bis anhin ein eher aggressives Bestiarium: Ratten, Würmer, auch einmal eine Krake oder das berühmte schwarze Schaf.
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Und nun das: Auf den neuen SVP-Plakaten zur Neutralitätsinitiative ist eine weisse Friedenstaube mit Ölzweig im Schnabel zu sehen. Sie soll den Frieden symbolisieren, der durch eine absolute Neutralität der Schweiz vermeintlich garantiert würde, mit Betonung auf «vermeintlich».

Nun hat auch die SVP die Friedenstaube für sich entdeckt: Plakat zur Neutralitätsinitiative.
Jöran Steinsiek / Imago
Klar, kein Vogel der Welt ist dafür besser geeignet als die Friedenstaube mit dem Ölzweig im Schnabel. Und das schon seit rund 4000 Jahren. Seit damals ist die biblische Geschichte um Noah mündlich überliefert: Noah überlebte die Sintflut auf seiner Arche und sandte nach neun Monaten schwimmenden Verharrens eine Taube los. Nach mehreren Versuchen kam sie schliesslich mit einem Ölzweig im Schnabel zurück. Der Beweis dafür, dass Gottes Zorn besänftigt – und die Sintflut zurückgegangen war.
Die Taube kämpft rund fünftausend Mal im Leben
Doch auf die Taube gekommen war der Mensch schon sehr viel früher, rund 12 000 bis 8000 Jahre vor Christus. Die Gründe dafür lagen auf der Hand: Ihr Fleisch war schmackhaft, ihre Ernährung simpel, und ihre starke Bindung an den Brutplatz liess eine Freilufthaltung ohne aufwendigen Käfigbau zu.
Darüber hinaus zeichnete sich die Taube durch Eigenschaften aus, die den Menschen schon im Neolithikum faszinierten: Sie hat einen hübschen Kopf mit kleinem Schnabel, der dem Kindchenschema entspricht. Dazu die Fähigkeit, sich in der Luft – der Sphäre der Götter – zu bewegen. Es gibt die lebenslange Treue von Taubenweibchen und Taubenmännchen. Und nicht zuletzt das Verhalten einer mangelnden Abwehr der Taube dem Menschen gegenüber, selbst wenn dieser sie im Würgegriff packt – die Taube wehrt sich weder mit dem Schnabel noch mit den Krallen.
All das trug ihr schon vor rund 10 000 Jahren das Etikett der Sanftheit, Treue und Friedfertigkeit ein. Mit der Realität hatte das allerdings wenig zu tun. Denn ihre sprichwörtlich gewordene Friedfertigkeit verdanken Tauben lediglich ihrem Verhalten gegenüber Menschen, nicht aber gegenüber Artgenossen: Während ihres durchschnittlich zweieinhalbjährigen Lebens ist eine Strassentaube in rund fünftausend Kämpfe verwickelt, wobei sie ihre Gegner mit vielen Schnabelhieben oft regelrecht skalpiert. Nicht zufällig gelten in Japan Tauben als Attribute des Kriegsgottes Hachiman.
Und noch im Ersten Weltkrieg waren Brieftauben für die Kriegsführung systemrelevant. 1918 rettete eine Taube namens Cher Ami 194 amerikanischen Soldaten das Leben, indem sie trotz schweren Verletzungen 40 Kilometer weit flog, um eine Nachricht zu überbringen. Noch im selben Jahr wurde Cher Ami von der französischen Regierung mit dem Kriegskreuz ausgezeichnet.
Feindselige Aneignung des Friedens
Zum internationalen und säkularen Friedenssymbol wurde die weisse Taube erst nach dem Zweiten Weltkrieg. 1949 entwarf der spanische Maler Pablo Picasso für den Weltfriedenskongress das Plakat und wählte als Sujet eine weisse Taube mit Ölzweig im Schnabel. Sie wurde zum Symbol der internationalen Friedensbewegung und zu einer Ikone des Friedens über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.
Es gab da nur einen Haken: Picasso war Mitglied der kommunistischen Partei Frankreichs. Und auch Stalin erkannte die Wirkmacht von Picassos Friedenssymbol auf Anhieb. Prompt wurde die Friedenstaube in den Ländern der Sowjetunion und in der DDR zum omnipräsenten Symbol für den «Kampf um Frieden». So sieht eine feindselige Aneignung des Friedens aus.

Keine Sowjetunion ohne weisse Tauben: die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Moskau am 19. Juli 1980.
Laci Perenyi / Imago
Denn wie das mit legendären Symbolen oft ist: Irgendwann verlieren sie die Verbindung zu ihrem ursprünglichen Inhalt. Sie wirken dann als Erzeuger von Reflexen und können entsprechend instrumentalisiert werden. Wohl darum postete der AfD-Politiker Björn Höcke im Rahmen einer Kampagne gegen Waffenlieferungen in die Ukraine eine Friedenstaube in den sozialen Netzwerken. Dass die Grundüberzeugungen der AfD in schreiendem Widerspruch zu jenen des Pazifismus stehen, schien Höcke nicht im Mindesten zu stören.
Und auch das neue Friedenstauben-Plakat der SVP zur Neutralitätsinitiative steht bei Parteien von der SP bis zur FDP in der Kritik: Hier werde das Symbol des Pazifismus in den Dienst von Parteipolitik gestellt. Zudem würden im Schutz eines vermeintlichen Friedensversprechens durch eine strikte Auslegung der Neutralität militärische Aggressoren wie Russland belohnt.
Was würde die Friedenstaube wohl selber dazu sagen? Sie hat in ihrem 4000-jährigen Dasein schon Krieg, Zerstörung und sogar eine Sintflut gesehen. Aber dass sie auf ihre alten Tage zur Trägerin fremder Ideologien wird, damit hätte sie wohl nicht gerechnet. Es scheint, als habe im 21. Jahrhundert das Trojanische Pferd ausgedient, an seine Stelle ist jetzt die trojanische Taube getreten.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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