Diskriminierende Wohnungspolitik: Mit Hausbesetzungen gegen Rassismus

Für Menschen aus Suriname war es nach der Unabhängigkeit schwierig, in den Niederlanden Wohnungen zu bekommen. Ein Viertel in Amsterdam hat sich gewehrt. Frisch eingezogen: Drei Kinder sitzen Ende J...

  • 5 min read
Diskriminierende Wohnungspolitik: Mit Hausbesetzungen gegen Rassismus

Für Menschen aus Suriname war es nach der Unabhängigkeit schwierig, in den Niederlanden Wohnungen zu bekommen. Ein Viertel in Amsterdam hat sich gewehrt.

Ein Fotostapel, obenauf liegt ein Foto von drei Kindern, die auf einem Etagenbett sitzen. Es ist das einzige Möbelstück in einem leeren Raum
Frisch eingezogen: Drei Kinder sitzen Ende Juni 1974 in einer besetzten Wohnung in Bijlmermeer

Foto: piemags/imago

A m Morgen des 29. Juni 1974 erlebt die Verwaltung eines Wohnblocks am Rande Amsterdams eine Überraschung. Noch am Abend zuvor standen rund 100 Wohnungen in Bijlmermeer – auch Bijlmer genannt – leer, trotz zahlreicher Interessent*innen. Doch die bekommen die freien Wohnungen nicht, denn die Hausverwaltung möchte nicht an surinamische Mi­gran­t*in­nen vermieten.

Also nimmt ein Kollektiv aus Su­rin­ame­r*in­nen die Sache selbst in die Hand. Den Rassismus, den sie in den Niederlanden erfahren, lassen sie sich nicht mehr gefallen. Über Nacht besetzen sie 80 der freien Wohnungen. Ihre Fenster dekorieren sie mit Plakaten und Protestschildern, ihre Balkone richten sie mit Bannern ein. Sie nennen sich Bijlmerkrakers, also Bijlmer-Hausbesetzer.

Dabei sollte die Nachbarschaft ursprünglich ein Vorzeigeprojekt sozialer Stadtplanung werden, eine „Stadt der Zukunft“ für nicht weniger als 100.000 Menschen. Das Neubaugebiet aus gigantischen Wohnblocks war an den Ideen des Architekten Le Corbusier orientiert. „Die Leitvorstellung war: Jeder ist gleich, und jeder sollte die gleichen Möglichkeiten haben“, erzählte der Architekt Guus Peters 2017 der taz.

Team Zukunft – der Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien

Du liest einen Text aus unserem Zukunfts-Ressort. Wenn Du Lust auf mehr positive Perspektiven hast, abonniere TEAM ZUKUNFT, den konstruktiven Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien. Jeden Donnerstag bekommst du von uns eine Mail mit starken Gedanken für dich und den Planeten.

1968 begann der Bau, 1975 wurde das letzte Gebäude fertiggestellt. Im gleichen Jahr wurde der südamerikanische Staat Suriname von den Niederlanden unabhängig, nach über 300 Jahren Kolonialherrschaft. In diesem Zeitraum hatten die Niederlande über 550.000 Su­rin­ame­r*in­nen versklavt und verkauft.

Um die Befreiungsbewegung in Suriname zu besänftigen, hatte der niederländische Staat noch in den 1950ern allen Bür­ge­r*in­nen der Kolonie die Staatsbürgerschaft zugestanden. Die Su­rin­ame­r*in­nen hatten so das Recht, frei in die Niederlande ein- und auszureisen und sich dort niederzulassen. Kurz vor der Unabhängigkeit erreichte die Einwanderung ihren Höhepunkt – viele hatten Angst, danach nicht mehr in die Niederlande kommen zu dürfen.

Theoretisch hatten die Su­rin­ame­r*in­nen alle durch die niederländische Staatsbürgerschaft garantierten Rechte. Doch die Praxis sah anders aus. „Wenn man eine Wohnung mieten wollte, war sie plötzlich belegt, während sie für andere weiterhin frei war“, sagt der Aktivist und Filmemacher André Reeder, der selbst in den 1970ern in die Niederlande kam. „Oder man musste plötzlich eine exorbitant hohe Miete zahlen.“ Eine Gruppe von Ak­ti­vis­t*in­nen beschrieb die systematische Diskriminierung als „Apartheid“.

In Bijlmer stehen unterdessen viele Gebäude leer. Die Abgeschiedenheit der Nachbarschaft, die gigantische Architektur, die wenigen Geschäfte, die schlechte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr – die Utopie ließ sich nicht an die verkaufen, für die sie gebaut worden war: junge weiße Familien aus der Mittelschicht.

Einige der Wohnungsgesellschaften vermieten zwar an Surinamer*innen. Doch viele andere haben Angst, dass sie weiße Familien abschrecken könnten und verhängen einen Aufnahmestopp für nichtweiße Personen. Mit der Besetzung stehen die Bijlmerkrakers für ihre Rechte ein. „Die Surinamer“, sagt Just Maatrijk, der Sprecher der Bewegung, damals der Zeitung De Tijd, „werden sich dieses Mal nicht unterwerfen. Wir werden nicht zulassen, dass sie uns in die Knie zwingen.“

Als sich der Amsterdamer Bürgermeister Gesprächen verweigert, greift die Bewegung erneut zum zivilen Ungehorsam. Im Rathaus der Stadt orchestrieren sie ein Sit-in, bleiben einfach sitzen und beharren auf ihren Forderungen. Am 21. August 1974 erklärt sich der Bürgermeister zu einem Gespräch bereit. Nach weiteren Auseinandersetzungen tragen die Proteste Früchte: Der besetzte Wohnblock wird in ein „Sozialwohnungsprojekt“ umgewandelt. Alle Hausbesetzer, die seit über einem Jahr in den Niederlanden leben, erhalten einen Mietvertrag.

der anstoß

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

Ein Fotostapel, obenauf liegt ein historisches Foto von einer Statue und vielen menschen, einer redet an einem rednerpult, alle stehen vor eine großen Wohnanlage

Wohnungspolitik in Wien

Rot ist die Farbe der Wohnungshoffnung

Kolumne Der Anstoß von Hannah Marlene Göschel

In der österreichischen Hauptstadt ist das Wohnproblem etwas kleiner als in anderen Hauptstädten. Der Grund dafür findet sich am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Ein Stapel alter Fotografien, obaenauf ligt ein Ultraschallbild von Ovarien

Aus PCOS wird PMOS

Ein neuer Name macht Hoffnung

Kolumne Der Anstoß von Adefunmi Olanigan

Betroffene und Forschende haben das untererforschte Ovarialsyndrom umbenannt. Wie das zu besserer Wissenschaft und Behandlung führen könnte.

Ein Bilderstapel, obenauf ein portraitfoto von Helene Lange

Deutsche Frauenbewegung

Als eine gelbe Broschüre viral ging

Kolumne Der Anstoß von Hannah Marlene Göschel

Abitur ist für Mädchen lange Zeit nicht vorgesehen. Gegen den Zustand schreibt Helene Lange Ende des 19. Jahrhunderts an – mit Erfolg.

Ein Packshot der Wochentaz-Zeitung mit einer neutralen Illustration auf der Titelseite.

10 Ausgaben für 10 Euro

Die Wochenzeitung mit taz-Blick

Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.

  • Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört
  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
  • Mit Zukunftsteil zu Klima, Wissen & Utopien
  • Mit Regionalteil „Stadtland“ für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole

10 Wochen für nur 10 Euro

wochentaz ausprobieren

0 Kommentare