Dieser Gegenstand verrät, wie bitterarm wir waren – ich besitze ihn bis heute
Drei Kilometer bis zum Kindergarten, kein Geld für Bus oder Auto: Unsere Autorin lebt vom Existenzminimum und fand für ihre Tochter eine eigene Lösung. Dann kamen die Sprüche einer Erzieherin. Was sie damals fühlte, versteht sie erst jetzt
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Drei Kilometer bis zum Kindergarten, kein Geld für Bus oder Auto: Unsere Autorin lebt vom Existenzminimum und fand für ihre Tochter eine eigene Lösung. Dann kamen die Sprüche einer Erzieherin. Was sie damals fühlte, versteht sie erst jetzt
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08.10.2026
Warum bedeutet für manche Menschen ein Bollerwagen Freiheit?
Collage: der Freitag, Material: iStock
Ich hatte lange versucht zu sparen, denn ich wusste, ich würde ihn benötigen. Einen Bollerwagen aus Holz mit Luftreifen. Nach dem Kauf breitete ich auf unserem Balkon eine Folie aus und lackierte den Wagen mit roter wetterfester Farbe. Lange hatte ich nach etwas gesucht, was meinen Ansprüchen gerecht wurde. Der finanzielle Einschnitt von 50 Euro war hart, denn ich bekomme das Existenzminimum. Trotzdem wusste ich, dass sich der Bollerwagen rentieren würde. Als armutsbetroffener Mensch wäre ein Auto ein teurer Luxus, der oft mit Verschuldung einhergeht.
Wie aber transportiere ich sonst schwere Sachen von A nach B? Ich wollte nicht ständig abhängig sein von Menschen, die ich fragen müsste, ob sie für mich mit dem Auto etwas transportieren würden. Dieser Bollerwagen bedeutete die Freiheit, zu meinen Bedingungen jederzeit beweglich zu sein.
Ich besitze auch ein Fahrrad. Für mich ist es das Transportmittel, das ich am meisten nutze. Es erspart mir Zeit, die vielen Supermärkte hintereinander anzufahren und nach Angeboten zu schauen und diese zu transportieren. Sechserpack Eineinhalbliterflaschen, ganze Melonen, Blumenkohlköpfe oder ein Sack Kartoffeln. Wenn das Rad kaputtgehen sollte, wäre es für mich der finanzielle Supergau.
Geschenkten Fahrrädern schaut man nicht in die Kugellager
Sehr oft bekam ich, als meine Tochter noch klein war, gebrauchte Fahrräder von Freunden geschenkt. Diese waren so alt, dass sie nach spätestens einem Jahr nicht mehr fahrbar waren, weil entweder die Kurbel kaputtging, die Reifen mürbe waren oder die Gangschaltung nicht mehr funktionierte. Auch wenn Kindersitze für Fahrräder auf Kleinanzeigen preisgünstig zu finden waren: Es wäre verantwortungslos gewesen, auf diesen Fahrrädern ein Kind zu transportieren, sie waren grob ausgedrückt „fahrender Schrott“. Daher fiel meine Wahl auf den Bollerwagen. Mit 15 Kilo Eigengewicht war es nie einfach, den Wagen morgens aus dem Fahrradkeller hochzutragen und nachmittags wieder hinein, aber ich hatte ein Transportmittel.
Das Innere des Bollerwagens wurde von mir mit Schaffellen vom Flohmarkt ausgelegt. Je nach Wetterlage kamen Decken dazu. Nur bei Gewitter und Starkregen konnte und musste ich das Busgeld ausgeben, um zum Kindergarten meiner Tochter zu fahren. Denn genau das war das Problem: nicht genügend Geld für den Bus. Ich konnte weder eine Monatskarte kaufen, die es sowieso nur im Abo halbwegs günstig gab, noch regelmäßig mit Einzelkarten fahren. Der Kindergarten meiner Tochter war drei Kilometer von unserem Zuhause entfernt.
Das bedeutete für mich 40 Minuten Fußmarsch zum Kindergarten hin und zum Abholen wieder zurück. In der Woche lief ich jeden Tag mit Bollerwagen 190 Minuten durch unsere Stadt. Ich hatte keine andere Wahl. Für meine Tochter war es selbstverständlich, mit Mama im Bollerwagen zum Kindergarten zu kommen, und vor allem war es für sie ein großer Spaß. Und ihr Luxus, auf dem Weg ein Dinkelvollkornbrötchen oder am Monatsanfang eine Müslistange beim Bäcker kaufen zu dürfen. Der Bollerwagen war zwar laut und klapperte, aber er hatte so viel Platz, dass mein Kind darin schlafen konnte, wenn es müde war, und immer Kuscheltiere und andere Spielzeuge mitfahren konnten.
Wir waren unübersehbar. Dann kamen die Sprüche
Ich hatte ein schlechtes Gewissen meinem Kind gegenüber. War der Bollerwagen sicher genug? Darf ich überhaupt mein Kind damit hin- und herfahren?
Wir waren unüberhörbar und unübersehbar. Erst heute ist mir bewusst, dass ich mich geschämt habe, weil ich keine andere Möglichkeit hatte, mein Kind ohne Bollerwagen zu bringen. Ich hatte zudem das Pech, die einzige armutsbetroffene Mutter in der Kindergartengruppe zu sein. Während die meisten Kinder mit dem Auto gebracht wurden und einige mit dem Bus kamen, waren wir die mit dem Bollerwagen. Des Öfteren fing ich mir spöttische Bemerkungen von einer der Erzieherinnen ein. Der Spruch „Also mir würde es ja stinken, kein Auto zu haben“ war noch eine der harmloseren Aussagen.
Natürlich wurde mein Kind besonders streng beäugt. Kinder aus armutsbetroffenen Familien werden viel zu oft automatisch stigmatisiert. Armutsbetroffene Eltern werden in ihrer Erziehungskompetenz öfter in Frage gestellt als Nichtarmutsbetroffene. Klassismus beginnt schon bei der Geburt und wird besonders in Institutionen wie Kindergarten oder Grundschule deutlich! Meine Erfahrungen bestätigen das leider.
Das Schlimmste war für mich, wenn ich keine andere Wahl hatte, als mit Bollerwagen einkaufen zu müssen. Mir war es super unangenehm und ich erwartete immer, dass irgendjemand es abwertend kommentieren würde. Mein meistens gutgelauntes Kind verbreitete aber eine so positive Stimmung, dass sie schnell die Herzen von Menschen um sie gewann. In diesen Momenten war ich unheimlich stolz, da mein Kind Kind sein konnte. Mit sich und der Welt zufrieden. Der Bollerwagen war ihr kleines Reich.
Wir nahmen vom Bollerwagen Abschied, als meine Tochter Fahrradfahren lernte.
Da ist jetzt acht Jahre her. Den Bollerwagen habe ich noch immer. Wenn es hart auf hart kommt, kann ich mein Kind dort hineinlegen und zum Arzt oder ins Krankenhaus fahren. Not macht erfinderisch. Wer arm ist, ist gezwungen, kreative Lösungen zu finden, die nicht immer der Norm entsprechen.
Ich wünschte, ich hätte mich damals weniger geschämt.