Busemanns EM-Orakel Sprint: DLV mit mehreren Medaillenchancen - Staffel ohne Ansah
Viele deutsche Sprinter und Sprinterinnen sind in dieser Saison in Topform. Was kann die 4x100-m-Staffel ohne Owen Ansah erreichen? ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann mit seinen Einschätzungen für die EM in Birmingham.
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Analyse
Busemanns EM-Orakel Sprint DLV mit mehreren Medaillenchancen - Staffel ohne Ansah
Stand: 07.08.2026 • 20:01 Uhr
Viele deutsche Sprinter und Sprinterinnen sind in dieser Saison in Topform. Was kann die 4x100-m-Staffel ohne Owen Ansah erreichen? ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann mit seinen Einschätzungen für die EM in Birmingham.
100 Meter
Viel Trubel um Owen Ansah - Jacobs holt Gold
Wow, der erste Deutsche unter 10 Sekunden und in Monaco gegen die Weltelite brilliert - das ist Owen Ansah. Doch dann nahm das Unheil seinen Lauf: "Verweigerte Dopingkontrolle", geisterte es durch die Gazetten. Skandal. Aber es gibt noch mehr hinter der Headline: Ansah war kurzfristig ins Diamond-League-Feld des Fürstentums gerutscht, musste schnell zum Flughafen, der Kontrolleur musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Das Abmeldesystem stößt an seine Grenzen. Die NADA pocht auf die Einhaltung der Regeln, der Athlet wurde in Monaco trotzdem kontrolliert. Ein schwebendes Verfahren. Für alle Beteiligten nicht schön.
Ansah hätte es drauf, ganz vorn mitzulaufen. Eine Medaille wäre ein Knaller, dann unter Vorbehalt. Platz zwei und drei werden im Hundertstel-Bereich hinter Europameister Marcell Jacobs aus Italien vergeben. Die Briten drücken, die anderen suchen als Außenseiter ihre Chance.
Heiko Gussmann hat sich durch starke Zeiten für die EM empfohlen, muss aber im Vorlauf liefern. International den Gegner in Schach zu halten, ist eine enorme Herausforderung. Yannick Wolf musste absagen, für ihn rückt Lucas Ansah-Peprah nach.
Lückenkemper und die Zeckenbiss-Folgen
Die neue deutsche Meisterin heißt Jolina Ernst. Sie hat den Etablierten um Gina Lückenkemper und Rebekka Haase den Titel vor der Nase weggeschnappt. Leider hat sie aber die EM-Norm nicht. Lückenkemper laborierte an einem Zeckenbiss. Da bleibt es abzuwarten, wie schnell die Begleiterscheinungen in Birmingham verschwunden sind. Haase hat in diesem Jahr ihre Bestleistung aufgestellt, sie ist in Topform. Aber in Birmingham werden die Karten neu gemischt.
Den Sieg werden die Britin Amy Hunt, Ewa Swoboda aus Polen und die Schweizerin Géraldine di Tizio-Frey unter sich ausmachen, aber Lückenkemper muss und Haase will in den Endlauf.
Chelsea Kadiri hat mit einem tollen Lauf in Wetzlar den Grundstein für ihre Nominierung gelegt, sie kann in Birmingham wertvolle Erfahrungen sammeln. Und was ist mit Tatjana Pinto? 2012 mit der deutschen Staffel Europameisterin, startet sie im Herbst ihrer Karriere jetzt für Portugal voll durch und kratzt an der 10 vor dem Komma.
200 Meter
Hughes ist Favorit - Ansah kann vorne dabei sein
Der Zharnel Hughes von 2025 wäre in Birmingham unschlagbar, aber wir haben 2026 und kurz vor der EM hatte der Brite leichte Probleme. Dennoch wird er mit seiner Qualität der Topfavorit sein. Owen Ansah startet auch über 200 m mit der Ungewissheit, was daraus wird. Mit neuer Bestleistung bei der DM hat er sich zumindest für die vorderen Plätze empfohlen.
Der deutsche Rekordhalter Joshua Hartmann kommt nach einer schwächeren letzten Saison wieder ins Rollen. Er darf im Vorlauf keine Fehler machen, dann könnte der Halbfinal-Einzug klappen. Auch der in den USA geformte Kameron Horton will ins Semifinale. Mit 21 jung und wild, kann er befreit auflaufen. Unter Druck locker bleiben, das kennt er aus dem College-System. Macht er. Und seine Bestzeit (20,29 Sek.) taugt fürs Finale.
Gold geht an eine Britin - für Mokobe ist vieles drin
Die halbe Runde ist britisch. Amy Hunt oder Dina Asher-Smith? Die deutsche Meisterin Judith Bilepo Mokobe zeigte in Wattenscheid ein bärenstarkes Finale. Der Gegenwind lässt erahnen, was die erst 19-jährige noch drauf hat. Selbst das Finale ist im Bereich des Möglichen. Und junge Athletinnen sind immer brandgefährlich - in die eine und in die andere Richtung. Zum einen, weil sie nichts zu verlieren haben und über Grenzen gehen können, zweitens aber, weil ihnen die Erfahrung fehlt. Wir wünschen ihr das Erstere.
Sophia Junk bringt da als medaillendekorierte Staffelläuferin viel mehr Erlebnisse mit, sie wird im Vorlauf schon ihre abgeklärte Expertise einbringen. EM-Erfahrung hat auch Talea Prepens, die in Rom vor zwei Jahren sogar den Zwischenlauf erreichte. Das wird wieder das Ziel sein. Oder mehr?
400 Meter
Hudson-Smith wohl nicht zu schlagen - Bredau in Topform
Matthew Hudson-Smith ist eigentlich nicht zu schlagen. Aber was heißt das schon im Sport, dieses "eigentlich"? Für die anderen nichts, sie probieren alles. Der Brite weiß, dass er ein bisschen Puffer hat. Jean Paul Bredau muss den Vorlauf konzentriert auf die Bahn bringen, um im Zwischenlauf alles übereinander zu bringen. Tempo-Härte hat er, das hat er bei den Deutschen bewiesen. Seine neue Bestzeit (44,72 Sek.) hat aufhorchen lassen.
Das wird ein hartes Stück Arbeit. Aber wenn die Jungs es nicht hart mögen würden, dann würden sie sich nicht so eine Disziplin aussuchen. In Bredaus Sog verbesserte sich Thorben Finke auf ganz starke 45,08 Sekunden. Auch er muss im Vorlauf hellwach auf den Punkt abliefern.
Sorgt Johanna Martin für einen Kracher?
Henriette Jaeger aus Norwegen, die Tschechin Lurdes Gloria Manuel oder Lieke Klaver aus den Niederlanden - das ist hier die Frage. Aus deutscher Sicht egal. Die rennen unter 50 Sekunden. Das kann Johanna Martin nicht. Noch nicht. Aber es wird passieren. In Birmingham wahrscheinlich nicht, aber irgendwann. Sie wird den Großen schon mal zeigen, was sie drauf hat. Und die werden froh sein, dass sie noch ohne die junge Deutsche die Medaille ausknickern können. Vielleicht kommt Martin ins Finale, das wäre ein Kracher.
4x100 Meter
"Jetzt erst recht" beim DLV-Quartett ohne Ansah?
Das war ein Ausrufezeichen mit Sternchen, was die DLV-Jungs bei den World Relays in Botswana in die Bahn gebrannt haben. Deutscher Rekord - und was für einer. Damit haben sie sich in den Kreis der Favoriten geschoben. Aber jetzt fehlt der stärkste Mann. Der DLV setzt Owen Ansah nicht ein. Besser ist das, so traurig es ist. Aber wenn nachher gegen Ansah entschieden wird, leidet die ganze Staffel. Sie hätten es drauf. Konjunktiv. Oder jetzt erst recht?! Aber wie immer gilt: Nerven behalten. Nicht durch zu viel Adrenalin zu früh losrennen. Nicht vor Angst ob der großen Chance erstarren. Rennen.
Die Niederlande, Großbritannien und Italien wollen gewinnen. Die Briten haben unfassbar viele erstklassige Sprinter, sie erinnern so ein bisschen an die Amis. Auf dem Papier ergibt die Rechnung "4 mal Einzel-Zeit" Gold. Aber die Staffel-Rechnung auf der Bahn geht zum Glück ganz anders.
DLV-Sprinterinnen: Mit guten Wechseln ganz nach vorn?
Die Frauen zeigen seit Jahren beständige Klasse und was es heißt, die ehemals so hochgeschätzte deutsche Qualitätsarbeit auf die Bahn zu bringen. Die Wechsel müssen stimmen, dann kann es weit nach vorn gehen. Vier internationale Medaillen in den letzten vier Jahren - das legt die Erwartungslatte ziemlich hoch. Doch Obacht. Ein Selbstläufer ist das nicht, zumal versierte Kräfte "in Rente" gegangen sind. Doch die deutsche Staffel versteht es, füreinander einzustehen und alles reinzulegen.
Gemischte Staffel feiert Premiere - Medaille ist drin
Wir feiern eine Premiere: die Mixed-Staffel. Es wurde auch Zeit. Wer bekommt die Wechsel mit großen Geschwindigkeitsunterschieden am besten hin? Europarekordler Germany ist per Meldeliste die Nummer 1, doch wer gewinnen will, muss die 40-Sekunden-Schallmauer unterbieten. Im Lostopf für Edelmetall liegen die bekannten Nationen der europäischen Schnellzucker.
4x400 Meter
Top 6 das Ziel der Männer - Frauen schaffen es ins Finale
Das war mal ein schönes Ding: EM-Bronze für die deutsche Staffel in Rom. Nach all den Jahren der Lehre, nun endlich der Lauf für den Medaillenspiegel. In dem Jahr passte alles zusammen. Bei den Olympischen Spielen kurz darauf nochmals eine bärenstarke Vorstellung. Nun gilt es, diesen Rückenwind mitzunehmen und nicht in alte Muster zu verfallen. Mutig sein, Zutrauen finden, über sich hinauswachsen. Die drei einfachen Floskeln der Laktat-Theorie. Vorn wird fröhlich unter drei geschrubbt. Deutschland muss in die Top 6, läuferisch hat das Quartett eine Zeit mit der 2 vorne drauf.
Bei den Frauen wird vorn wieder die Post mit den Niederlanden, Großbritannien und jetzt Norwegen abgehen. Die deutschen Sprinterinnen müssen ins Finale kommen und das schaffen sie auch.
Deutsche Mixed-Staffel nicht am Start
In der Mixed-Staffel wird es in Birmingham spannend zugehen, da man schauen muss, wie die Nationaltrainer die Ressourcen auf die Disziplinen verteilen. Wir haben das volle Angebot des Sports auf eine Woche komprimiert. Das heißt, Topläufer haben mitunter ein bisschen weniger Zeit auf Erholung. Das Problem hat Deutschland nicht: Der DLV schickt keine gemischte Staffel auf den vier Stadionrunden zur EM.
110 Meter Hürden
Kein klarer Gold-Favorit - Minoue muss hellwach sein
Über die Hürden ist es schwer, einen wirklichen Favoriten auszumachen. Die erfahrenen Sprinter namens Jason Joseph aus der Schweiz oder Enrique Llopis aus Spanien oder einer der ihre Chance witternden Franzosen? Auf jeden Fall der Nervenstärkste mit den wenigsten Fehlern.
Die darf Gregory Minoue auch nicht machen. Im Vorlauf geht es schon um alles. Da muss er hellwach und konzentriert sein, dann geht's eine Runde weiter in den Zwischenlauf, in dem er befreit und furchtlos angreifen muss.
100 Meter Hürden
Schuster sollte sich nicht unter Druck setzen
12,69 Sekunden, Meisterschaftsrekord eingestellt. Das war ein Statement. Franziska Schuster zerstörte ihre alte Bestleistung, als sei sie all die Jahre mit angezogener Handbremse gelaufen. In Wattenscheid zeigte die 24-Jährige ihre wahre Klasse. Doch Obacht: Die Erwartungen dürfen nicht zu hoch gesteckt werden. Von außen und von ihr. Aber sie weiß, dass solche Läufe außergewöhnlich sind. Mit dieser Zeit rückt sie in den Kreis der Endlauf-Teilnehmerinnen, aber das zu wiederholen, wird schwer. Deshalb: Genießen, gleiten, rennen, befreit laufen. Einfach gesagt, schwer getan.
Rosina Schneider und Lia Flotow können genauso planen: Das Beste geben. Beim Saisonhöhepunkt gegen starke Konkurrenz unter 13 Sekunden bleiben, das wäre doch was. Die Hürden machen dieses Jahr Spaß in Deutschland.
Vorn geht die Post mit Nadine Visser aus den Niederlanden und der Polin Pia Skrzyszowska ab. Weltmeisterin Ditalji Kambundji aus der Schweiz laborierte bis zuletzt an einer Zerrung.
400 Meter Hürden
Warholm holt Gold - und ein Deutscher Silber oder Bronze
Die Disziplin des Karsten Warholm. Lange Jahre war der Norweger schier unschlagbar, doch international hat es in den letzten Jahren immer wieder jemand geschafft. Doch auf europäischer Ebene sollte erstmal noch nichts anbrennen. Vorerst.
Starke Konkurrenten von Warholm tragen Schwarz-Rot-Gold. Emil Agyekum, Deutschlands neue Nummer 1 und Rekordhalter, wird jedes Jahr schneller. Er durchläuft gerade eine beeindruckende Entwicklung. Owe Fischer-Breiholz ließ im letzten Jahr schon durchblicken, dass er der nächste "U48er" wird. Einzig eine Vorlauf-Verletzung bei der WM in Tokio verhinderten dies. Beide kommen ins Finale, einer holt die Medaille.
Zapletalova ist Topfavoritin - Demes mit Final-Chancen
Der Weg ist frei. Ohne die Niederländerin Femke Broeders-Bol sortieren sich nun alle Athletinnen einen Platz weiter vorn ein. Ganz oben wird in diesem Jahr die Slowakin Emma Zapletalova die Rolle von Bol als unschlagbare Hürden-Dominatorin einnehmen.
Wenn es für Eileen Demes gut läuft, dann rennt sie ins Finale, kann da befreit auflaufen. Allerdings sind die Beine dann schon nicht mehr so ganz frisch. Vanessa Baldé ist durch den College-Sport harte Belastungen gewohnt. Vielleicht haut sie unter ihr bekannter Drucksituation zum europäischen Saisonhöhepunkt einen raus.