Sport und Demenz: Was die Gehirne von 1800 Athleten verraten
Zum Berufsrisiko von Footballern, Eishockeyspielern und Fussballern gehört die neurodegenerative Krankheit CTE. Forscher haben ein gigantisches Archiv mit Spenderhirnen angelegt, um die Ursachen und Folgen des Leidens zu verstehen.
- 9 min read
Diese 1800 Hirne zeigen, wie Kopfstösse bei Sportlern zu Demenz führen
Zum Berufsrisiko von Footballern, Eishockeyspielern und Fussballern gehört die neurodegenerative Krankheit CTE. Forscher haben ein gigantisches Archiv mit Spenderhirnen angelegt, um die Ursachen und Folgen des Leidens zu verstehen.
03.10.2026, 05.30 Uhr
8 Leseminuten

Während ihrer Karriere erleiden sie Tausende Schläge gegen den Kopf: Profi-Footballer sind am stärksten von CTE betroffen.
Bill Frakes / Sports Illustrated / Getty
Die Eishockeylegende Claude Lemieux starb im Mai ganz plötzlich. Er war einer der Besten seines Sports, viermal gewann der Kanadier die Meisterschaft der nordamerikanischen Eishockeyliga. Sein Sohn Brendan Lemieux, der als Hockey-Profi beim HC Davos spielt, veröffentlichte auf Instagram eine Botschaft. Darin schrieb er, dass sich sein Vater das Leben genommen habe und die Familie sein Gehirn «als Geschenk an die Wissenschaft» der Boston University spende.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Dort befindet sich das CTE-Center – ein Institut zur Erforschung der chronisch-traumatischen Enzephalopathie. Das ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns, die durch wiederholte Schläge gegen den Kopf ausgelöst wird. Ihre Besonderheit: Sie lässt sich erst nach dem Tod durch eine Obduktion nachweisen.
Um die Krankheit zu untersuchen, haben die Forscherinnen und Forscher am CTE-Center in Boston eine Datenbank mit mehr als 1800 Gehirnen angelegt. Die meisten stammen von ehemaligen Athleten aus Kontaktsportarten wie American Football oder Eishockey. Erst kürzlich konnten die Wissenschafter anhand ihrer Daten belegen, dass mindestens ein Viertel der amerikanischen Football-Profis damit rechnen muss, CTE zu entwickeln.
Newsletter «Quantensprung»
Wir prüfen Ideen, die wirklich etwas verändern könnten – und wie sie Realität werden. Jeden Freitag diskutiert unsere Wissenschaftsredaktion über visionäre Forschung und ihre Auswirkung auf die Welt – als Podcast und Newsletter.
Jetzt kostenlos abonnieren
Noch ist unklar, ob auch Claude Lemieux an CTE litt. Doch sein Gehirn könnte dabei helfen, wichtige Fragen zur Krankheit zu beantworten: Wie verbreitet ist sie? Lässt sie sich bei lebenden Sportlern diagnostizieren? Und mit welchen Therapien lässt sie sich behandeln?
Bereits vor rund hundert Jahren wurde die neurodegenerative Krankheit erstmals bei Boxern beschrieben. Lange sprachen Ärzte deshalb vom Boxersyndrom. Erst ab 2002 entdeckten Pathologen die typischen Hirnveränderungen auch bei Verstorbenen, die American Football, Eishockey, Rugby oder Fussball gespielt hatten. Und selbst bei Soldaten, die immer wieder Druckwellen von Explosionen ausgesetzt waren, sowie bei Frauen, die häusliche Gewalt erlebt hatten.
Verformte Tau-Proteine zerstören Hirnzellen
Ähnlich wie Alzheimer ist auch CTE auf Ablagerungen schädlicher Proteine zurückzuführen. «Diese können in beiden Fällen zu einer Demenz führen», erklärt Jesse Mez, Neurologe und Co-Forschungsleiter des CTE-Centers in Boston. Zwischen den Krankheiten gebe es aber auch entscheidende Unterschiede.

Jesse Mez
PD
Die Forscher vermuten, dass bei CTE wiederkehrende Kopfschläge die Form der Tau-Proteine verändern, die in gesunden Nervenzellen für Stabilität sorgen. Die verformten Proteine zerstören die Zellen und lagern sich im Hirn ab, was weitere Areale verkümmern lässt. Bei Alzheimer sind die Tau-Proteine zwar auch verändert, allerdings in anderer Weise. Denn die Verformung entsteht hier nicht durch Schläge, sondern durch Entzündungsreaktionen, die auf ein weiteres schädliches Protein zurückzuführen sind.
«Anhand dieser Unterschiede können wir bei einer Autopsie CTE klar von Alzheimer abgrenzen», sagt Mez. In mehr als 50 Prozent der Gehirne in ihrer Datenbank liess sich CTE nachweisen. Wobei diese Zahl mit Vorsicht zu interpretieren ist: Die Gehirne stammen nicht aus einer zufälligen Stichprobe ehemaliger Sportler. Vielmehr werden sie eher von Athleten gespendet, die bereits zu Lebzeiten auffällige Symptome zeigten. Dazu gehören Schwierigkeiten beim Multitasking, Gedächtnisverlust, Depressionen, Wutausbrüche und aggressives Verhalten, das von verbalen Entgleisungen bis zu körperlicher Gewalt reichen kann.
Die Hirndatenbank der Boston University ist die weltweit grösste Datenbank ihrer Art. Und das CTE-Center ist stets für neue Spenden bereit: «Wir haben einen 24-Stunden-Pikettdienst», sagt Mez. Dieser wird nach dem Tod eines Spenders von den Angehörigen informiert, worauf ein Mitarbeiter losgeschickt wird, der das Gehirn entnimmt und nach Boston bringt. Dort wird eine Hälfte des Gehirns fixiert und in rund siebzig dünne Scheiben geschnitten, um sie unter dem Mikroskop zu untersuchen. Die andere Hälfte wird für spätere DNA-Analysen eingefroren.
Die Bostoner Forscher konnten CTE bereits bei mehreren bekannten Sportlern nachweisen. Unter ihnen Junior Seau, eine Football-Legende der San Diego Chargers, der sich bei seinem Suizid in die Brust schoss, damit sein Gehirn untersucht werden konnte. Aaron Hernandez, der ehemalige Starspieler der New England Patriots, wurde wegen Mordes verurteilt und nahm sich mit 27 Jahren im Gefängnis das Leben. Bei ihm wurde ein besonders schweres Stadium der Krankheit festgestellt. Der berühmteste Fall aus dem Eishockey ist Stan Mikita, eine Ikone der Chicago Blackhawks.

Getty

Getty
Links: Der Linebacker Junior Seau, hier bei einem Footballspiel im Jahr 1994, litt nach seiner Karriere unter Depressionen. Rechts: Stan Mikita spielte in den 1970er Jahren für die Chicago Blackhawks. Der Eishockeyspieler kämpfte in seinen letzten Lebensjahren mit einer schweren Form von Demenz.
Tausende NFL-Spieler verklagten die Liga
Jahrelang spielte die amerikanische Football-Liga NFL das Risiko ihres Sports herunter. Erst nachdem die Verantwortlichen vor den US-Kongress zitiert worden waren, räumten sie ein, dass wiederholte Kopfschläge zu langfristigen Hirnverletzungen führen können. 2013 verklagten Tausende ehemalige NFL-Spieler die Liga, die in der Folge über eine Milliarde Dollar an Entschädigungen an betroffene Familien auszahlte.
In den folgenden Jahren gelangten besonders viele Hirnspenden ehemaliger Footballspieler ans CTE-Center. Das ermöglichte die bereits erwähnte Studie, die zeigt, wie viele Profi-Footballer von der Krankheit betroffen sind. Jesse Mez und seine Kollegen werteten die Daten aller ehemaligen NFL-Spieler aus, die zwischen 2016 und 2021 gestorben waren. Das waren total 878 Männer unterschiedlichen Alters. Dank den zahlreichen Spenden konnten die Forscher bei 215 von ihnen – also rund 25 Prozent – CTE nachweisen. «Allerdings standen uns längst nicht alle Gehirne der Verstorbenen zur Verfügung», erklärt Mez. «Die Dunkelziffer dürfte damit noch höher liegen.»
Es ist nur eine von vielen Studien zu CTE, die in Boston in den vergangenen Jahren entstanden sind. So konnten die Forscher auch zeigen, dass das Risiko, die typischen Gehirnveränderungen zu entwickeln, mit jedem Profijahr eines Footballers oder Eishockeyspielers um rund 30 Prozent steigt. Im Eishockey liege das Gesamtrisiko für CTE aber wahrscheinlicher niedriger, erklärt Mez. Womöglich wirken hier weniger starke Kräfte auf den Kopf.
«Entscheidend sind dabei nicht unbedingt einzelne schwere Gehirnerschütterungen, die Athleten erlitten haben», sagt der Neurologe. Vielmehr sei die Summe der unzähligen, auch kleineren Kopfstösse über die Karriere hinweg entscheidend, selbst wenn sie keine akuten Symptome verursacht hätten.
Auch Fussballerhirne sind regelmässig Stössen ausgesetzt. Der erste Fussballprofi, bei dem Pathologen CTE nachwiesen, war Jeff Astle, der in den 1960er und 1970er Jahren für den englischen Verein West Bromwich Albion stürmte. Er war mit 59 Jahren an einer schweren, schnell fortschreitenden Demenz verstorben. Später konnten Forscher der Boston University bei weiteren ehemaligen Fussballprofis, die an einer Demenz gelitten hatten, zweifelsfrei CTE feststellen.

Schnitte eines normalen Gehirns (oben) und des Gehirns eines ehemaligen Footballspielers mit CTE.
Boston University
Laut Jesse Mez ist das Risiko für Fussballer, an CTE zu erkranken, vermutlich nicht ganz so gross wie für Footballer oder Eishockeyspieler. Dafür scheint bei ihnen ein zusätzlicher Faktor eine wichtige Rolle zu spielen: So zeigte vor einigen Jahren die sogenannte Field-Studie der Universität Glasgow, dass das Demenzrisiko ehemaliger Profifussballer stark von ihrer Spielposition abhängt. Während Torhüter, die kaum jemals einen Kopfball ausführen, ein mit der Normalbevölkerung vergleichbares Risiko aufweisen, ist es bei Feldspielern deutlich erhöht. Dabei sind Verteidiger mit einem fünfmal so hohen Risiko am stärksten betroffen.
Als Mez die ersten Resultate seiner Studien vor sich sah, dachte er, sie könnten zum Todesstoss für Kontaktsportarten werden. Doch dem war nicht so. Offenbar sind sie zu sehr in unserer Kultur verankert.
CTE ist auch im Schweizer Eishockey ein Thema
Doch wären Regeländerungen möglich? «Fussball ohne Kopfball und Eishockey ohne Checks wären ganz andere Sportarten», sagt Gery Büsser, Chefarzt Sportmedizin an der Schulthess-Klinik und Teamarzt des Zürcher Hockeyklubs ZSC. Er bezweifelt, dass sich das umsetzen liesse.
Büsser leitet die Task-Force Concussion im Schweizer Eishockeyverband, die sich um die Prävention von Hirnerschütterungen bemüht. «In unseren Sitzungen diskutieren wir immer wieder über CTE», sagt er. Auch in spontanen Gesprächen mit den Spielern in der Garderobe taucht das Thema gelegentlich auf.
Der Mediziner warnt jedoch davor, wegen einer Krankheit, die nur einen Teil der Sportler betrifft, die ganze Sportart zu verteufeln. «Man weiss noch zu wenig darüber, wie verbreitet CTE im Eishockey tatsächlich ist», sagt er. Schliesslich habe Sport auch zahlreiche positive Effekte auf die Gesundheit.

Das Eishockey in Nordamerika ist besonders körperbetont: Ein Verteidiger der Boston Bruins versucht den Center der Buffalo Sabres zu checken.
Timothy T. Ludwig / Reuters
Belege dafür liefert auch die Field-Studie der Universität Glasgow. Sie zeigt, dass Profifussballer in verschiedener Hinsicht gesünder sind als die Normalbevölkerung: Sie haben eine mehr als drei Jahre höhere Lebenserwartung, ein geringeres Herz-Kreislauf-Risiko und eine niedrigere Krebssterblichkeit.
Deshalb ergibt es aus Büssers Sicht Sinn, Sportarten wie Eishockey oder Fussball weiter zu betreiben, aber das Risiko für Kopfverletzungen zu minimieren. Das geschehe bereits durch Regeln, die Checks gegen den Kopf stärker ahndeten oder das Checken im Juniorenbereich gleich ganz verböten. Auch im Fussball gibt es inzwischen Richtlinien, damit Junioren weniger Kopfbälle trainieren. In England und Schottland sind solche Trainings im Kinderfussball sogar ganz verboten. Zudem werden Spielformate gefördert, in denen es kaum zu Kopfbällen kommt.
Scans und Biomarker könnten Diagnosen ermöglichen
Um besser zu verstehen, wie verbreitet CTE im Profi-Bereich und im Breitensport ist, müsste sich die Krankheit auch bei lebenden Menschen diagnostizieren lassen. Daran arbeiten Wissenschafter mit verschiedenen Ansätzen.
Besonders weit fortgeschritten ist die Suche nach einem Verfahren, das die für CTE typischen Tau-Ablagerungen im Gehirn sichtbar machen soll. Dazu entwickeln Forscher radioaktive Moleküle, die an das krankhaft veränderte Tau binden und sich mit einem bildgebenden Verfahren aufspüren lassen. Bereits heute lässt sich mit solchen PET-Scans Alzheimer zu Lebzeiten mit sehr hoher Genauigkeit nachweisen. Für die Tau-Proteine von CTE, die anders strukturiert sind als bei Alzheimer, gibt es noch keine einsetzbaren Spürmoleküle. Erst kürzlich haben aber mehrere Forschungsgruppen von neuen Substanzen berichtet, mit denen grosse klinische Versuche geplant sind.

PET-Scan eines Footballer-Hirns: Gelbe, orange und rote Bereiche weisen auf Stellen hin, wo sich für CTE typische Tau-Ablagerungen befinden.
New England Journal of Medicine
Ein anderer Ansatz ist, im Blut oder in der Gehirnflüssigkeit nach Biomarkern – zum Beispiel Spuren von Tau – zu suchen, die auf die Veränderungen im Gehirn hindeuten. An der Boston University werden dafür Proben von Hunderten Freiwilligen untersucht, die durch ihren Sport ein erhöhtes CTE-Risiko haben und ihr Gehirn nach dem Tod spenden werden. So können die Forscher die Biomarker mit dem späteren Befund der Autopsie abgleichen.
«Eine Diagnose zu Lebzeiten braucht es auch, um dereinst Medikamente gegen die Krankheit zu testen», sagt Jesse Mez. Denkbar wäre eine ähnliche Therapie, wie sie bei Alzheimer bereits zum Einsatz kommt: Antikörper werden im Labor so programmiert, dass sie gezielt an die schädlichen Proteinablagerungen im Gehirn binden. Dadurch erkennt sie das Immunsystem und baut sie ab.
Ob solche Immuntherapien auch gegen CTE wirken, muss die Forschung an der Krankheit aber erst noch zeigen. Forschung, die auch dank der Spende des Gehirns von Claude Lemieux möglich ist.
Hier bekommen Sie Hilfe:
Wenn Sie selbst Suizid-Gedanken haben oder jemanden kennen, der Unterstützung benötigt, wenden Sie sich bitte an die Berater der Dargebotenen Hand. Sie können diese vertraulich und rund um die Uhr telefonisch unter der Nummer 143 erreichen.
Passend zum Artikel


