Die Unerreichte: Zum 85. Geburtstag von Julia Varady

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Die Unerreichte: Zum 85. Geburtstag von Julia Varady

Stand: 31.08.2026, 14:33 Uhr

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JULIA VARADY

„Ich hätte auch gezahlt, um singen zu dürfen“: Julia Varadys Rollenporträts waren Klang und Spiel gewordene Energie. © ArenaPAL/ullstein bild

Die Lücke, die sie 1997 mit ihrem Opernabschied hinterließ, konnte nie geschlossen werden. Julia Varady, diese singuläre Sopranistin, feiert am 1. September ihren 85. Geburtstag.

Sogar in ihren Meisterklassen, ganz ohne große Bühne, ohne großes Publikum, zerrte es in und an ihr. Man kann das nachschauen und -hören auf Youtube-Videos, die dokumentieren, wie Julia Varady unterrichtete. Zwei Planeten, ach was: Zwei Galaxien trafen da oft aufeinander. Hier die Nachwuchssolistin, die ihre Arie sorgsam vorbereitet hatte und auch so sang. Und dort die Meisterin, die ihr Gegenüber fixierte, unruhig, ungeduldig, aus der die Musik herauswollte, ja herausbrach. Die auch mitsang bei der Schülerin. Nicht, um nach den Papageien-Prinzip zu lehren, sondern weil sie nicht anders konnte.

So gesehen hat Julia Varady, die am 1. September ihren 85. Geburtstag feiert, die Bühne nie richtig verlassen. Die Lücke, die sie 1997 mit ihrem Opernabschied hinterließ, konnte ohnehin nie geschlossen werden. Keine Kollegin reichte und reicht nur annähernd an ihre Vitellia in Mozarts „La clemenza di Tito“, an Verdis Leonoras (in „La forza del destino“ und „Il trovatore“) oder an dessen Abigaille („Nabucco“) heran. Vielleicht ist Julia Varady sogar die einzig legitime Nachfolgerin der Callas. Die Stimmen ähnelten sich nur wenig, gewiss. Eher hat dies zu tun mit dieser singulären Intensität, dies gepaart mit immenser Kontrolle und Vorarbeit. Die Varady war keine, die sich in ihre Rollen warf, dabei auf die Emotion des Augenblicks vertrauend. So sehr ihre Rollenporträts glühten, so sehr war doch alles reflektiert.

München und Berlin waren ihre künstlerische Heimat

Schon früh forderte die Varady von sich ein enormes Arbeitspensum. Anfangs hatte sie fast täglich Gesangsunterricht. Und als sie als junge Sopranistin an der Frankfurter Oper pro Saison sechs, sieben Rollendebüts hatte, empfand sie dies nie als Überforderung, im Gegenteil: Nur so, wie sie betonte, könne man vorankommen. Singen bedeutete für Julia Varady weniger Lebenselixier, Singen war Leben. „Ich hätte auch gezahlt, um singen zu dürfen“, wie sie einmal im persönlichen Gespräch sagte. Und wer ihr dabei ins Gesicht sah, begriff sofort: Sie meinte es bitterernst. Die Größten der Regiezunft wie Jean-Pierre Ponnelle, Rudolf Noelte, sogar Hans Neuenfels vertrauten auf diese Unbedingtheit.

Frankfurt war für sie, die 1941 in Oradea (damals Ungarn, heute Rumänien) zur Welt kam, das berühmte Sprungbrett. 1971 sang sie bei den Münchner Opernfestspielen die Vitellia in Mozarts „La clemenza di Tito“, sie wurde eine ihrer Signet-Partien. Und die Bayerische Staatsoper griff sofort zu: Alle ihre großen Rollen hat sie fortan an der Isar gesungen. Auch wenn die Varady an vielen internationalen Bühnen gastierte, so blieben doch München und die Deutsche Oper Berlin ihre Heimathäuser. In München, bei einer Produktion von Puccinis „Il tabarro“, lernte sie auch Dietrich Fischer-Dieskau kennen. Sie wurde seine vierte Frau, dreieinhalb Jahrzehnte lebten sie bis zu seinem Tod 2012 zusammen. Und dies an zwei Orten: In Berlin unweit des Theodor-Heuss-Platzes und in Berg am Starnberger See – dort, wo Julia Varady noch heute wohnt. Ein Sänger-Traumpaar waren sie, zugleich denkbar verschieden. Er, der die künstlerische Reflexion auf die Spitze trieb, sie Klang und Spiel gewordene Energie.

Die letzte große Allrounderin der Opernszene

„Ich nehme etwas tief in mir auf, und dann muss es heraus“, sagte die Varady einmal über sich selbst. Singen war für sie nicht nur eine Lebens- , sondern auch eine Fantasiefrage. „Man kann eine noch so schöne Stimme haben, aber wenn man sich beim Singen nichts vorstellen kann…“ Dazu passt, dass die Stimme der Varady ihre Attraktivität nicht aus purer Schönheit speiste, aus „l’art pour l’art“. Das begann schon mit dem gewaltigen Tonumfang, dem man anhörte, dass sie zunächst auf Alt und Mezzo trainiert worden war. Eine Stimme, wie ein Chamäleon. Herb und süß konnte sie klingen, lodernd dramatisch und im nächsten Augenblick zu sanfter Lyrik gedimmt. Wie ein alles versengendes Feuer und dann wieder wie ein flackerndes Kerzenlicht. Nur mit souveräner Technik war dies zu erzielen. Und mit einem Stilbewusstsein, das die richtigen Zutaten für Verdi, Mozart, Wagner, Puccini, Reimann oder Bartók fand: Womöglich war die Varady auch die letzte große Allrounderin der Opernszene.

Ihr Bühnenabschied fiel ihr schwer, das war ihr anzumerken. „Ich hatte stets ein großes Freiheitsbedürfnis, und dazu brauchte ich den Gesang.“ Lange nach ihrem letzten Auftritt träumte sie noch von der Oper, wie sie zugab. Auf ein geplantes Comeback in einer Winzrolle verzichtete sie dann doch, auch hier siegte die Klugheit. Julia Varady war damit eine der wenigen in diesem von spätherbstlichen Stimmresteverwaltern bevölkerten Geschäft, die auf dem Höhepunkt des Ruhms abtreten konnte. Wer sie besuchte oder auch nur mit ihr telefonierte, wurde sofort gefangen genommen von ihrer überschäumenden Herzlichkeit. Und von ihrem manchmal unverblümten Humor, wenn sie zum Beispiel über aktuelle Regisseure sprach: „Sie müssen alles auffüllen, ein Zwischenspiel oder eine Ouvertüre, mit irgendeinem banalen Stehen, Gehen, Purzelbaumschlagen oder was weiß ich alles. Nur um Bewegung zu haben. Ich wüsste schon, wie man sich in den betreffenden Situationen sinnvoll verhält.“